MeinungDer Hype um den KI- und Weltraumkonzern SpaceX war einmalig. Die Aktien sind absurd überteuert. Als Prognose bleibt daher ein Kurseinbruch mit Einbussen im Börsenwert, wie sie in der Geschichte nur selten vorgekommen sind.Jens Ehrhardt18.06.2026, 23.07 UhrErwartungsgemäss war die Neuemission SpaceX das Grossereignis. Die grösste Publikumsöffnung aller Zeiten wird jetzt mit 2660 Mrd. $ bewertet, nachdem die Gesellschaft neue Aktien für über 86 Mrd. $ (inklusive sogenannter Mehrzuteilungsoption) an die Börse brachte. Genau wurden 555'555'555 SpaceX-Aktien zum Festpreis von 135 $ kurz vor Elon Musks 55. Geburtstag verkauft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Börsenwert der SpaceX-Aktien liegt damit über dem Wert aller zwanzig Aktien im Schweizer SMI zusammen und auch über dem Wert aller vierzig Dax-Aktien. Das Mischunternehmen aus KI- und Raumfahrtgeschäft ist das dreizehnte in den USA, das mit mehr als 1000 Mrd. $ bewertet wird.Gefüttert wurde der Markt mit Perspektiven für das zukünftige Wachstum von SpaceX, wo Musk zuletzt Rechenzentren in einer Umlaufbahn um die Erde ankündigte, was angeblich im Hinblick auf die Kühlungsmöglichkeiten im kalten Weltraum günstig wäre, allerdings völlig unrealistisch ist. Tatsächlich dürften die Kosten für solche Rechenzentren beim Vielfachen von erdgebundenen Rechenzentren liegen, wobei auch hier keineswegs sicher ist, ob diese überhaupt in der angekündigten Anzahl gebaut werden. Von den zuletzt angekündigten Projekten wurde bisher nur bei einer verschwindend kleinen Zahl überhaupt mit dem Bau begonnen.SpaceX ist ein relativ kleines Unternehmen: Der Umsatz betrug im letzten Jahr lediglich 18,7 Mrd. $, bei einem Verlust von fast 5 Mrd. $. Alle anderen US-Börsenunternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 1000 Mrd. $ haben einen positiven freien Cashflow. Umso mehr mussten bei SpaceX die Zukunftsvisionen herhalten.Die US-Investmentbank Goldman Sachs als Hauptverkäuferin vor den Grossbanken Morgan Stanley, JP Morgan, Bank of America und Citigroup sowie fünfzehn anderen Banken sagte eine Verhundertfachung der Einnahmen im KI-Bereich der Sparte xAI auf 322 Mrd. $ bis 2030 voraus. Im Zuge der Emission wurde xAI mit 250 Mrd. $ bewertet, fast mit dem Hundertfachen des Umsatzes. SpaceX insgesamt war schon am Ende des ersten Handelstages bei einem Börsenwert von 2100 Mrd. $ mit mehr als dem Hundertfachen des letztjährigen Umsatzes bewertet. Auf dem Höhepunkt der Börsenhysterie im Jahr 2000 machten zwar auch viele junge Unternehmen Verluste, waren dann aber in der Regel mit dem weniger als dem Zehnfachen des Umsatzes bewertet.Morgan Stanley schätzt, dass sich der SpaceX-Umsatz bis 2040 auf rund 3,4 Bio. $ erhöhen und damit etwa verhundertachtzigfachen wird. Der Gewinn soll bis 2040 auf 2,7 Bio. $ steigen. Das wäre in etwa das Dreissigfache des Gewinns der drei grössten börsennotierten US-Unternehmen Nvidia, Alphabet und Apple.Den absurd teuren Aktien droht der KurseinbruchDer Hype, mit dem die SpaceX-Aktien unter das Volk gebracht wurden, dürfte in der Börsengeschichte einmalig sein. Wenn eine Aktie so absurd überteuert an die Börse kommt, bleibt als Prognose nur ein in der Börsengeschichte seltener Absturz, vielleicht nach einer Top-Bildung im Sommer dieses Jahres von mehr als 200 $. Spätestens wenn SpaceX zu einem derzeit noch nicht bekannten Zeitpunkt in den US-Leitindex S&P 500 aufgenommen wird, sollte das Top erreicht sein.Angesichts der absurd erscheinenden Bewertung von SpaceX dürften die Kursaussichten für die nächsten Jahre denkbar schlecht sein. Übernahmen bezahlt durch einen Aktientausch wie jüngst beim Kauf des KI-Unternehmens Cursor mit