In gewaltigen Schwaden steigt tiefschwarzer Rauch vom Moskauer Ölverarbeitungswerk auf. Man sieht ihn schon, wenn man aus der gut drei Kilometer entfernten Metrostation Ljublino im Südosten der russischen Hauptstadt kommt. Ein frischer Wind trägt den Rauch fort in Richtung Moskauer Umland, sodass es hier nicht stinkt. Aus der Richtung des Nachbarstadtteils Kapotnja, in dem die riesige, zur Ölsparte des Konzerns Gazprom gehörende Raffinerie liegt, tönt dumpfes Knallen. Sind das noch mehr Drohnen, Luftabwehrgeschütze, explodierende Speicher? Es bleibt unklar.Viele der Leute, die an der nahen Haltestelle auf Busse waren, schauen gar nicht in Richtung Raffinerie, sondern in die Gegenrichtung, aus der die Busse kommen sollen. Von denen verkehren einige, aber auf den Bus mit der Nummer 305, der direkt vor der Raffinerie halten würde, wartet man an diesem Morgen vergeblich.Anders als am Dienstag gibt es schwere SchädenDie Straße, die in Richtung Raffinerie führt, ist nach Krasnodar benannt, der Hauptstadt der südwestrussischen Region, die jetzt ebenfalls ständig von ukrainischen Drohnen heimgesucht wird. Je näher man Kapotnja kommt, desto mehr Menschen filmen den Rauch, obwohl Bürgermeister Sergej Sobjanin es Mitte Mai verboten hat, die Folgen von Drohnenschlägen aufzunehmen.Vor dem tiefschwarzen Rauch heben sich Kuppel und Kreuz einer Kirche ab. Entlang der Straße geht es vorbei an vom Geschehen ungerührten Tschetschenen, die Menschen und Waren in ihren Kleinbussen nach Grosnyj bringen, der Hauptstadt der kriegserfahrenen Nordkaukasus-Teilrepublik. Das dauere „20, 21 Stunden, es sind ja 2000 Kilometer“, erklärt einer von ihnen, der in seinem Laderaum hockt und auf Kunden wartet. Linker Hand ein Großmarkt, der heißt wie die Hauptstadt, dann Wohnblöcke, schließlich einer der einheimischen McDonald's-Nachfolger, die den russischen Trotz gegenüber dem Westen im Namen tragen: „Lecker – und Punkt“, heißen sie.Im Park am Bezirksgericht, wo Sobjanin, Präsident Wladimir Putins Chefmodernisierer, Ljublinos Bewohnern Sportstätten, Spielplätze und Bänke beschert hat, singen die Vögel. Von hier sieht man besser, was in der Raffinerie geschieht: Ein Großbrand tobt, anscheinend sind mehrere Tanks in Flammen aufgegangen. Ein junger Elektrorollerfahrer filmt das, raucht dabei eine dünne Zigarette. „Da hat der dritte Weltkrieg begonnen“, sagt er unvermittelt und fragt, ob die kleine Straße Richtung Kapotnja geöffnet sei, er wolle „näher ran“. Dann sagt er, „man muss in Freundschaft leben“, und fährt los.Erst Stunden später soll der Brand „lokalisiert“ seinDie Straße ist frei, hinter einem Umspannwerk stellt der Mann seinen Elektroroller ab. Unter einer Hochspannungsleitung haben sich schon ein paar andere Schaulustige versammelt. Die Ölanlagen brennen nämlich nur wenige Hundert Meter entfernt, hinter frühlingsgrünen Büschen tost ein Meer aus Flammen und Rauch. Alle hier sind junge Männer, alle filmen, alle sind sie mit Elektrorollern gekommen, die man überall in Moskau günstig mieten kann und auf denen auch Kuriere unterwegs sind. Auch ein solcher Kurier fährt vorbei, auch er filmt am Steuer.Am Morgen sind in Ljublino Löschhubschrauber gefilmt worden, jetzt sind keine zu sehen. Auch keine Feuerwehr. Vermutlich kommt sie noch nicht nah heran, erst Stunden später wird es heißen, der Brand sei „lokalisiert“. Analysten sprechen von Brandherden in einem Tanklager sowie in der Hauptverarbeitungssektion der Raffinerie.