Autistische Kinder und Jugendliche sind in der Schule häufig von Ausgrenzung oder Diskriminierung betroffen, weil Lehrer während ihrer Ausbildung zu wenig über autistische Störungen erfahren. Längst nicht in allen Bundesländern gibt es verlässliche Zahlen, wie viele autistische Kinder sich überhaupt in welchen Schulen befinden, weil sie nicht immer ausreichend diagnostiziert wurden. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) empfiehlt darum den deutschen Bildungsministern, eine Autismus-Strategie nach dem Vorbild Englands oder Neuseelands zu erarbeiten, um den schwierigen Förderbedarfen autistischer Kinder und Jugendlicher gerecht zu werden.Autismus äußert sich in Besonderheiten in der Kommunikation, im Sozialverhalten, in der Gefühlsregulation, in sensorischen Sensibilitäten. Sie können Geräusche, Berührungen, Gerüche, Licht, Farben und Texturen besonders intensiv wahrnehmen. Autismus äußert sich in einer auf Details fokussierten Wahrnehmung, aber auch in motorischen Besonderheiten und untypischem Lernverhalten.Viele autistische Kinder haben ein starkes Bedürfnis nach Beständigkeit, Routine und Ordnung. Sie können soziale Situationen und Zusammenhänge nur schwer deuten und verstehen Mimik, Gestik und Blickverhalten kaum. Sie müssen Kommunikations- und Verhaltensregeln explizit erlernen und sind oft auch kognitiv beeinträchtigt. Auch die aktive Sprachentwicklung bleibt manchmal aus oder entwickelt sich wieder zurück. Die Beschreibung der SWK ist detailreich und zeigt, wie schwierig es ist, den unterschiedlichen Ausprägungen von Autismus gerecht zu werden.„Mögliche Barrieren im Schulleben frühzeitig erkennen“In ihrer Stellungnahme „Autistische Kinder und Jugendliche in der Schule unterstützen“ hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission am Donnerstag konkrete Empfehlungen veröffentlicht, um international gut erprobte Konzepte auch in Deutschland in der Breite zu etablieren.Die heterogenen Erscheinungsformen des Autismus erzwingen demnach eine Einzelfallbetrachtung mit individuellen Unterstützungs- und Entwicklungsplänen. Bei einem administrativ festgestellten sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf bei Autismus oder einem anderen Förderschwerpunkt sind diese schon jetzt in allen Ländern vorgesehen. Allerdings plädiert die SWK dafür, sie auch schon bei einem Verdacht auf Autismus in der Schule umzusetzen, „um mögliche Barrieren im Unterricht und im Schulleben frühzeitig zu erkennen“. Die regelmäßige Überprüfung und Fortschreibung müsse einem Monitoring unterliegen, um die Verbindlichkeit der verabredeten Maßnahmen abzusichern.Schulbegleiter müssen besonders qualifiziert werdenDie Autismus-Diagnose gilt in Deutschland gemäß Paragraph 2 Sozialgesetzbuch (SGB) IX als Behinderung im Sinne einer Teilhabebeeinträchtigung infolge einer Abweichung der körperlichen, geistigen oder seelischen Gesundheit, wobei der Grad der psychischen Behinderung sich an den sozialen Anpassungsschwierigkeiten bemisst. Gebraucht werden aus Sicht der SWK nicht nur eine medizinische Diagnostik durch Ärzte, sondern auch eine anschließende schulamtliche Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs in der Schule, durch die ein Förderschwerpunkt festgestellt wird, um entsprechende Ressourcenzuweisungen zu ermöglichen.Erst dann könnten Nachteilsausgleiche wie Notenschutz für autistische Schüler, Fahrdienste, digitale Talker und andere Eingliederungshilfen gewährt werden. Folgen müsse drittens eine pädagogische Diagnostik durch das Schulpersonal folgen, um Barrieren im Schulalltag zu identifizieren, Unterstützung zu planen und zu verwirklichen. Ein Einsatz individueller oder systemischer Schulbegleiter sei für autistische Schüler wichtig, allerdings müssten diese auch in besonderer Weise qualifiziert sein, fordert die SWK.Außerdem müssten die unterschiedlichen Akteure um autistische Menschen – also Familien, Schulen, Therapeuten und soziale Dienste – langfristig und stabil kooperieren und die Unterstützung aufeinander abstimmen, fordern die Wissenschaftler der SWK. Auch befristete Möglichkeiten „anderweitiger Unterrichtung mit zeitweiligem Digitalunterricht“ könnten für autistische Schüler in krisenhaften Situationen Entlastung schaffen und sollten in Ausnahmen als zeitweise Lösung umgesetzt werden können, wenn kein regelmäßiger Schulbesuch möglich sei.Dies setze allerdings voraus, dass Eltern bereit und in der Lage seien, ihre Kinder adäquat zu begleiten. Vorrang müsse immer die Suche nach Lösungen innerhalb der Schule haben – etwa durch angepasste Zeitstrukturen, Ruhe- und Rückzugsräume oder kleine Gruppengrößen. „Die Verantwortung für die schulische Bildung liegt auch in Fällen und Zeiten von anderweitiger Unterrichtung bei der Schule und muss in den Entwicklungs- und Förderplänen regelmäßig dokumentiert werden“, heißt es in dem Text.Abschließend fordert die SWK in ihrer Stellungnahme leicht zugängliche Informationen für Lehrer über Autismus, Neurodiversität und Wahrnehmungsbesonderheiten, Beratungs- und Unterstützungsstrukturen in der Region und die Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs. Neben der kontinuierlichen Fortbildung der Lehrer sollten auch Stellen für die regionale und schulische Autismusberatung für Lehrer, Eltern und Betroffene geschaffen werden.