Juancho Torres / Anadolu / GettyIn der einstigen Hochburg der kolumbianischen Guerilla hat der Friedensprozess funktioniert. Doch jetzt kommt eine neue Gewaltwelle auf die Menschen zu – wegen des wachsenden illegalen Abbaus von Gold und Coltan.18.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAndrés Enciso war noch ein Schuljunge, als seine Eltern ihn 2008 vom Land in die Provinzhauptstadt Ibagué in Zentralkolumbien schickten – zusammen mit seinen sechs Geschwistern. «Daheim war es zu gefährlich geworden», erzählt der heute 28-Jährige. «Entführungen und Anschläge gehörten damals zum Alltag.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Süden von Encisos Heimatregion Tolima war politisch schon lange unruhig, hier liegt der Ursprung der sozialrevolutionären Guerilla Farc. Das Kokain als Hauptverdienstquelle der einstmals linken Aufständischen verschärfte die Konflikte noch. In die Auseinandersetzungen zwischen der Farc, den privaten Paramilitärs und den staatlichen Sicherheitskräften wurden zunehmend auch Unbeteiligte wie die Familie von Andrés Enciso hineingezogen.In Kolumbien sah er keine Zukunft und wanderte vor zehn Jahren nach Australien aus. Doch kurz darauf kam es 2016 zum Friedensabkommen in Kolumbien. Es zeigte schnell Wirkung: Encisos Eltern berichteten, dass es auf dem Land ruhig geworden sei. Die Bauern würden wieder Kaffee pflanzen.Fataler GoldrauschEnciso kehrte zurück in seinen Heimatort. Er begann für die neue Generation der Kaffeepflanzer zu arbeiten. «Die Aufbruchstimmung in der plötzlich stabilen Region war faszinierend», sagt er. Es gab ein Projekt der Vereinten Nationen, bei dem ehemalige Kämpfer der Farc, Indigene und Kleinbauern zusammen Kaffee auf ihren kleinen Parzellen anbauten. «Das Erstaunliche war: Es hat funktioniert.» Enciso übersetzte für ausländische Investoren aus der Kaffeebranche, die dort investieren wollten. Bald leitete er Kaffeeverkostungen.Die Kaffeepflanzer aus Tolima gewinnen heute weltweit Preise. 60 000 Familien leben vom Kaffee. In der Hauptstadt Ibagué haben die Kaffeepflanzer beim Flughafen ihre avantgardistische Verbandszentrale errichtet. In der bäuerlich geprägten Stadt gibt es mittlerweile schicke Kaffeeboutiquen mit Baristas wie in Bogotá.Alltag im kolumbianischen Toche am 11. Januar 2025: Die Ortschaft im Departement Tolima liegt unweit des Cerro Machín, eines der aktivsten Vulkane des Landes.Kaveh Kazemi / GettyEin Kaffeebauer breitet in Toche geerntete Bohnen zum Trocknen am Strassenrand aus.Kaveh Kazemi / GettyDoch nun sind Stabilität und Wohlstand bedroht. Der Grund: In der Kaffeeregion gibt es auch Gold. «Die illegalen Minen breiten sich aus wie ein Krebsgeschwür», sagt Enciso. Die Aussicht auf den schnellen Reichtum zieht Menschen von auswärts an. Es kommt wieder zu gewaltsamen Konflikten. «So schlimm wie früher ist es noch nicht, aber nachts kann man nicht mehr durch die Gegend fahren», erzählt Enciso.Die Entführungen und Erpressungen sind zurück. Wer eine feste Arbeit hat oder ein Stück Land besitzt, wird von Banditen aufgefordert, Schutzgelder zu zahlen. Sonst werde ein Kind oder die Frau erschossen. «Die ganze Erfolgsgeschichte der Region ist heute bedroht», sagt Enciso.Im Gouverneurspalast in Ibagué wird eine dampfende Tasse Kaffee serviert, «vom besten der Welt», wie die Serviererin stolz erklärt. Die Gouverneurin Adriana Magali Matiz flüchtet sich auf die Frage nach der Unsicherheit nicht in Höflichkeitsfloskeln. «Es ist nicht so, dass wir uns Sorgen machen, dass die Gewalt zurückkommen könnte – sie ist schon wieder da.» Die Menschen erlebten wieder die gleiche Bedrohung wie vor zwanzig Jahren, sagt die 50-jährige Juristin und Verwaltungsexpertin.Adriana Magali Matiz, Gouverneurin.PDDie Kriminellen verlangen WegzollSie geht zu einer Landkarte Tolimas, die an der Wand hängt. Die Provinz mit 1,3 Millionen Einwohnern liegt westlich der Hauptstadt Bogotá und erstreckt sich über eine Fläche von gut der Hälfte der Schweiz. Im Norden verlaufe ein wichtiger Drogenkorridor für Kokain zu den Häfen am Pazifik, erklärt Matiz. Im Zentrum um die Hauptstadt finde die übliche Geldwäsche in Immobilien statt.