In Sofías Laden wird nicht nur mit Pesos bezahlt. Manchmal legen die Kunden Kokapaste auf den Tresen, wenn sie ein Bier bestellen. Ein Gramm Paste ist in der Gegend derzeit 2700 Pesos wert. Sofía kauft damit neue Waren für ihren Laden ein, Bier, Schnaps, Lebensmittel, Snacks. Kokapaste ist Ware, Währung und eine kleine Wechselmarge zugleich. „Das Wichtigste ist, dass man investiert, damit man Umsatz macht“, sagt Sofía, als sei es das Normalste der Welt. Und irgendwie ist es das auch.Sofía lebt im ländlichen Guaviare, einer abgelegenen Region Kolumbiens am Rande Amazoniens. Schon wenige Kilometer hinter San José del Guaviare wird der Asphalt schmaler, dann schlechter, dann zur Piste. Kühe stehen am Straßenrand, hin und wieder kreuzen ein Motorrad oder ein Pick-up den Weg. Sofías Laden sieht aus wie viele Läden draußen auf dem Land. Ein einfaches Wohnhaus, das sich zur Straße hin in eine Art Kiosk verwandelt. Vorne werden Waren verkauft, daneben stehen ein paar Tische und Bänke. Sofía ist gerade mal 15 Jahre alt. Sie spricht wie jemand, der früh verstanden hat, dass man in dieser Gegend besser keine Hilfe erwartet. Sie stammt aus einer armen Familie mit acht Geschwistern, der Vater trank, mit fünf Jahren gab die Familie sie weg. Sie wuchs bei einem „Paten“ auf, der ihr eine Schulbildung ermöglichen sollte. Doch die Patenfamilie brauchte sie als Arbeitskraft. So lernte sie schon als Kind, wie man einen Laden führt. Als Sofías Pate starb, geriet sie in einen Streit mit dessen früherer Frau um das Haus und den Laden, die der Pate dem Mädchen vererbt hatte.So sieht es aus, wenn in Kolumbien Klopapier mit Kokapaste bezahlt wird.Die „anderen Leute“ hätten das Problem dann geregelt, sagt Sofía. Sie meint die Anführer der bewaffneten Gruppe, die in der Region das Sagen hat. Sie sind in ihren Einflussgebieten zugleich Ordnungsmacht, Steuereintreiber, Marktaufsicht und Richter. Sie verhängen Ausgangssperren, setzen Strafen fest, regeln Schulden, bestrafen Diebstahl und andere Verbrechen. Auch Sofías Laden ist diesem Regime unterworfen. Für eine Kiste Bier ziehen die Bewaffneten 3000 Pesos Steuer ein. So greift ihre Macht bis in die kleinsten Geschäfte und in den Alltag der Bevölkerung hinein.Das gilt nicht nur für die Menschen in Guaviare, sondern für Millionen Kolumbianer in etlichen Landesteilen. Der Krieg mit den „Revolutionären Streitkräften Kolumbiens“ (FARC) ist offiziell vorbei. Seit dem Friedensabkommen von 2016 gibt es die alte Guerilla nicht mehr als einheitliche Kriegspartei. Doch in Gegenden wie Guaviare ist die Gewalt nicht verschwunden. Sie hat sich zersplittert. Dissidentengruppen früherer FARC-Kämpfer und andere kriminelle Netzwerke kämpfen um Territorien und Routen für die Produktion und den Handel mit Kokain und illegalem Gold. Die Namen der Organisationen wechseln. Die Ökonomie bleibt. Und mit ihr der Kampf um ihre Kontrolle.Wie blutig dieser Krieg nach wie vor ist, zeigte sich erst wieder Ende Mai, etwa 100 Kilometer westlich von San José del Guaviare. Dort starben nach Angaben einer Zelle von FARC-Dissidenten mindestens 52 Kämpfer bei Zusammenstößen rivalisierender Gruppen, die um die Kontrolle einer strategischen Route ringen. Die Zahl ist nicht unabhängig bestätigt. Doch der Vorfall zeigt, worum es in dem zersplitterten Konflikt geht. Es tobt ein Kampf um ein Geschäft, das nach dem Friedensschluss neue Besitzer sucht.Nach Kämpfen rivalisierender Gruppen der früheren „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ in San Jose del Guaviare bergen Ermittler die Toten.APKolumbien produziert heute so viel Kokain wie nie seit Beginn der Messungen. Nach den jüngsten belastbaren Zahlen der Vereinten Nationen wurde 2023 in Kolumbien auf rund 253.000 Hektar Koka angebaut. 