Die übersehenen Mädchen? Weshalb vor allem Knaben die Diagnose Autismus erhaltenBislang hatten Ärzte und Wissenschafter vor allem autistische Knaben im Blick. Den Symptomen von Mädchen widmeten sie weniger Aufmerksamkeit. Das ändert sich nun.Nadine Zeller28.05.2026, 07.09 Uhr6 Leseminuten«Die Symptomatik wird bei Mädchen möglicherweise weniger deutlich wahrgenommen, da sie unter einem grösseren Druck stehen, sich den sozialen Konventionen anzupassen», sagt Psychotherapeutin Sanna Stroth.Vika Strawberrika / UnsplashAls ihre Tochter die Diagnose Autismus bekam, war Alma Frank erleichtert. «Es hat für mich plötzlich alles Sinn ergeben.» Philine, heute acht Jahre alt, fiel es schwer, Blickkontakt zu halten und ein wechselseitiges Gespräch zu führen. Mit mehreren Kindern zu spielen, überforderte das Mädchen, das wie die Mutter eigentlich anders heisst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Auswirkungen im Alltag waren schon lange vor der Diagnose enorm: Plötzlich wechselnde sensorische Reize wie beispielsweise eine Schwimmbad-Dusche, die von warm auf kalt umsprang, führten zu Schreikrämpfen. Irgendwann war die Mutter so verzweifelt, dass sie ihre Tochter untersuchen liess. Philine war sieben, als die Ärzte bei ihr Autismus diagnostizierten. Das ist vergleichsweise früh – denn bei vielen Mädchen bleibt Autismus lange unerkannt. Das hat auch damit zu tun, dass nicht nur die meisten Laien, sondern auch Wissenschafter bei der Entwicklungsstörung eher Knaben und Männer vor Augen haben.Ein Film prägt das Bild von AutismusWer an Autismus denkt, hat oft das Bild des wortkargen, hochfokussierten Mannes mit besonderer Begabung vor Augen – so wie Raymond Babbitt im Kinoklassiker «Rain Man». Der Film gewann Ende der 1980er Jahre vier Oscars. Die Darstellung des Autisten Babbitt durch den Schauspieler Dustin Hoffman machte die Entwicklungsstörung einem breiten Publikum bekannt und prägt bis heute das Stereotyp. Doch zum einen sind selbstverständlich nicht alle Männer mit Autismus wie Babbitt. Und zum anderen: Auch Mädchen und Frauen sind von der Entwicklungsstörung betroffen.Lange Zeit nahmen Forschende an, dass mehr Knaben als Mädchen Autismus haben. Sie gingen von einem Verhältnis von vier zu eins aus. Die Einschätzung hat sich mittlerweile geändert, und eine neue Studie, veröffentlicht im Fachjournal «The British Medical Journal», bestätigt dies. Die Untersuchung legt nahe, dass Mädchen möglicherweise weitaus öfter betroffen sein könnten als bisher angenommen.Wer an Autismus denkt, hat oft das Bild des wortkargen Mannes mit besonderer Begabung vor Augen – so wie Raymond Babbitt im Kinoklassiker «Rain Man».Mary Evans / ImagoDie Studie basiert auf Daten von mehr als 2,7 Millionen Menschen, mit und ohne Autismus, die zwischen 1985 und 2020 in Schweden geboren wurden. 2,8 Prozent von ihnen erhielten eine Autismus-Diagnose, das entspricht 78 522 Menschen.Aufgrund der sehr grossen Stichprobe und der vielen gesammelten medizinischen Daten gilt die Untersuchung als aussagekräftig. Sie zeigt: Mädchen erkranken ähnlich häufig wie Buben, nur wird die Krankheit bei ihnen deutlich später erkannt. Sie erhielten ihre Diagnose in der Regel im Alter von 15 bis 19 Jahren. Bei Jungen wurde die Krankheit meist schon im Alter von zwischen 10 und 14 Jahren erkannt. Im frühen Erwachsenenalter glich sich die Zahl der Diagnosen an.Ein Ergebnis, das die Fachwelt aufhorchen lässt und die Frage aufwirft, weshalb so viele Mädchen offenkundig jahrzehntelang durchs Raster fielen.Was