China-Markt im freien Fall: So verschärft sich die Krise der deutschen AutoherstellerDer Absatz von Neuwagen bricht ein, mit BMW ist auch der bisherige Musterschüler hart davon betroffen. Die einstige Wachstumsregion wird zum unkalkulierbaren Risiko.Cornelius Welp, Frankfurt17.06.2026, 16.57 Uhr4 LeseminutenBMW-Modelle iX3 und i3 bei der Autoausstellung in PekingImagoAm 13. Mai schien die Welt von BMW noch in Ordnung. «Unser Geschäftsmodell ist robust», rief der scheidende Vorstandschef Oliver Zipse den Aktionären des Autobauers bei der digitalen Hauptversammlung zu. Trotz ungünstiger Währungseffekte und des schwierigen Marktes in China habe der Konzern seine wichtigsten Ziele erreicht. «Im aktuellen Umfeld ist Vieles unwägbar», sagte Zipse. Das könne aber auch eine Chance sein. Denn BMW mache «aus externen Krisen einen Fortschritt.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Lange sah es tatsächlich so aus, als könne sich der Münchner Konzern dem Abwärtssog der Branche entziehen. Während die Wettbewerber Mercedes und VW mit Sparprogrammen gegen Absatzschwund und Kostendruck kämpften, vermeldete BMW zuletzt stabile Zahlen und eine gute Auslastung seiner Werke – auch in Deutschland. Am Dienstagabend hat das Bild einige kräftige Schrammen bekommen. Exakt um 17.46 Uhr verschickte der Konzern eine Mitteilung, mit der er seine Prognose für das Geschäftsjahr 2026 nach unten revidierte.Die BMW-Aktie bricht um sieben Prozent einStatt «moderat» soll das Konzernergebnis nun «deutlich» sinken, die Auslieferungen sollen sich nicht mehr «auf Vorjahresniveau» bewegen, sondern «leicht» zurückgehen. Am Mittwoch brach die Aktie um knapp sieben Prozent ein. Gründe für den neuen Pessimismus in München sind die durch die Krise am Golf ausgelösten Preissteigerungen und das Geschäft in China. In dem asiatischen Land habe sich die «negative Entwicklung im zweiten Quartal beschleunigt», teilte BMW mit.Das droht die Krise der wichtigsten deutschen Branche weiter zu verschärfen. Viele Jahre konnten sich Autohersteller und Zulieferer auf die stets steigende Nachfrage aus China verlassen. Teilweise setzten sie die Hälfte der von ihnen produzierten Neuwagen in dem Land ab. Der Boom ist längst vorbei, vor allem heimische Hersteller wie BYD haben den deutschen Produzenten den Rang abgelaufen. Mit neuen, günstigen Modellen, die sie vor Ort entwickeln und bauen, wollen BMW, VW und Mercedes ihre Position nun verteidigen. Doch die sinkende Nachfrage verschärft den ohnehin schon ruinösen Preisdruck und macht das Geschäft in China zum schwer kalkulierbaren Risikofaktor.Dabei war der chinesische Automarkt 2025 noch um vier Prozent gewachsen. Mit knapp 24 Millionen Fahrzeugen machte er rund 30 Prozent des Weltmarkts aus. Allerdings ging die Zahl der Neuzulassungen schon im vierten Quartal um fünf Prozent zurück. Und die deutschen Hersteller profitierten ohnehin nicht vom Aufschwung: Ihr Marktanteil fiel um knapp drei Prozentpunkte auf 16 Prozent. Bei Elektroautos belief er sich auf kümmerliche zwei Prozent.Die Verkäufe in China gehen um 20 Prozent zurückSeit Jahresbeginn befindet sich der chinesische Markt nun fast schon im freien Fall. Im Mai rollten nach gerade veröffentlichten Daten des chinesischen Verbands für Personenkraftwagen nur noch rund 1,5 Millionen neue Fahrzeuge auf die Strassen – das waren 22 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Nachdem wegen des Auslaufens staatlicher Förderungen zunächst die Nachfrage nach Elektroautos abgestürzt war, liessen die gestiegenen Benzinpreise dann auch den Absatz von Verbrennern einbrechen. Seine Prognose für das Gesamtjahr hat der Verband deshalb schon mehrfach nach unten korrigiert.Das setzt die deutschen Hersteller weiter unter Druck. BMW hatte 2025 in China rund 625 000 Fahrzeuge ausgeliefert, das waren 12,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Wegen der starken Nachfrage in Europa und den USA konnte der Autobauer diesen Rückgang jedoch besser als seine Wettbewerber kompensieren. Obwohl der Absatz im ersten Quartal nochmals um zehn Prozent fiel, hatte Vorstandschef Zipse noch im Mai eine Trendwende in Aussicht gestellt. «Wir wollen in China wieder wachsen», hatte er gesagt. «Unser Ansatz dafür lautet: In China. Für China. Mit China.»Ein Produktfeuerwerk soll die Wende bringenNach dieser Devise agieren auch die anderen deutschen Hersteller. Die vor Ort entwickelten Fahrzeuge sollen nicht nur günstiger sein, sondern auch die Bedürfnisse der dortigen Klientel passgenauer treffen. Das gilt auch für Mercedes: «Wir planen ein Produktfeuerwerk, mit dem wir perspektivisch wieder wachsen können», hatte Konzernchef Ola Källenius Anfang des Jahres im Interview mit der «NZZ» gesagt. Aktuell ist der Konzern davon weit entfernt. Nachdem der Absatz in China schon 2025 um knapp 20 Prozent gefallen war, ging er in diesem Jahr nochmals um 30 Prozent zurück.Dennoch haben die Konzerne zuletzt kräftig in China investiert. Das liegt auch daran, dass immer mehr Autobauer und Zulieferer nicht mehr nur für den lokalen Markt, sondern für die ganze Welt forschen und entwickeln wollen. Nach einer Ende April veröffentlichten Studie der deutschen Auslandshandelskammer in China hat sich ihr Anteil innerhalb von zwei Jahren auf 33 Prozent fast verdreifacht. 81 Prozent der knapp 260 befragten Firmen aus der Branche erklärten, dass sich das Tempo bei Innovationen dadurch erhöht habe. 79 Prozent gaben an, dass sie im Vergleich zum Standort Deutschland Kosten sparten.Die Vorteile will auch VW stärker nutzen, das Entwicklungszentrum in Hefei soll in der Strategie eine zentrale Rolle spielen. Der Absturz des chinesischen Marktes hat Europas grössten Autokonzern besonders heftig getroffen: 2019 hatte VW in China noch 4,2 Millionen Wagen abgesetzt, 2025 waren es nur noch knapp 2,7 Millionen. Von Januar bis März brachen die ohnehin schon schwachen Verkäufe im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 15 Prozent auf knapp 550 000 ein.Während der Wolfsburger Konzern bei Verbrennern noch zu den gefragtesten Anbietern zählt, spielt er bei Elektroautos kaum eine Rolle. Deren Anteil an allen Neuzulassungen lag in China allerdings zuletzt bei fast zwei Dritteln. Die Lage in Wolfsburg ist auch deshalb angespannt. Am Dienstag berichtete das «Manager Magazin» von einer internen Umfrage, nach der sechs von neun Vorständen den Konzern für existenziell bedroht hielten. Bei einer anderen Frage sollen sie sich einig gewesen sein: Die ursprüngliche Strategie für China funktioniert nicht mehr.Passend zum Artikel