einem Volumen von 60 Mrd. $ sind aber günstig möglich. Vor diesem Hintergrund könnte Musk Tesla und SpaceX fusionieren, was ihm wohl Verkaufsgelegenheiten für beide Gesellschaften zu sehr hohen Börsenbewertungen ermöglichen würde.Musk hatte bei Ausgabe der Aktien einen unrealisierten Gewinn von 900 Mrd. $ durch SpaceX in den Büchern, der heute sogar noch 50% höher liegt. Dazu kommen 280 Mrd. $ an Wert seiner Tesla-Aktien, zusammen also rund 1600 Mrd. $. Musk ist somit der erste Dollar-Billionär der Welt.Mit der SpaceX-Emission wurden mehr als 4000 SpaceX-Angestellte Millionäre, über 400 davon mit jeweils mehr als 100 Mio. $ Aktienvermögen. Börsenanalysten reiben sich schon die Hände mit Blick auf den Gewinn der amerikanischen Luxusunternehmen. Die Aktienwerte können aber in der nächsten Börsenbaisse schnell dahinschmelzen, so dass die tatsächliche Kaufkraft, die wirklich umgesetzt werden kann, von den frischgebackenen Millionären nach entsprechendem Börsenrückgang nur ein Bruchteil der heutigen Vorstellungen sein dürfte.Was Privatanleger am SpaceX-IPO verdienen konntenEuropäer bekommen bei erfolgreichen Börsengängen in den USA erfahrungsgemäss extrem kleine Zuteilungen. Die US-Privatanleger wurden extrem zur Zeichnung motiviert, sie sollen gut zwanzig Aktien pro Person zugeteilt bekommen haben, was dann einem unrealisierten Gewinn von rund 1300 $ entsprach. Für 100 Mrd. $ sollen Zeichnungswünsche vorgelegen haben bei einer Zuteilung von 20% der zu offerierenden Aktien mit einem Wert von 15 Mrd. $.Wenn Privatanleger nur kleine Stückzahlen erhalten, aber durch den ersten Kursaufschlag den Eindruck eines sicheren Gewinns bekommen, wird der spekulative Kaufreflex eher verstärkt als gedämpft. Genau ein solcher Anfangsgewinn hat in früheren Emissionswellen oft dazu geführt, dass spätere Börsengänge noch leichter platziert werden konnten.Für den Gesamtmarkt ist deshalb nicht entscheidend, ob die Zeichner am ersten Tag einige hundert Dollar verdienen, sondern ob die Summe der neuen Papiere frisches Kapital bindet, das später bei Kursrückgängen als Nachfrage fehlt. Damit kann die Emission auch dann belastend wirken, wenn sie als Erfolg gefeiert wird. Allerdings dürften auch viele am ersten Tag verkauft haben. Der Handelsumsatz betrug 504 Mio. Aktien, was etwa 80 Mrd. $ und ziemlich genau der Emissionssumme der 555'555'555 Aktien entsprochen hat.Auch die Beschwichtigungen der grossen US-Banken überzeugen nicht: Das diesjährige Wallstreet-Emissionsvolumen von 600 bis 700 Mrd. $, gemessen an einer US-Marktkapitalisierung von über 50'000 Mrd. $, sei gering und liege im historischen Rahmen. Ebenso wenig beruhigt, dass die US-Börsenkredite für schuldenfinanzierte Käufe zwar ein Rekordhoch erreicht haben, aber weniger als 3% der gesamten Börsenkapitalisierung ausmachen. Es ist zwar richtig, dass diese Zahl 1929 bis auf 10% gestiegen war, ebenso 2005 beim historischen Aktienindexhoch in China. Aber trotzdem haben in der Vergangenheit hohe Börsenkredite und sprunghafte Steigerungen des Angebots zumindest zu Belastungen für die Börse geführt und einen nachhaltigen Anstieg der Aktienkurse verhindert. Jedenfalls dürfte es noch nie eine so grosse Neuemission gegeben haben, die fundamental derartig überbewertet gewesen wäre.Mechanik der ETF-Branche treibt SpaceX-Bewertung hochDer hohe Emissionswert von SpaceX erklärt sich auch damit, dass einige Indexanbieter dazu gedrängt wurden, die Aktien gleich in den Index aufzunehmen wie beim Nasdaq, während es früher oft viele Monate dauerte, bis eine neue Emission in einen Index aufgenommen wurde. Durch die Indexaufnahme müssen die zahlreichen passiven Investments wie zum Beispiel börsengehandelte