Das Trauerspiel der deutschen Autokonzerne in China nimmt kein Ende. Bis Ende Mai sanken die Verkäufe von VW, Mercedes und BMW gegenüber dem Vorjahreszeitraum um ein knapp ein Viertel. Das geht aus Daten zweier chinesischer Automobilberatungen hervor, die der F.A.Z. vorliegen.„Sie wurden hart von den steigenden Benzinpreisen getroffen“, sagt Zhang Yu, Chef von Automotive Foresight. Infolge des Irankrieges und des hohen Ölpreises sind auch in China die Benzinpreise stark gestiegen, daraufhin haben sich viel mehr Käufer für Elektro- und Hybridautos statt für Verbrennerautos entschieden. Diese machen weiterhin einen Großteil der Verkäufe deutscher Unternehmen in der Volksrepublik aus.„Ich sehe darin nicht nur eine zyklische Schwäche oder einen kurzfristigen Preiskrieg“, sagt der ehemalige Chrysler-Manager Bill Russo, Gründer des Shanghaier Beratungsunternehmens Automobility. Im Premiumsegment gehe es in China nicht mehr so sehr um „mechanische Exzellenz“, sondern mehr um die digitale Nutzererfahrung. Und dort setzten Xiaomi, Xpeng, Nio oder Zeekr die Maßstäbe.BMW kommt noch glimpflich davonKonkret bilanziert Russo für die deutschen Autohersteller bis Ende Mai ein Minus von 24,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Zhang sieht einen Rückgang um 24,3 Prozent. Für die F.A.Z. hat er die aktuellen Verkaufsdaten der deutschen Konzerne eigens ausgewertet. Dabei kommt BMW, das seine Margenerwartung für das laufende Jahr in dieser Woche von vier bis sechs auf eins bis drei Prozent gesenkt hat, noch am glimpflichsten davon. Automotive Foresight bilanziert für BMW ein Minus von rund 12 Prozent. Statt 246.000 verkauften die Münchner bis Ende Mai nur noch 216.000 Autos. Als ersten Punkt hatte BMW in seiner Mitteilung die „negative Entwicklung“ in China angeführt.Dramatisch trifft es VW und Mercedes. Beide verbuchen laut Zhang ein Minus von knapp 27 Prozent. VW fällt von knapp einer Million Autos in den ersten fünf Monaten 2025 auf nur noch 720.000 in diesem Jahr, für Mercedes geht es von 223.000 auf 163.000 Autos abwärts.Die Zahlen beziehen sich auf den Absatz an Autohändler, nicht auf die tatsächlichen Verkaufszahlen an Privatkunden und Unternehmen. Auch Autos, die nach China eingeführt werden, werden nicht einberechnet. Diese machen aber ohnehin einen kleineren Teil der Verkäufe in China aus. Bis Ende April verzeichnete der chinesische Autoverband CPCA für BMW und Mercedes bei den Autoeinfuhren sogar ein noch stärkeres Minus von rund 30 Prozent.Abhängigkeit von VerbrennerautosDie große Schwäche deutscher Autokonzerne in China bleibt die Abhängigkeit von Verbrennerautos. Während der chinesische Automarkt in diesem Jahr ohnehin schon schwach ist, ist die Nachfrage nach reinen Verbrennerautos infolge der hohen Ölpreise förmlich kollabiert. Im Mai betrug das Minus gegenüber dem Vorjahreszeitraum mehr als 40 Prozent. Unter den zehn populärsten Modellen in der Volksrepublik war kein einziges reines Verbrennerauto mehr.Insgesamt schrumpfte der größte Automarkt in den ersten fünf Monaten um ein Fünftel. Die Nachfrage nach Hybrid- und reinen Elektroautos sank laut Russo um 17 Prozent, reine Verbrennerautos verloren sogar fast ein Viertel. Für das Gesamtjahr erwartet der Autoverband CPCA ein Minus von mehr als einem Zehntel, William Li, Vorstandschef des chinesischen Elektroauto-Start-ups Nio, rechnet hingegen schon mit einem Minus von bis zu 20 Prozent.Dafür boomt der Export. In den ersten fünf Monaten des Vorjahres lieferten Chinas Autokonzerne rund 2,5 Millionen Autos in alle Welt, in diesem Jahr waren es im gleichen Zeitraum schon mehr als vier Millionen Fahrzeuge. Der Export macht damit mehr als ein Drittel der gesamten Nachfrage nach chinesischen Autos aus.Entgegen den politischen Bemühungen in Brüssel und Berlin, die Abhängigkeit von der Volksrepublik zu senken, empfehlen Zhang und Russo den deutschen Konzernen, ihre Bemühungen in China zu intensivieren und neue Partnerschaften mit lokalen Unternehmen einzugehen. Zhang verweist etwa auf die Strategien japanischer Konzerne. Toyota nutze die Plattformen seiner lokalen Partner stark und habe so zwei populäre Elektroautos auf den Markt gebracht. Ähnlich sehe es bei Nissan aus. „Honda hat dagegen gar nichts.“ Das Absatzminus der japanischen Hersteller fällt mit 14 Prozent deutlich geringer aus als das der deutschen. Auch die Strategien japanischer Hersteller stehen im Widerspruch zur politischen Lage: Japan und China befinden sich seit Monaten in einem festgefahrenen diplomatischen Konflikt.„Von Mercedes sehe ich die gleiche Entschlossenheit bisher nicht“Die deutschen Konzerne bräuchten vor allem große Entschlossenheit, in China wieder aufzuholen, und müssten bereit sein, von ihren chinesischen Partnern zu lernen, sagt Zhang. VW sei mit dem großen Standort in Hefei, das der teilstaatliche deutsche Konzern zu einer Art zweitem Wolfsburg ausgebaut hat, am entschlossensten. Mit dem ID.Era 9X gebe es einen ersten Hoffnungsträger. Das Modell, das aus dem Gemeinschaftsunternehmen mit dem Shanghaier Staatskonzern Saic kommt, habe in seinem Segment zuletzt sogar erfolgreiche chinesische Marken wie die Huawei-Kooperation Aito abgehängt.Um BMW mache er sich angesichts der neuen Modelle der neuen Klasse weniger Sorgen, sagt Zhang. Am kritischsten fällt sein Urteil für die Marke mit dem Stern aus: „Von Mercedes sehe ich die gleiche Entschlossenheit bisher nicht.“