bei Mädchen womöglich anders istEine Erklärung dafür liefert die Psychotherapeutin Sanna Stroth. Sie leitet die Arbeitsgruppe Autismus-Spektrum-Störung an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Marburg und sagt: «Die Symptomatik wird bei Mädchen möglicherweise weniger deutlich wahrgenommen, da sie unter einem grösseren Druck stehen, sich den sozialen Konventionen anzupassen.»Auch bei Philine war ein solches Verhalten zu beobachten: «Seit sie sechs Jahre alt ist, passt sie sich immer mehr an und lächelt vieles weg, was sie eigentlich belastet», sagt Alma Frank.Wie vielen anderen Menschen mit Autismus fällt es Philine schwer, soziale Signale zu verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen, Zweideutigkeiten zu erkennen. Alma Frank erzählt von einer Situation, in der ihre Kinder unerlaubt Süssigkeiten naschten. Verärgert sagte sie: «Esst doch einfach gleich alle Süssigkeiten!» Während ihr älterer Sohn sofort verstand, dass genau das Gegenteil gemeint war, und lieber aufhörte, reagierte Philine erfreut über die klare Erlaubnis – und lief zur Süssigkeitenschublade.Wer solch eine ironische Aussage nicht versteht, fällt auf. Mit der Zeit lernen manche Autisten, wann welches Verhalten von ihnen erwartet wird, und handeln entsprechend. Und weil eher von Mädchen als von Knaben erwartet wird, dass sie soziale Situationen meistern, passen Autistinnen ihr Verhalten stärker an als Autisten – so die These mancher Wissenschafter. Die britische Psychologin Laura Hull beschreibt das als Camouflage. Manche Forscher sprechen auch von Maskieren.In einer Studie hat Laura Hull 92 Personen mit Autismus befragt, wie sie bei der Camouflage vorgehen. Die Probanden beschrieben, dass sie sich beispielsweise merkten, wann ein Lachen oder ein Lächeln in einem Gespräch erwartet werde. Oder sie strengten sich bewusst an, Blickkontakt zu halten. Und sie gaben an, dass sie Small-Talk-Skripte lernten – und sich das richtige Timing für Fragen aneigneten. Statt sich in einem Gespräch intuitiv die Bälle zuzuspielen, verfolgten Autisten eine bewusste Gesprächsstrategie. Das kann anstrengend sein. Der Lohn dafür: Man fällt nicht auf.Manche Fachleute zweifeln allerdings daran, dass Kinder solche Strategien beherrschen. So weist der französische Psychiater Eric Fombonne darauf hin, dass die Studien zu Camouflaging auf kleinen Stichproben beruhen. Es gibt jedoch noch andere Ansätze, die erklären könnten, warum Autismus bei Frauen seltener diagnostiziert wird.Autismus: ein extrem männlich geprägter Denkstil?«Die Diagnostik ist traditionell stärker an männlichen Ausprägungen von Autismus ausgerichtet», sagt Sanna Stroth. Die Gründe reichen weit zurück. Bereits Leo Kanner und Hans Asperger, Pioniere der Autismusforschung, untersuchten fast nur Knaben. Ihre Fallbeschreibungen beeinflussten massgeblich die späteren Diagnosekriterien.Im Jahr 2000 griff Simon Baron-Cohen diese Perspektive mit seiner «Male-Brain-Theorie» auf. Er beschrieb Autismus als eine Extremform eines männlich geprägten Denkstils. Tatsächlich orientierten sich die Diagnosekriterien lange Zeit vor allem daran, wie sich Autismus bei Knaben zeigt. Im Fokus stand dabei ein Bild von Autismus mit deutlich sichtbaren Spezialinteressen der Betroffenen. Also tiefe, langfristige Beschäftigungen mit einem bestimmten Thema.Insgesamt seien die Inhalte, denen sich Kinder mit Autismus widmen, sehr vielfältig, sagt die Marburger Psychotherapeutin Sanna Stroth. Bei Knaben zeige sich eine leichte Tendenz für reale oder erfundene Welten. Sie begeisterten sich etwa für Landkarten, Dinosaurier, Fantasy, Geografie, Geschichte und das Planetensystem. Mädchen zeigten hingegen häufiger als Knaben Interesse an sozial-kommunikativen, tierbezogenen oder popkulturellen Themen. Das wirke – so erklärt es Stroth – nicht als Spezialinteresse, sondern eher als «typisch Mädchen».