PfadnavigationHomePolitikAuslandDrogenhandel„Deutschland zunehmend im Fokus“ – die Folgen des Kontrollverlusts in KolumbienVeröffentlicht am 27.09.2025Lesedauer: 4 MinutenImmer häufiger kommt es in Kolumbien zu Zusammenstößen zwischen Drogenbanden und der ArmeeQuelle: SCHNEYDER MENDOZA/AFPDer linke Präsident Kolumbiens setzte auf Dialog mit bewaffneten Drogenbanden, aus Deutschland fließen Millionen in den Friedensprozess. Doch die Banden sehen das als Ermutigung – und weiten ihren Einfluss mit Gewalt weiter aus. Die Auswirkungen sind auch in Europa zu spüren.Plötzlich sahen sich die Soldaten einer großen Menschenmenge gegenüber. Hunderte Einwohner hatten die 74 Angehörigen der kolumbianischen Streitkräfte umstellt. „Verschwindet“, riefen einige in Richtung der Sicherheitskräfte. Die Bürger im Ort La Plata in der zentralkolumbianischen Provinz La Huila wollten Mitte September ein Zeichen setzen, wer in dieser Region die Macht hat.Kontrolliert wird die Gegend von einer linksextremen Guerillaorganisation. Die sogenannten FARC-Dissidenten sind eine Abspaltung jener FARC-Guerilla, die 2016 einen Friedensvertrag unterschrieb. Die FARC-Dissidenten kämpfen weiter gegen den Staat und vor allem für die eigene Tasche. Sie gehören zu den am stärksten in den Drogenhandel verstrickten bewaffneten Banden. Szenen wie in La Plata spielten sich zuletzt häufiger ab. Sie zeigen einen Kontrollverlust des Staates über jene Gebiete, in denen die bewaffneten Banden den Drogenhandel dominieren. Die Kokainproduktion im Land steigt auf Rekordniveau, die Gewalt ist zurück. Die USA entzogen in der vergangenen Woche dem Land den Status eines Partners im Kampf gegen den Drogenhandel. Nur aus Deutschland fließen weiterhin Millionen Steuergelder in ein außenpolitisches Vorhaben, das einst als Lieblingsprojekt des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier (SPD) startete, das aber vor dem Scheitern steht: der kolumbianische Friedensprozess.Inzwischen ist Ernüchterung eingekehrt. „Wir beobachten den Anstieg der Gewalt in Kolumbien mit großer Sorge. Das Auswärtige Amt unterstützt den kolumbianischen Friedensprozess seit Jahrzehnten“, heißt es aus dem deutschen Außenministerium auf Anfrage von WELT AM SONNTAG. Zwischen 2022 und 2024 stellte Deutschland 19 Millionen Euro für Projekte bereit, die den Friedensprozess stabilisieren sollten. Lesen Sie auchEin deutsch-kolumbianisches Friedensinstitut CAPAZ erhielt von Förderbeginn 2016 bis Ende 2024 eine Fördersumme in Höhe von insgesamt 3,6 Millionen Euro. Einzelne Vorhaben des als Grünen-nah eingestuften Instituts erhielten im Zeitraum von 2022 bis 2024 zusätzliche Steuergelder in Höhe von 3,5 Millionen Euro für einzelne Projekte. Gebracht hat das alles nichts.Die damalige grüne Außenministerin Annalena Baerbock reiste 2023 eigens nach Kolumbien, um der ersten afrokolumbianischen Vizepräsidentin und ehemaligen Umweltaktivistin Francia Marquez die Frauenrechts-Auszeichnung „Unidas“ zu überreichen. Doch Marquez fühlt sich unter Präsident Gustavo Petro inzwischen wie ein Dekorationsstück ohne politische Teilhabe. „Man will uns auf Fotos, aber nicht an den Entscheidungstischen. Man will uns als Symbol, aber nicht als Volk mit einer Stimme. Man will, dass wir gehorsam sind. Und wenn wir nicht gehorchen, kommt die Strafe: politische Gewalt, Ausgrenzung und öffentliche Entmenschlichung“, sagte Marquez im August. Das Tischtuch mit dem linken Präsidenten scheint zerschnitten. Besonders hart sind die Vorwürfe von Petros ehemaligen Außenminister Alvaro Leyva, der dem Präsidenten vorwarf, selbst ein Drogenproblem zu haben.Petro setzte seit seinem Amtsantritt 2022 auf Waffenstillstände und Gespräche mit linksextremen und rechtsextremen Banden. Doch die nutzten die Tatenlosigkeit des Militärs skrupellos aus, festigten ihre Macht in den Drogenanbau- und Vertriebsgebieten mit Gewalt. Weil Petro wegen Gaza zudem den Kauf israelischer Militärtechnik boykottiert, ist die Armee den Drogenkartellen zunehmend technisch unterlegen. Lesen Sie auchZehntausende schutzlose Menschen wurden zuletzt vertrieben, alle zwei Tage wird irgendwo im Land ein Menschenrechtsverteidiger oder Umweltaktivist getötet. Vor wenigen Wochen wurde zudem der als Präsidentschaftskandidat gehandelte konservative Politiker Miguel Uribe auf offener Straße erschossen.Das alles hat Konsequenzen: Kolumbien erreichte laut UN-Angaben im vergangenen Jahr eine Anbaufläche von 253.000 Hektar Kokapflanzen auf seinem Staatsgebiet. Ein neuer Rekord. „Europa ist der größte Kokainmarkt der Welt – und Deutschland zunehmend im Fokus. Anfang des Jahres tauchten etliche Kokainpäckchen an deutschen Inselstränden auf. Immer wieder sorgen Funde von Schmuggelware auf Frachtschiffen aus Kolumbien in deutschen Häfen für Schlagzeilen“, sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Beyer.Höhere Drogenproduktion im Land des Kokain-Produzenten Nummer eins bedeutet auch eine Verschärfung der Sicherheitslage auf deutschen Straßen, Parks und Schulen. „Wir müssen die Zusammenarbeit mit Produktions- und Transitländern in Lateinamerika wie Kolumbien, Mexiko und Ecuador auf bilateraler und multilateraler Ebene deutlich ausbauen – mit mehr Personal, Technologie und gezieltem Informationsaustausch, etwa durch BKA-Verbindungsbeamte in den Botschaften“, fordert Beyer. Die Bundesregierung setzt dennoch erst einmal weiter auf ihr Millionen-Prestigeprojekt: „CAPAZ ist eines von weltweit fünf Exzellenzzentren des DAAD und eine relevante Stimme im Friedensprozess“, heißt es dazu aus dem Auswärtigen Amt.Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.