«In den Köpfen vieler Menschen ist der Krieg immer noch eine reine TV-Show», sagt der litauische OppositionsführerLaurynas Kasciunas weiss, dass amerikanische Soldaten für Putin gefährlicher sind als deutsche. Dennoch hofft er, dass Deutschland bald die Rolle Amerikas in Europa übernimmt.18.06.2026, 05.26 Uhr7 LeseminutenLaurynas Kasciunas, Führer der litauischen Opposition und früherer Verteidigungsminister. Er gilt als ernsthafter Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten.Alle Fotos: Dominic NahrLaurynas Kasciunas hat im Frühjahr 2024 das litauische Verteidigungsministerium verlassen und führt heute die parlamentarische Opposition in Vilnius an. Er ist einer der profiliertesten Sicherheitspolitiker des Baltikums und wird als kommender Ministerpräsident gehandelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gerade jetzt ist seine Expertise gefragt: Die Nato bereitet sich auf ihren Gipfel in Ankara vor, und die baltischen Staaten sehen sich fast wöchentlich mit russischen Drohnenvorfällen konfrontiert.Herr Kasciunas, seit dem Nato-Beitritt von Schweden und Finnland wird die Ostsee im Westen oft als «Nato-Meer» bezeichnet. Wie sicher ist die Lage für die baltischen Staaten wirklich geworden?Die Bezeichnung «Nato-Meer» ist gefährlich, weil sie falsche Sicherheit suggeriert. Natürlich hat sich unsere strategische Tiefe fundamental verbessert. Aber die Ostsee ist keine Binnensee der Allianz. Die Bedrohung durch die russische Exklave Kaliningrad besteht weiterhin und wird im Westen derzeit sträflich unterschätzt. Russland verfügt dort nach wie vor über seine Ostseeflotte und nukleare Abschreckungskapazitäten. Wir dürfen uns nicht von Begriffen zu Leichtsinnigkeit verleiten lassen.Ein wunder Punkt bleibt die Suwalki-Lücke, der schmale Korridor zwischen Kaliningrad und Weissrussland. Ist die Nato-Strategie, im Ernstfall «jeden Zentimeter» zu verteidigen, dort überhaupt realistisch? Oder ist dieser Korridor eine Todeszone für Verstärkungstruppen?Ich kenne diese düsteren Szenarien. Aber unsere Geheimdienste sind stark genug für eine frühzeitige Warnung. Wenn Russland ein Besatzungsszenario vorbereitet, ist das keine blitzartige Infiltration wie durch die Hamas in Israel. Eine grossangelegte Invasion erfordert logistische Vorbereitungen, die wir Wochen oder Monate im Voraus erkennen. Das gibt uns Zeit für die rechtzeitige Truppenverlegung. Wenn wir vorab massive Verstärkung aus Deutschland und anderen Ländern an die Grenze bringen, senden wir ein klares Signal. Das Ziel ist, die Russen gar nicht erst kommen zu lassen.Wie schätzen Sie die militärische Lage in Kaliningrad ein?Als ich 2024 Minister war, sprach ich von einer Demilitarisierung Kaliningrads. Das gilt für die konventionellen Kräfte wegen des Ukraine-Kriegs und der ukrainischen Offensive in der Region Kursk noch immer. Russland musste massiv Truppen und Material abziehen. Kaliningrad befindet sich im Defensivmodus; Russland hat dort momentan nicht die Kraft, uns konventionell anzugreifen. Aber das kann sich rasch ändern, sobald diese dann kriegserfahrenen Truppen zurückkehren. Deshalb müssen wir jetzt unsere Verteidigung hochfahren.Kürzlich kam es erneut zu Verletzungen des baltischen Luftraums durch russische Drohnen. Warum zögert Litauen, diese sofort abzuschiessen?Das ist vor allem ein Ausrüstungsproblem – nicht nur für Litauen, sondern für die gesamte Nato-Ostflanke, wahrscheinlich auch für Deutschland. Unsere Fähigkeit zur Erkennung und Identifizierung von tieffliegenden Drohnen ist schlichtweg zu schwach. Unsere Radarsysteme sehen unterhalb einer bestimmten Höhe nur einen unklaren Punkt. Wer schiessen will, muss absolut sicher sein, worum es sich handelt. Uns fehlen hochentwickelte, integrierte Systeme.Litauen kauft nun neue Radarsysteme. Aber der Krieg in der Ukraine dauert schon über vier Jahre. Kommt diese Einsicht nicht viel zu spät?Da haben Sie recht, wir sind alle zu langsam. Als Verteidigungsminister habe ich ein Programm gestartet, um Drohnen von litauischen Herstellern