Es ist bereits ein langer Tag für Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Am Morgen noch saß er im Flugzeug nach Vilnius, besuchte deutsche Soldatinnen und Soldaten bei einer Übung nur wenigen Kilometer von der Grenze des mit Russland befreundeten Belarus entfernt und erklärte, dass die Freiwilligkeit der Brigade Litauen dort bald an ihre Grenzen stoßen könnte. Am Abend dann steht er in Berlin-Mitte vor dem Publikum der Bundeskanzler Helmut-Schmidt-Stiftung und warnt vor gesellschaftlichen Grenzen.Russland könne schon bald die Nato testen und dann würde auch die deutsche Gesellschaft herausgefordert werden. Was das konkret bedeutet, konnte Pistorius bei seinen Besuchen in der Ukraine beobachten: Ein Land werde verteidigungsfähig, wenn Verwaltung, Wirtschaft und die Menschen widerstandsfähig sind. „Ein Land ist nicht allein durch seine Streitkräfte verteidigungsfähig“, sagte der Minister.Pistorius betonte, dass es Menschen gebe, die die hohen Verteidigungsausgaben und den neuen Wehrdienst kritisieren. Doch er hält dagegen: „Wir müssen uns wieder klarer machen, über wessen Verteidigung wir hier eigentlich reden.“ Es gehe nicht darum, den Staat zu verteidigen, sondern die Art zu leben: in Freiheit und Selbstbestimmung, mit dem Recht, zu demonstrieren. Anders, als das in Moskau der Fall sei. In der Ukraine kämpfe die Gesellschaft auch im fünften Jahr des Krieges Seite an Seite für genau dieses Ziel. „Ich bin mir nicht so sicher, ob das in Deutschland so wäre. Jedenfalls noch nicht“, sagte Pistorius.„Abstrakte Appelle an die Bevölkerung reichen nicht aus“Sicherheit, so der Minister, sei längst keine rein militärische Frage mehr. Man lebe zwischen Frieden und Krieg. Cyberangriffe und Desinformationskampagnen machten dies deutlich. „Sicherheit ist am Ende eine Gemeinschaftsaufgabe eines modernen und widerstandsfähigen Staates und damit eben auch einer resilienten Gesellschaft.“ Die entscheidende Frage laute: „Sind wir als Gesellschaft und als Staat gemeinsam bereit, für unsere Sicherheit einzustehen, auch wenn das bedeutet, persönlich Zumutungen hinzunehmen?“Helena Quis, wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Schwerpunkt Gesamtverteidigung am Berliner Think-Tank EDINA, war an diesem Abend selbst im Publikum. Sie begrüßt, „dass Verteidigungspolitik zunehmend als Gesellschaftspolitik verstanden wird.“ Verteidigungsfähigkeit entscheide sich schließlich nicht allein an Rüstungsprojekten oder Finanzierungsfragen, sondern auch daran, ob eine Gesellschaft bereit und in der Lage ist, Krisen gemeinsam zu bewältigen. „Abstrakte Appelle an die Bevölkerung reichen allerdings nicht aus“, sagt sie.Die von Pistorius und anderen Politiker postulierten Formel von Verteidigung „unserer Art zu leben“ weise zwar in die richtige Richtung, „bleibt aber - so meine Befürchtung - noch zu unscharf, um für viele Menschen eine wirkliche sinnstiftende und mobilisierende Erzählung zu sein.“ Man habe im Bereich der gesamtgesellschaftlichen Verteidigungsfähigkeit also nicht nur ein Umsetzungs-, sondern zuallererst ein Erkenntnisproblem. „Wir wissen nicht ausreichend, welche Narrative und Anreize gesellschaftliche Unterstützung für Sicherheit und Verteidigung fördern können“. Andererseits fehle oftmals die Benennung konkreter Möglichkeiten, sich einzubringen.Pistorius selbst blickt an diesem Montagabend ins Ausland, um zu zeigen, wie es besser geht. Als Vorbild nennt er nicht nur die Ukraine, sondern auch die nordischen Länder. Während Deutschland zögerte, habe etwa Finnland nach der russischen Annexion der Krim 2014 konsequent Strukturen aufgebaut. „Das sind sechs Jahre, die wir verloren haben“ - in der zivilen Verteidigung, im gesellschaftlichen Zusammenhalt und in der Ausstattung der Streitkräfte, sagte der Verteidigungsminister. Zahlreiche Reservisten, Schutzräume und eine große Bereitschaft zur Landesverteidigung seien dort selbstverständlich.Deutschland versucht nun aufzuholen. Das Innenministerium hat vor wenigen Tagen angekündigt, den Zivilschutz bis 2029 zu stärken: mit widerstandsfähiger IT-Infrastruktur, abgesicherten Kommunikationswegen und besserer Selbstschutzkompetenz der Bevölkerung, durch Übungen, Kurse und Schulunterricht. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) soll außerdem ein Schutzraumkonzept vorlegen. Pistorius erinnerte an die 1980er und frühen 1990er-Jahre. Damals seien Übungen und gemeinsame Krisenplanung zwischen Militär und zivilen Stellen noch selbstverständlich gewesen. Das müsse wieder so werden.