«Doch hier im Süden befindet sich unser grösstes Problem», sagt sie und streicht mit der Hand über die Landkarte. «Dort nimmt der illegale Goldbergbau rasant zu.» Farc-Dissidenten und illegale Gruppen kontrollierten die Gegend. «Für jede Maschine, die die Goldsucher dorthin bringen, verlangen sie einen Wegzoll. Und dann 15 Prozent der Goldproduktion.»In der 20 000-Einwohner-Stadt Ataco, dem neuen Zentrum der Goldsuche im Süden, gab es letztes Jahr noch zwei Morde. In diesem Jahr hingegen sind allein bis Mitte Mai bereits siebzehn Menschen bei Gewalttaten umgekommen. Prostitution, Auftragsmorde und Drogenhandel hätten zugenommen, klagt Matiz. «Der Kaffeeanbau dort war das landesweite positive Beispiel für den Frieden – das ist vorbei», sagt die konservative Politikerin.Vom illegalen Bergbauzentrum Ataco ist es nicht weit bis Gaitania. 1964 griff die kolumbianische Armee eine kommunistische Bauernmiliz an, die sich dort verschanzt hatte. Eine kleine Gruppe von Kämpfern floh in die Berge. Daraus entwickelte sich später die Farc, die grösste Guerillaorganisation Lateinamerikas.Nun wird ausgerechnet in der historischen Geburtsregion der Farc der fragile Frieden der letzten Jahre durch den Goldboom bedroht. Die Gouverneurin sieht die Verantwortung bei der Zentralregierung unter Präsident Gustavo Petro: «Die legale Förderung der Bergbauunternehmen wurde gestoppt. Dieses Vakuum nutzen die Illegalen aus», sagt sie.Blick auf die Berglandschaft bei Remedios: In der kolumbianischen Gemeinde hängen mehr als 65 000 Menschen von der traditionellen Metallproduktion ab. (Die Aufnahme stammt nicht aus der Reportageregion.)Juancho Torres / Anadolu / GettyIn Segovia werden Steine, die nicht in die Aufbereitungsanlagen gelangen, an die «chatarreras» übergeben. Diese Frauen durchsuchen das von den Bergleuten ausgemusterte Material täglich nach verbliebenem Edelmetall. (Die Aufnahme stammt nicht aus der Reportageregion.)Juancho Torres / Anadolu / GettyGenehmigungsverfahren im Bergbau gestopptDer linke Präsident Petro, der 2022 an die Macht kam, hat das traditionelle Wirtschaftsmodell des Landes – also die Produktion von Öl, Kohle sowie Gas und den Bergbau – infrage gestellt. Kolumbien sei zu stark von einer «extraktivistischen» Wirtschaft abhängig, betonte Petro. Und stoppte die Genehmigungs- und Umweltverfahren im Bergbau.Juan Camilo Nariño ist deswegen besonders schlecht auf Petro zu sprechen. Er ist Präsident des nationalen Bergbauverbandes. «Während die ganze Welt steuerliche Anreize schafft, um Bergbauinvestitionen anzuziehen, macht unsere Regierung genau das Gegenteil», empört er sich. Die illegalen Gruppen dominierten deswegen den Abbau der Bodenschätze. «Die Folge ist eine Umweltkatastrophe.»In keinem anderen Land der Welt müssten Minenarbeiter der offiziellen Unternehmen mit kugelsicheren Schutzwesten in die Bergwerke gehen, wie sie es in Kolumbien täten. «Kriminelle bohren die Tunnel an», erklärt Nariño. «Dann schiessen sie auf die Bergarbeiter oder werfen Sprengsätze.»Auch wenn er es nicht direkt äussert, besteht kein Zweifel, dass der Bergbaulobbyist auf einen Machtwechsel hofft. Der Rechtsaussenkandidat Abelardo de la Espriella hat