zu kaufen und in der Ukraine testen zu lassen. Aber die erste russische Drohne drang erst im Sommer 2025 in unseren Luftraum ein – da war ich schon nicht mehr im Amt. Dieser Vorfall war eine Schocktherapie. Alles braucht Zeit. Das neue deutsche Skyranger-System ist sehr effektiv, aber wir müssen bei der Produktion weltweit viel schneller werden.Laurynas Kasciunas an seinem Besprechungstisch, daneben eine Sammlung von Coins, die er im Laufe seiner Zeit in der litauischen und europäischen Sicherheitspolitik gesammelt hat.Als Reaktion plant Litauen mit seinen Nachbarn den Bau eines «Drohnenwalls» entlang der Aussengrenze. Aus westlichen Nato-Hauptstädten hört man Kritik: Das sei veraltetes Festungsdenken. Drohnen seien nur ein Phänomen des Ukraine-Kriegs, bildeten aber nicht den Krieg von morgen ab. Was erwidern Sie darauf?Das ist eine bemerkenswerte Arroganz und eine Entkopplung von der Realität. Wer glaubt, Drohnen seien nur eine Modeerscheinung, hat die fundamentale Transformation der modernen Kriegsführung nicht verstanden. Drohnen haben das Gefechtsfeld transparent gemacht und die Kosten für Präzisionsschläge radikal gesenkt. Dieser Trend wird sich durch künstliche Intelligenz und Schwarmtechnologien noch beschleunigen. Unser Drohnenwall ist kein statischer Schützengraben, sondern eine hochdynamische Barriere aus Sensoren, Störsendern und kinetischen Abfangsystemen. Wir im Baltikum können uns den Luxus theoretischer Debatten nicht leisten. Wir müssen die Bedrohung abwehren, die heute vor unserer Haustür steht.Litauen rühmt sich seines Konzepts der totalen Verteidigung, wonach alle Bürger in die Verteidigung eingebunden sind. Gleichzeitig wissen viele Leute oft nicht, wo der nächste Schutzraum ist. Ist das Konzept bloss ein politischer Slogan?Ich habe gemischte Gefühle. Bei der litauischen Schützenunion, die mittlerweile über 15 000 Mitglieder zählt und fest in die militärischen Strukturen integriert ist, haben wir enorme Fortschritte gemacht. Ich selbst habe die Kommandostruktur für die territorialen Selbstverteidigungskräfte geschaffen – ein Back-up-System, das der regulären Armee den Rücken freihält, indem Bürger Sabotagegruppen bekämpfen oder Evakuierungen koordinieren. Was den gesamtgesellschaftlichen Ansatz angeht, müssen wir aber zulegen. In den Köpfen vieler Menschen ist der Krieg immer noch eine reine TV-Show. Erst wenn die Bedrohung vor der eigenen Haustür steht, ändert sich das Denken. Es ist kein reiner Slogan, aber wir sind noch nicht am Ziel.An der Front in der Ukraine geraten die Russen unter Druck. Manche Analysten befürchten, dass ein in die Enge getriebener Kreml mit einem Verzweiflungsangriff auf die baltischen Staaten reagieren könnte. Teilen Sie diese Sorge?Absolut. Russland hat massive Probleme, weil die Ukrainer mit kosteneffizienten Modellen hocheffektive Präzisionswerkzeuge entwickelt haben. Die Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien und strategische Häfen zeigen eine enorme Wirkung. Was versucht der Kreml nun? Er nutzt die Drohnenvorfälle an unseren Grenzen für gezielte Provokationen und billige Propaganda. Moskau behauptet, wir würden unseren Luftraum für ukrainische Drohnen öffnen. Das Ziel des Kremls ist es, einen Keil zwischen uns und die Ukraine zu treiben. Er will uns dazu drängen, die Ukrainer bei Angriffen tief im russischen Hinterland zu bremsen.«Putze deine Füsse» steht auf dieser Fussmatte vor dem Büro von Laurynas Kasciunas.Wie geschwächt ist Putin?Ich wäre vorsichtig damit, das Regime voreilig als schwach zu bezeichnen. Putin verfügt nach wie vor über alle Hebel, um die Lage im Land brutal zu kontrollieren. Das Kernproblem ist die russische Gesellschaft: Es gibt dort schlicht keine Tradition einer freien Bürgergesellschaft. Das Staatsverständnis erschöpft sich darin, auszuführen, was von oben befohlen wird. Ich erwarte daher keine Aufstände. Historische Transformationen in Russland gab es immer nur dann, wenn sich die Eliten im Inneren gespalten haben. Diesen Riss sehe ich im Moment noch