«Philines Spezialinteresse waren immer Geburtstage», sagt Alma Frank. «Sie kennt alle Geburtsdaten sämtlicher Freunde und Bekannten und erinnert mich immer daran, ihnen zu gratulieren.» Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Zeichen besonderer Empathie. Doch dahinter kann ein sehr strukturierter und systematischer Umgang mit sozialen Situationen stecken. «Das Abrufen der Geburtsdaten verschafft Philine ein Gefühl von Kontrolle über das Ereignis – also auch über die Aufregung und Freude, die Geburtstage mit sich bringen», sagt Alma Frank.Manche Mädchen kennen die Geburtsdaten sämtlicher Bekannten. Das wirkt wie ein Zeichen besonderer Empathie. Doch dahinter kann ein strukturierter und systematischer Umgang mit sozialen Situationen stecken.Jena Ardell / GettyWas die Diagnose von Autismus darüber hinaus erschwert: Man kann die Entwicklungsstörung mit anderen psychischen Leiden verwechseln, vor allem mit Angst- und Zwangsstörungen.Bei Philine zeigt sich, wie aufwendig der Weg zur Diagnose sein kann: Sechs Termine waren notwendig – von ersten Vorgesprächen über ausführliche Elterninterviews und die Rekonstruktion ihrer Entwicklungsgeschichte bis hin zur Beobachtung in einer Gruppensituation, einem Intelligenztest und standardisierten diagnostischen Verfahren. Wichtig ist laut der Psychiaterin Christine Freitag vom Universitätsklinikum Frankfurt, dass ausgebildetes Fachpersonal beteiligt ist. Diese Experten sollten auch regelmässig mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, die andere psychische Störungen haben, damit sie die Krankheiten gut voneinander abgrenzen können. Sonst könnte es sein, dass Autismus zu häufig bescheinigt wird oder auch einmal als Angststörung fehlinterpretiert wird.Autismus wird bekannter – und beliebter?Dass die Entwicklungsstörung mittlerweile bei Mädchen öfter diagnostiziert wird als früher, könnte aber auch mit etwas ganz anderem zu tun haben: mit sozialen Netzwerken, die besonders Mädchen stark beeinflussen. Auf Instagram oder Tiktok verbreiten viele Jugendliche Videos, in denen sie über psychische Erkrankungen und ihre Diagnosen sprechen. Nach dem Anschauen solcher Videos kann es passieren, dass manche Zuschauerinnen die Symptome bei sich erkennen. Eine ausgewiesene Fachperson müsste die Autismus-Diagnose jedoch bestätigen oder ausschliessen.Dass Mädchen mit Autismus so oft «unterm Radar» bleiben und dann doch noch diagnostiziert werden, liegt also an einem Zusammenspiel aus Forschung, gesellschaftlichen Stereotypen und medialen Entwicklungen. Fest steht: Das alte «Rain Man»-Bild bröckelt, und der wissenschaftliche Blick auf Mädchen und Frauen mit Autismus präzisiert sich. Vollständig ist er längst noch nicht.Warum ist manchen Eltern die Diagnose überhaupt wichtig? Für Alma Frank bedeutete sie Klarheit. Die Diagnose habe ihr geholfen, Philines Verhalten einzuordnen und den Alltag gezielter anzupassen – in der Schule, zu Hause und im Umgang mit Reizen, die das Mädchen schnell überfordern. Vor allem ging es der Mutter um eins: endlich verstehen zu können, warum ihre Tochter die Welt anders wahrnimmt.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel