Natürlich haben die Minister für diesen Termin die Hallen eines vielversprechenden Unternehmens gewählt. Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) und Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) haben am Donnerstag in den Räumlichkeiten des Drohnenherstellers Wingcopter zusammen mit dem Start-up-Beauftragten des Landes Hessen, Holger Follmann, und dem ehemaligen Deutschland-Chef und nun Chairman der Unternehmensberatung Bain, Walter Sinn, die neue „Hessen Start-up-Strategie 2030“ vorgestellt. Die Diagnose: Hessen steht wirtschaftlich an einem Scheideweg. Geopolitische Umbrüche und ein zunehmend harter Wettbewerb um Talente und Kapital setzen das Land unter Druck. Start-ups und Scale-ups, so die Minister, seien zentral für künftigen Wohlstand.Doch die Bestandsaufnahme fällt erst mal ernüchternd aus. Hessen belegt im bundesweiten Vergleich bei Start-up-Neugründungen und -Finanzierungen lediglich Platz fünf, weit entfernt von den Spitzenländern Bayern und Berlin. Dabei fehlt es dem Land eigentlich an nichts: Hessen hat viele und sehr gute Hochschulen, zahlreiche Max-Planck-, Fraunhofer- und Leibniz-Institute, Frankfurt ist einer der führenden Finanzplätze Europas, und wichtige Konzerne aus den Branchen Chemie, Pharma, Transport und Finance haben ihren Sitz in der Region. Potential ist also da, es kann sich aber nicht so recht entfalten – es fehlt an Koordination zwischen den verschiedenen Akteuren.Um zu wissen, wo der Schuh drückt, hat die Beratung Bain im Auftrag des Wirtschaftsministeriums 83 Interviews mit Akteuren aus dem Ökosystem in Hessen geführt. Zudem wurden elf führende internationale Start-up-Ökosysteme identifiziert und analysiert, darunter etwa Berlin, München, Stockholm, Tel Aviv, London und das Silicon Valley. Im Anschluss wurde geschaut, in welchen Punkten diese mit dem Ökosystem in Hessen vergleichbar sind, um daraus Erfolgsfaktoren abzuleiten.Finanzierungsvolumen soll sich bis 2030 mehr als verdoppelnDas erste Ergebnis der Analyse: Hessen hat Nachholbedarf. Es fehlt an einem verbindlichen Zielbild für das gesamte Land. Zudem seien Budgets und Zuständigkeiten zu fragmentiert, eine übergeordnete Steuerungseinheit mit echtem Durchgriff suche man vergebens. Überdies sei Entrepreneurship zu wenig in Universitäten integriert, der Ausgründungsprozess dauere oft zu lange, sei zu teuer und zu kompliziert. Es gebe ein „massives Defizit“ beim Wachstumskapital: Investoren mieden Hessen weitgehend, was vielversprechende Start-ups zur Abwanderung zwinge. Die Jungunternehmen berichteten zudem von Hürden entlang des ganzen Prozesses. Das betreffe die Gründungsphase, den Unternehmensaufbau, die Suche nach ersten Pilotkunden, Finanzierungsrunden und schließlich auch die Skalierung.Für die Strategie 2030 wurden auf dieser Grundlage sieben Handlungsfelder identifiziert. Erstens brauche Hessen eine klare Ambition mit politisch beschlossenen, messbaren Zielen. Empfohlen werden folgende Zielmarken: Die Zahl der Start-up-Gründungen sollte bis 2030 auf 450 im Jahr zulegen, 2025 waren es 244. Aus zuletzt 20 Start-ups mit mehr als 50 Mitarbeitern sollen 35 werden, man will bis 2030 drei Börsengänge von Start-ups sehen, das Finanzierungsvolumen soll sich von 190 Millionen Euro auf 500 Millionen jährlich erhöhen. Zudem sollten mindestens 10 ausländische Start- oder Scale-ups nach Hessen gelockt werden.Weiterhin sieht die Strategie vor, sich bei der Förderung von Start-ups auf für Hessen wichtige Branchen zu konzentrieren. Dazu zählten das Finanzwesen, Luftfahrt/Space/Verteidigung, Life Science und Healthcare sowie Optik. Die Fokustechnologien seien in Hessen Data und AI, außerdem Deep Tech und Green Tech.Zweitens brauche es eine zentrale Steuerungseinheit mit eigenem Budget und klaren Zuständigkeiten, angedockt im Wirtschaftsministerium. Vorbild ist der Start-up-Council in Bayern, der vom Staatsminister Florian Herrmann und dem Chef der Start-up-Factory UnternehmerTUM, Helmut Schönenberger, organisiert wird. Dieses „Start-up-Board“ soll die Umsetzung der Strategie entlang der ganzen Karriere eines Start-ups (Idee bis Skalierung) sicherstellen und entlang der Fokussektoren gegliedert sein, mit eigenen Fachgruppen.Drittens sollen drei bis vier herausragende Persönlichkeiten als Leuchtturm für das Ökosystem fungieren. Hier ist wieder München Vorbild. Das Triumvirat aus Schönenberger, BMW-Großaktionärin Susanne Klatten (als Mäzenin und Initiatorin der UnternehmerTUM) und Wolfgang Herrmann, dem ehemaligen Präsidenten der TU München, sei als „Team hinter UnternehmerTUM“ zentral für den Erfolg, heißt es in dem hessischen Papier. Man darf gespannt sein, wer in Hessen für ein solches Team aufgestellt wird.Futury und Techquartier sollen ganz eng zusammenarbeitenViertens sollen die Hochschulen systematisch zu Start-up-Motoren entwickelt werden: Unternehmerisches Denken müsse strukturell verankert, IP- und Ausgründungsprozesse müssten professionalisiert und Anreize für Professoren geschaffen werden, ihre Forschung zu kommerzialisieren. Fünftens müsse die Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups verbessert werden.Zudem brauchten hessische Start-ups mehr Risikokapital, insbesondere dann, wenn es ins Wachstum geht. Dafür müsse vor allem mehr privates Kapital mobilisiert werden. Hier will man einen professionell organisierten Business Angel Fund ins Leben rufen und Family Offices und Mittelständler stärker mobilisieren, indem für Hessens Fokus-Branchen klare Investment-Narrative und Programme entwickelt werden, an denen Start-ups teilnehmen können, wie etwa das TUM Entrepreneurship Programm in München.Siebtens sollen alle Ökosystem-Akteure unter einer gemeinsamen Marke auftreten, das Papier nennt das „Innovationsanker“, neben dem es dann weitere regionale und thematische Cluster geben soll. Konkret heißt das: Futury und Tech Quartier sollen gemeinsam, so sieht es im Papier aus, als zentraler Einstiegspunkt für Hessen und Rhein-Main fungieren, analog zur UnternehmerTUM in München oder Station F in Paris. Ein neuer gemeinsamer Ort für Start-ups, Investoren und Unternehmen soll, auch mit privatem Kapital, auf einem Grundstück gegenüber der Nationalbibliothek in Frankfurt entstehen, weil das Gelände von Futury am Bertramshof schon jetzt an seine Grenzen stößt. Weitere Zentren soll es in Kassel (Science Park oder FIDT), Marburg (Lovedis) und Darmstadt (Hub 31) geben, wobei der „Leuchtturm“, das Zentrum von allem mit Futury/Tech Quartier, in Frankfurt stehen soll.Der thematische Fokus der Cluster soll sich dann anhand der Expertise vor Ort und der Infrastruktur (Universität, Unternehmen, Investoren) ergeben: In Kassel soll demnach ein Zentrum für Defense/Security entstehen, in Darmstadt eines für Space, in Marburg und Frankfurt eines für Life Science, in Frankfurt außerdem eines für Banking. Start-ups und Gründer sollen bei Bedarf von einem Cluster an das andere vermittelt werden, wenn dort das Know-how und die Infrastruktur besser zu ihrer Idee oder ihrem Start-up passen.Zu guter Letzt soll Hessen als integriertes Ökosystem positioniert werden. Dazu zählen laut dem Papier das Branding, also ein optisch einheitlicher Auftritt in ganz Hessen entlang der Fokussektoren, und eine Website mit „nutzerzentriertem Navigator“, also einem Wegweiser, der unterscheidet, ob man als Start-up, Investor oder Unternehmen nach Informationen sucht. Zudem soll eine klare Eventarchitektur hinzukommen, mit großen Anker-Events und Deep-Dives, die so koordiniert werden, dass parallele Formate vermieden werden.