nicht.Blicken wir auf den wichtigsten Verbündeten der Europäer: Wie bewerten Sie die künftige Rolle der USA auf dem Kontinent?Das ist die alles entscheidende Frage. Die Trump-Administration verfolgt eine eigene Europapolitik und sucht sich eher ideologische Verbündete wie den polnischen Präsidenten oder bis zuletzt Viktor Orban. Strategisch gesehen braucht Amerika Europa jedoch nach wie vor, insbesondere für seine nukleare Abschreckung und als Basis für Operationen im Nahen Osten oder im Indopazifik. Wenn die nukleare Abschreckung der USA hier bleibt, werden auch ihre konventionellen Kräfte zum Schutz dieser Einrichtungen bleiben.Es gibt in Litauen einen Spruch: «1000 amerikanische Soldaten sind mehr wert als 5000 deutsche Soldaten.» Dahinter steckt die Überzeugung, dass Putin einen Angriff niemals wagen würde, solange amerikanische Stiefel auf litauischem Boden stehen. Nun wollen die USA ihre Truppen aus Litauen abziehen. Teilen Sie diese Aussage?Man muss diesen Spruch richtig interpretieren: Es geht dabei überhaupt nicht um die militärische Qualität der Bundeswehr. Die deutsche Brigade bei uns ist ein historischer Meilenstein. Aber der Spruch beschreibt die psychologische Realität der Abschreckung. Die amerikanische Präsenz fungierte bisher als der ultimative Stolperdraht. Putin weiss, dass ein Angriff auf Litauen sofort tote Amerikaner bedeuten würde – und das zieht die atomare Supermacht USA automatisch in den Konflikt. Wenn die USA diese Soldaten abziehen, fällt dieser psychologische Schutzschild weg. Deutschland besitzt eben keine eigenständige nukleare Abschreckung, die mit der russischen vergleichbar wäre. Ein Abzug der Amerikaner erhöht das Risiko für Fehlkalkulationen im Kreml dramatisch.Was passiert, wenn die USA dennoch ihre Truppen aus Europa abziehen?Die Gretchenfrage lautet: Bleiben die sogenannten «strategic enablers», also die strategischen Unterstützungskräfte wie Luftaufklärung, Logistik und Satellitenkommunikation, im Land? Die Amerikaner sagen uns Europäern schon seit Jahren: Investiert in eure Verteidigung, wir sind nur noch das Back-up. Wenn die strategischen Kapazitäten und die nukleare Abschreckung der USA in Europa bleiben, können wir einen Truppenabzug überleben. Wenn sie diese jedoch abziehen, haben wir ein riesiges Problem. Europa braucht zehn bis fünfzehn Jahre und gigantische Summen, um diese Fähigkeiten selbst zu entwickeln.Eine Karikatur von Laurynas Kasciunas, die ihn als Erbauer des litauischen Zauns an der Grenze zu Weissrussland aufs Korn nimmt. Rechts der weissrussische Diktator Alexander Lukaschenko mit dem Ausspruch «Das ist Gotteslästerung» oder «Das ist einfach empörend».Wer soll diese Lücke füllen?Das einzige Land in Europa, das das kann, ist Deutschland. Ich weiss nicht, ob man sich in Berlin dieser gewaltigen historischen Verantwortung vollumfänglich bewusst ist. Ohne deutsche Führung wird es nicht gehen.Sie spielen auf die komplizierte innenpolitische Lage in Deutschland an, wo die AfD in Umfragen historische Höchststände erreicht. Besorgt Sie das?Ich verfolge das sehr genau. Dass die AfD teilweise an Landesregierungen beteiligt sein könnte, ist eine Zäsur. Ich verstehe das Prinzip der Brandmauer. Aber man sieht auch, dass diese Ausgrenzungstaktik von der AfD genutzt wird, um ihre Popularität als vermeintliches Opfer weiter zu steigern. Vielleicht müsste man hier strategisch anders agieren. Aber das ist eine interne Angelegenheit Deutschlands. Was die Sicherheits- und Verteidigungspolitik angeht, möchte ich betonen: Bundeskanzler Merz und vor allem Verteidigungsminister Boris Pistorius sind derzeit der absolute Goldstandard für die europäische Sicherheit und ganz besonders für Litauen. In unserem Land ist der Kanzler extrem populär.Passend zum Artikel
Baltische Sicherheit: Merz und Pistorius sind der «Goldstandard» für Europa
Laurynas Kasciunas weiss, dass amerikanische Soldaten für Putin gefährlicher sind als deutsche. Dennoch hofft er, dass Deutschland bald die Rolle Amerikas in Europa übernimmt.










