Die Aktie, die den Investoren um die Ohren fliegen könnte: Der Hype um Musk, KI und Raumfahrt trägt alle Züge einer SpekulationsblaseDer fulminante Börsengang verschafft SpaceX eine Bewertung, die selbst Musk-gläubige Anleger ins Grübeln bringen sollte.14.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIllustration Dario Veréb / NZZaSDer erste Handelstag von SpaceX machte Elon Musk zum ersten Billionär der Menschheit. Sein Raumfahrt- und KI-Unternehmen erreichte am Freitagabend einen Börsenwert von 2,1 Billionen Dollar.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Stimmung der Investoren schwankte dabei zwischen Euphorie und Fomo – der Angst, etwas zu verpassen: Die Anleger wollten eigentlich viel mehr SpaceX-Aktien kaufen. Das Orderbuch war 3,5- bis 4-fach überzeichnet. Was für ein Triumph für Musk.In den kommenden Monaten kommt allerdings eine Aufgabe auf ihn zu, die anspruchsvoller sein dürfte als der Börsengang selbst: Musk muss sicherstellen, dass der Aktienkurs nicht vom Himmel zurück auf die Erde fällt.SpaceX schreibt Milliardenverluste. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei über 100. Es gibt keine Fakten, die eine so absurd hohe Bewertung rechtfertigen würden, nur Glaube: die fast schon religiöse Hoffnung, dass der SpaceX-Alleinherrscher Musk die Menschheit auf den Mars führen wird. Dass er im Orbit Datencenter bauen und auf Asteroiden Rohstoffe abbauen kann.Wie der Auszug des Volkes Israel aus ÄgyptenEs dürfte eine wechselvolle Reise werden, vergleichbar mit dem Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Bis dieses das Heilige Land besiedeln konnte, irrte es bekanntlich vierzig Jahre in der Wüste umher.Gott musste das eine oder andere Wunder tun, um sein Volk bei der Stange zu halten. Auch Musk hat Überraschungen für seine Mitaktionäre in petto.Einige zeichnen sich bereits ab. So erwarb SpaceX im April eine Kaufoption für die KI-Jungfirma Cursor. Übt das Unternehmen diese aus, kostet das die Kleinigkeit von 60 Milliarden Dollar. Musk würde bei einer Barzahlung also vier Fünftel der Erlöse des Börsengangs gleich wieder ausgeben. Mithilfe von Cursor will SpaceX zu den Konkurrenten Anthropic und Open AI aufschliessen.Dabei ist SpaceX erst im Februar unerwartet ins KI-Rennen eingestiegen, als es Musks Firma xAI schluckte. Die Transaktion ging mit einer Bewertung von stattlichen 250 Milliarden Dollar über die Bühne.Kommt bald eine Fusion mit Tesla?Viele Branchenexperten gehen zudem davon aus, dass Musk SpaceX mit Tesla fusionieren will. Auf dem Prognosemarkt Kalshi sehen Investoren derzeit eine Wahrscheinlichkeit von 49 Prozent, dass eine solche Elefantenhochzeit bereits in den nächsten zwölf Monaten über die Bühne gehen wird.Tesla hat eine Börsenkapitalisierung von knapp 1,3 Billionen Dollar, was mehr ist als alle anderen Autobauer zusammen. Allerdings stellt Tesla nur einen Bruchteil der Fahrzeuge her, die etwa bei Toyota von den Fliessbändern rollen.Die Aktionäre von Tesla – von denen rund 40 Prozent Kleinanleger sind – wetten mit Tesla auf die Zukunft. Musk will Tesla zum führenden Anbieter für humanoide Roboter machen und Geld mit Robotaxis verdienen – Fahrzeuge, die ohne Fahrer auskommen.Ob diese Wette aufgehen wird, steht in den Sternen. Dort befindet sich auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Tesla. Es beträgt 370 und zeigt an, wie sehr die Aktionäre daran glauben, dass die Firma irgendwann den Jackpot knacken wird. Zum Vergleich: Toyota-Aktien haben ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 