2024 sollen es Schätzungen zufolge rund 3000 Tonnen Kokain gewesen sein. Die bisher nicht offiziell veröffentlichten Daten sind methodisch umstritten und politisch heikel. Doch auch ohne genaue Zahlen besteht kein Zweifel an der Macht der Kokainwirtschaft, die jährlich Milliarden umsetzt und für den Tod und die Vertreibung unzähliger Kolumbianer verantwortlich ist.Die Präsidentschaftswahl hat das Thema nun wieder ins Zentrum der kolumbianischen Politik gerückt. Nach dem ersten Wahlgang kommt es am 21. Juni zur Stichwahl zwischen Iván Cepeda, dem Kandidaten der Linken und Erben von Präsident Gustavo Petros Friedensprojekt, und dem Rechtspopulisten Abelardo de la Espriella, einem Anwalt und politischen Neuling, der das Land mit harter Hand regieren will. Die Wahl wird damit auch zu einer Abstimmung über die Funktion des Staates, über Sicherheit und das Friedensabkommen.In den abgelegenen Regionen Guaviares ist das keine abstrakte Debatte. Hier ist die Drogenökonomie zum wirtschaftlichen Motor und damit zur Existenzgrundlage vieler Menschen geworden. Etwa für Jugendliche, die sich einer Gruppe anschließen und sich mit ihrem Sold ein Motorrad leisten können. Aber all das ist keine neue Entwicklung. Sondern die Fortsetzung einer alten Geschichte.Javier kann davon viel erzählen. Der Lehrer hat lange in Miraflores gearbeitet, einem jener Orte, in denen die Kokainwirtschaft schon vor Jahrzehnten alles dominierte. Miraflores sei durch Koka zu einem Ort unwirklichen Reichtums geworden, sagt Javier. Manchmal habe es dort regelrecht Geld geregnet. „Das Geld, um die Arbeiter zu bezahlen, kam in Flugzeugen“, erzählt er. „Sie warfen die Geldsäcke aus der Luft ab, und jeder Sack war mit dem Namen des jeweiligen Kokabauern markiert.“Das Bild wirkt fast surreal. Aber es beschreibt genau, wie sich in abgelegenen Regionen Kolumbiens eine eigene Wirtschaft entwickelt hat, die alles beherrscht. Doch für Javier war Koka nie nur eine Geschichte über Geld. Er wurde mit einer Gehbehinderung geboren. In einer Umgebung, in der Kinder mit zwölf oder dreizehn Jahren die Schule verlassen, um auf den Feldern zu arbeiten, zwang ihn seine Behinderung gewissermaßen zum Lernen. „Ich danke Gott für meine Behinderung, denn sonst würde ich diese Geschichte heute nicht erzählen“, sagt er. Weil er für die Feldarbeit nicht geeignet war, blieb ihm nur die Schule.Ein Mann zeigt ein Stück KokapastePicture AllianceSeine Brüder hatten diesen Schutz nicht. Einer von ihnen wurde im Alter von 18 Jahren von der Guerilla rekrutiert. „Sie nahmen ihn von einem Fest mit“, erzählt Javier. „Er war eingeschlafen, und die Guerilla hob ihn einfach hoch und nahm ihn schlafend mit.“ Jahrelang suchte Javier nach ihm. Irgendwann erfuhr er, der Bruder sei vermutlich bei einem Bombardement der Armee auf einer Finca ums Leben gekommen. Erst vor Kurzem fand eine staatliche Behörde Hinweise darauf, dass er tatsächlich in den Registern der bewaffneten Gruppen geführt wurde.Ein Gegenmodell zur KokainwirtschaftJavier wurde Lehrer. Aber Lehrer zu sein, bedeutet in Guaviare nicht einfach, Kindern Lesen und Rechnen beizubringen. Es bedeutet, eine andere Zukunft aufzuzeigen. Im Jahr 2002, erzählt Javier, hätten die FARC alle Lehrer aufgefordert, ihren Dienst beim Staat aufzugeben und fortan für die Guerilla zu arbeiten. Wer das nicht tue, gelte als militärisches Ziel.Doch Javier ließ sich nicht einschüchtern. Später, nachdem er und die Gemeinde die Erlaubnis der bewaffneten Gruppen eingeholt hatten, begann er mit einem mutigen Projekt – einem Gegenmodell zur Kokainwirtschaft. Weil Kinder stundenlange und riskante Wege zur Schule hatten, baute er ein Internat. Bauern spendeten Geld, Holz und Arbeitskraft. Achtzig Farmer halfen mit.Heute beherbergt das Internat zahlreiche Schüler und wird unter anderem von der kolumbianischen NGO Tierra de Paz unterstützt, einer Partnerorganisation der Diakonie Katastrophenhilfe. Javier setzt auf eine „Pädagogik der Liebe“, auf Schulradio, auf einen Heilpflanzengarten. Er will den Kindern Sprache, Selbstvertrauen und Wissen mitgeben. Es klingt vielleicht bescheiden im Gegensatz zu den Milliarden des Kokainhandels. Doch in einer Gegend, in der die Waffen das Sagen haben, liegt viel Macht in kleinen Dingen.
Die Macht des Kokains vor der Präsidentenwahl in Kolumbien
In manchen Regionen Kolumbiens zahlen Kunden mit Kokapaste statt mit Geld. Hier zeigt sich, warum der Drogenkrieg auch nach dem Friedensabkommen weiter tobt.