gute Chancen, die Stichwahl am 21. Juni zu gewinnen. Er will Kolumbien wieder zu einer Bergbaunation machen. Sein linker Gegenkandidat Iván Cepeda hingegen will den investorenfeindlichen Kurs Petros fortsetzen.Indigene werden wie Sklaven ausgebeutet«Wegen der steigenden Weltmarktpreise ist Gold heute zur zentralen Einnahmequelle krimineller Gruppen geworden», sagt der Politologe Carlos Augusto Chacón. Doch es geht nicht mehr nur um Gold. Auch Coltan verschafft den Banden wachsende Gewinne. Das Mineralerz ist für die digitale Wirtschaft ähnlich wichtig wie Öl für das Industriezeitalter: Viele moderne Elektronikprodukte kommen nicht ohne Coltan aus.In den Amazonasregionen Kolumbiens würden Farc-Dissidenten und die ELN, eine trotz dem Friedensprozess weiterhin aktive Guerilla, das Mineral abbauen, sagt Chacón. «Dort werden Indigene wie Sklaven ausgebeutet.» Landesweit bekämpften sich die Dissidenten der einst grössten Guerilla und die ELN brutal. «Doch im Amazonas kooperieren sie.»Der illegale Bergbau in Kolumbien hat auch eine geopolitische Komponente: Nach Chacóns Recherche wird das Coltan über den Pazifikhafen Buenaventura oder über Ecuador exportiert – und praktisch alles landet in China.Auch sonst spielt China laut dem Experten eine zentrale Rolle in den illegalen Wertschöpfungsketten Kolumbiens: Es liefere die meisten Vorprodukte für die Kokainverarbeitung. «Die kommen oft legal ins Land und werden dann in den illegalen Kreislauf eingespeist.» Coltan, Gold und Kokain würden über die gleichen Logistikkorridore wieder aus dem Land geschafft, sagt Chacón. Auch bei der Geldwäsche seien chinesische Banden führend: Sie schmuggeln Elektronikartikel oder Zigaretten ins Land, die mit Einkünften aus den illegalen Geschäften bezahlt werden.«Was wir heute sehen, ist kein klassischer bewaffneter Konflikt mehr», sagt der Sicherheitsexperte Andrés Cajiao im Gespräch in Bogotá. Die bewaffneten Gruppen wollten nicht mehr den Staat stürzen oder die Macht im Land übernehmen. «Ihr Ziel ist vielmehr, lokale Machtstrukturen zu kooptieren und Territorien zu kontrollieren, um die dortige illegale Wirtschaft zu beherrschen.»Zerstörung nach einem Anschlag in Cali: Im Süden der kolumbianischen Stadt sind nahe dem Militärstützpunkt Batallón Pichincha bei der Detonation einer Busbombe zwei Personen verletzt worden.Edwin Rodríguez Pipicano / Anadolu / GettyZwei Polizisten in Cali am Tatort des Anschlags.Edwin Rodríguez Pipicano / Anadolu / GettyVom Guerillakrieg zur Logik krimineller NetzwerkeAuch organisatorisch funktionierten die bewaffneten Gruppen völlig anders als früher, sagt Cajiao. Es gebe keine hierarchischen Kommandostrukturen mehr. «Es sind heute Netzwerke autonomer illegaler Gruppen.» Das mache diese widerstandsfähiger gegenüber staatlicher Repression. «Wenn heute der untergetauchte Iván Mordisco als Anführer der grössten Farc-Dissidentengruppe getötet würde, hätte das kaum Auswirkungen auf das Funktionieren seiner Gruppe.»Die Gouverneurin Matiz sagt, dass die Regierung Petro sich nicht um die Sicherheitslage in den Provinzen kümmere. «Es gibt keine Koordination, keine Information und keine Ressourcen.» Die Gouverneurin, die wie eine TV-Moderatorin aussieht, ist in der Bevölkerung wegen ihrer Unerschrockenheit populär.Alle paar Tage besucht sie die von der Gewalt betroffenen Gebiete im Süden. «Wenn wir dort als Staat nicht mehr präsent sind, dann überlassen wir die Region den Illegalen», sagt sie und macht routiniert ein paar Selfies mit dem Reporter für die sozialen Kanäle der Regionalregierung. «Ohne Sicherheit sind die ganzen wirtschaftlichen Fortschritte der letzten Jahre nichts mehr wert.»Passend zum Artikel