9.Tesla hat also Züge einer Meme-Aktie, das heisst, ihr Kurs wird massgeblich durch Social-Media-Hypes beeinflusst. Und von der fanatischen Fangemeinde der Privatinvestoren, die Musk durch dick und dünn die Treue hält.JP Morgan macht eine KehrtwendeAuch viele Finanzanalysten gehen pfleglich mit Tesla um. Sie wollen es sich nicht mit dem reichsten Mann der Welt verderben. In ihren «Research-Berichten» führen sie darum bizarre Argumente an, um der Firma einen Wert zu attestieren, den sie im Moment ganz offensichtlich nicht hat.Sogar JP Morgan, die ihren Kunden elf Jahre lang ununterbrochen empfohlen hatte, Tesla-Aktien zu verkaufen: Im Juni, als der JP-Morgan-Chef Jamie Dimon für die Kunden seiner Bank eine Live-Diskussion mit Musk durchführte, kam der Gesinnungswandel. JP Morgan stufte das Kursziel von Tesla gleich um 228 Prozent hoch.Auch SpaceX, bei dessen Börsengang ein ungewöhnlich hoher Aktienanteil für Kleinanleger reserviert war, könnte zu einem Meme-Stock werden. Wenn die Firma mit Tesla fusioniert, natürlich erst recht.Das Problem ist weder die Firmenstrategie noch Musks bisheriger Leistungsausweis. KI und Raumfahrt bergen ein enormes wirtschaftliches Potenzial, selbst für den wahrscheinlichen Fall, dass es zu Musks Lebzeiten keine Stadt auf dem Mars geben wird.Musk hat mit seinem Shuttle-Dienst ins Weltall eine Monopolstellung aufgebaut und die Transportpreise für Waren in den Orbit massiv gesenkt. Auch was der Ausnahmeunternehmer in puncto KI erreicht hat, lässt sich sehen. Obwohl er viel später startete als Open AI und Anthropic.Das Problem ist die exzessiv hohe Bewertung seiner Firmen. Auch bei Anthropic und Open AI, die dieses Jahr ebenfalls an die Börse wollen, ist eine solche Entkoppelung von den wirtschaftlichen Realitäten wahrscheinlich.Das Desaster kommt«Jede Generation von Investoren muss selbst ins Desaster rennen», sagt Thorsten Hens. Der Finanzprofessor an der Universität Zürich ist ein Spezialist für Verhaltensökonomie.1961 sei es der Börsengang von VW gewesen, der Hunderttausende Deutsche erstmals zu Anlegern werden liess. Danach kam es zu einem brutalen Kurssturz. «Dieses Muster wiederholte sich 1996 mit dem IPO der Deutschen Telekom während der Dotcom-Blase.» Beim SpaceX-Börsengang werde es genau gleich enden, sagt Hens. «Alle 20 bis 30 Jahre platzt eine Spekulationsblase.»Der Professor geht davon aus, dass wir uns bereits in der vorletzten Phase dieser Spekulationsblase befinden. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass Leute in den Markt einsteigen, die normalerweise nie Aktien kaufen. Wie am Freitag beim Börsengang von SpaceX. «Von hier können die Kurse nochmals um 50 Prozent steigen, bevor es dann in der letzten Phase so richtig volatil wird», sagt Hens.Besonders die Aktien der Anbieter von grossen Sprachmodellen scheinen ihm absturzgefährdet, da es bei diesem Geschäft kaum Eintrittsbarrieren gebe. Fast jeder könne ein solches Sprachmodell programmieren.«Ich denke, dass sich die SpaceX-Aktien den Sommer über gut halten, dann aber im Herbst unter den Ausgabekurs fallen werden», sagt Hens. «Und dass einer der beiden anderen grossen Börsengänge, also entweder Anthropic oder Open AI, scheitern wird.» Die beiden seien sich zu ähnlich.Wer den Einstieg bei SpaceX verpasst hat, kann sich also mit dem Gedanken trösten, dass es diese Aktien irgendwann zum Ausverkaufspreis geben wird.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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