Über dem Südosten Moskaus steigt Rauch auf.F.A.Z.Die übernimmt laut der Nachrichtenagentur Reuters 53 Prozent der Kapazität der Raffinerie, die insgesamt 40 Prozent des Öls in der Hauptstadtregion verarbeiten soll. „Ukrainischer Drohnenangriff legt Betrieb an Moskauer Ölraffinerie lahm, sagen Quellen“, lautet die Schlagzeile. Das wirkt ebenso plausibel wie die Folgerung, dass sich der kriegsbedingte Treibstoffmangel in Russland verschärfen dürfte.Mehrfach explodiert etwas, bei besonders großen Feuerbällen ist die Hitzewelle sogar an diesem Aussichtspunkt zu spüren. Die jungen Männer schreckt das nicht, schockt das nicht. Wie viele Russen, die mit der Erfahrung groß geworden sind, ohnehin nichts zu sagen zu haben, wirken sie unbeteiligt, schicksalsergeben, neugierig noch auf Desaster.„Batz, wieder 500 Tonnen Öl weg!“, ruft einer der jungen Männer, als es in der Raffinerie besonders laut kracht und ein Feuerball Dutzende Meter in die Höhe steigt. Untereinander schildern die Schaulustigen unter sogenannten Mutterflüchen, Russlands unübersetzbarem Geschenk an die Sprachwelt, sinngemäß, dass die Luftabwehr versagt habe und dass Putin in einer misslichen Lage sei.Der Kreml inszeniert einen volksnahen PutinDiesen Eindruck erhärtet ausgerechnet die Inszenierung des Kremls selbst. Putin kam am Mittwoch in Kasan gut 800 Kilometer östlich von Moskau an, von wo sein Gipfel mit den Staats- und Regierungschefs des ASEAN-Zusammenschlusses die alte Botschaft in die Welt sendet, Russland sei nicht isoliert, sei ein begehrter Partner, essentielles Glied einer multipolaren Welt.In Kasan zeigt die Kreml-Regie Putin beim scheinbar spontanen Kontakt mit der Bevölkerung: Umringt von Leibwächtern im Anzug und Spezialkräften in Tarnkleidung, grüßt der Herrscher eine augenscheinlich hocherfreute Menschengruppe im Kasaner Kreml, einem prächtigen, von weißen Mauern eingefassten Ensemble am Ufer der Wolga.Präsidentenreisen in russische Regionen sind äußerst selten geworden, solche Kurzbegegnungen des abgeschotteten Herrschers sind noch rarer. Sie kommen typischerweise in schwierigen Momenten vor, wenn es gilt, Putin als volksnah, beliebt und gleichsam fest im Sattel zu zeigen, zum Beispiel nach dem Aufstand des Milizenführers Jewgenij Prigoschin vor bald drei Jahren. Tatsächlich sind sie genau choreographiert.So offenbar auch jetzt: Aufnahmen des Staatsfernsehens zeigen, wie einer der Leibwächter, die Putin nach einer Begegnung mit Menschen vor der Kasaner Verkündigungskathedrale eine Treppe hinunter geleiten, in ein Funkgerät von „Massowka“ spricht. Dieser russische Begriff bezeichnet Statisten, die von der Obrigkeit oftmals „in Massen“ herangeschafft werden, um Volksrückhalt zu simulieren.Selenskyj veröffentlicht Bilder des Angriffs194 abgeschossene Drohnen meldet Bürgermeister Sobjanin am Donnerstagmorgen. Das ist der größte Drohnenangriff, den es je auf Moskau gab. Es sind deutlich mehr Drohnen als am 17. Mai, als mehr als 120 Abschüsse gemeldet worden waren. Dabei war die Raffinerie von Kapotnja offenkundig das Hauptziel. Sobjanin gibt zu, dass es „einigen“ Drohnen „gelungen“ sei, sie „zu erreichen“. Später fügt er hinzu, in der Raffinerie sei niemand verletzt worden.Nicht nur dort gibt es Schäden. Auch in Wohnhäuser in der Umgebung schlagen Drohnen ein. Zwei Einkaufzentren in der Nähe des Raffineriegeländes werden beschädigt. Straßen werden gesperrt, alle vier Hauptstadtflughäfen schließen zeitweise, Reisende warten in Ungewissheit. Aus mehreren Städten des Moskauer Umlands werden Schäden und insgesamt 17 Verletzte gemeldet.Aber die Hauptfernsehsender vermelden den Angriff in ihren Morgennachrichten nur knapp, kaum eine Minute lang, streng unter Berufung auf Sobjanin. Abermals veröffentlicht Selenskyj Bilder des Angriffs. „Es ist an der Zeit, diesen Krieg zu beenden“, schreibt der ukrainische Präsident auf Telegram, „und Russland muss die notwendigen diplomatischen Schritte unternehmen.“
Raffineriebrand in Moskau: „Da hat der dritte Weltkrieg begonnen“
Beim größten Drohnenangriff auf Russlands Hauptstadt ist auch die Raffinerie von Kapotnja in Brand geraten. Schaulustige sammeln sich und filmen das Desaster.