Indexfonds die Aktien kaufen, ganz unabhängig von der Bewertung.Bei einer Aktie, deren frei handelbarer Anteil gering ist und deren Börsenwert in Billionenhöhe liegt, reichen dann schon relativ kleine Indexkäufe aus, um die Anfangskurse weiter nach oben zu treiben. Damit wird eine Bewertung, die fundamental kaum erklärbar ist, durch die Mechanik der Indexindustrie zusätzlich vorangetrieben, jedenfalls solange die Zuflüsse in passive Produkte anhalten.Kapitalintensiver Energiesektor könnte den KI-Hype bremsenWährend die Investitionswelle noch im vollen Gange ist, stellt sich nach wie vor die Frage, inwieweit die Milliardenbeträge an KI-Investitionen in Unternehmensgewinn umgesetzt werden können. Dazu kommt, dass die Investitionskosten nicht nur bei Nvidia-Chips oder Speicherchips entstehen. Grundstücke, Stromverträge, Netzverstärkungen, Wasserrechte und Sicherungssysteme binden ebenfalls Kapital, bevor auch nur ein einziger zusätzlicher Dollar Umsatz erzielt wird.In einigen amerikanischen Regionen werden neue Rechenzentren bereits mit Wartezeiten für Netzanschlüsse konfrontiert, während Energieversorger wieder stärker auf Gas- und teilweise sogar auf ältere Kraftwerkskapazitäten zurückgreifen müssen. Damit verschiebt sich ein Teil der KI-Wette aus der Softwarewelt in die eher langsame Welt der Energieinfrastruktur. Genau dort können Kostensteigerungen und Verzögerungen nicht beliebig mit höheren Bewertungen überdeckt werden, weil reale Leitungen, Genehmigungen und Strompreise am Ende wichtiger sind als Analystenmodelle.Besonders problematisch ist dabei, dass der grösste Teil dieser Investitionswelle gleichzeitig erfolgt. Jedes der grossen US-Techunternehmen versucht, sich Rechenleistung, Chips und Strom langfristig zu sichern, weil niemand riskieren will, im KI-Wettbewerb zurückzufallen. Dadurch entsteht aber kein klassischer Burggraben als Schutz vor Konkurrenz, sondern ein gegenseitiges Hochrüsten.Wenn mehrere Anbieter dieselben Modelle, dieselben Chips und dieselben Cloudkunden ansprechen, kann der Wettbewerb die Preise schneller drücken, als die Auslastung steigt. Genau dies unterscheidet die heutige Situation von der früheren Phase der Suchmaschinen, Betriebssysteme oder sozialen Netzwerke, in der ein dominierender Anbieter nach Erreichen der kritischen Masse jahrzehntelang fast monopolartige Margen erzielen konnte. Bei KI ist noch keineswegs sicher, ob die hohen Bruttomargen der Vergangenheit überhaupt verteidigt werden können.Unabhängig vom zukünftigen Gewinn und den Börsenkursen für KI-Unternehmen bleibt festzuhalten, dass angesichts der gigantischen Investitionen die Abhängigkeit der Welt von den US-Technologieunternehmen immer weiter wächst. Immerhin machen die Investitionen von Alphabet, Microsoft, Amazon und Meta in diesem Jahr deutlich mehr als 2% des US-Bruttoinlandprodukts aus. Das übertrifft selbst den grössten Investitionsboom der US-Geschichte: den Ausbau der Eisenbahninfrastruktur ab 1850, der rund 2% der damaligen Wirtschaftsleistung ausmachte.Dieser Artikel ist ein Auszug aus der «Finanzwoche», dem seit 1974 erscheinenden Investmentbulletin von Jens Ehrhardt.Jens EhrhardtJens Ehrhardt ist Gründer, Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzender von DJE Kapital. Nach fünfjähriger Partnerschaft in der seinerzeit grössten deutschen Wertpapier-Vermögensverwaltungs-Gesellschaft promovierte er 1974 über «Kursbestimmungsfaktoren am Aktienmarkt». Im selben Jahr legte er den Grundstein für den Aufbau seiner Firmengruppe, die er von Beginn an leitet. Ehrhardt verantwortet neben seiner Rolle als Vorstandsvorsitzender noch die Bereiche Risikomanagement und Unternehmens-/Anlagestrategie.