Herr Minister, Sie waren Anfang der Woche beim ersten großen Manöver der neuen Panzerbrigade 45 in Litauen. Welche Eindrücke bringen Sie von dort mit?Ich musste an den Juni 2023 zurückdenken. Präsident Nauseda stand neben mir. Als ich die Stationierung der Brigade Litauen angekündigt habe, waren viele überrascht. Es gab zunächst auch Kritik und Zweifel. Bei den insgesamt zehn Besuchen in Litauen konnte man sehen, wie Infrastruktur und Brigade in großen Schritten aufwachsen. Es ist beeindruckend, wenn ich Soldaten aller Ränge treffe, die mit Leidenschaft und Herzblut dabei sind. Immer wieder höre ich von Soldatinnen oder Soldaten, sie erlebten gerade die beste Zeit ihres Soldatenlebens. Mich beeindrucken die Professionalität und Einsatzbereitschaft, die ich vor Ort erlebe. Wenn man auf dem Übungsplatz Soldaten sieht, die mit multinationalen Verbänden üben, rund 15 Kilometer von der Grenze zu Weißrussland entfernt, dann ist das genau das richtige Signal unserer Verantwortung und unseres Engagements für die Ostflanke. Und man erlebt es auch nicht allzu oft auf politischer Ebene, dass man Entscheidungen trifft, die dann so greifbar werden. Das spricht sich rum. Auch in Europa und in Washington weiß man inzwischen, wie gut wir sind.Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das Projekt ist zu einer Zeit ins Leben gerufen worden, als viele in Westeuropa das Ausmaß der russischen Bedrohung nicht vollständig wahrgenommen haben. In der Rückschau ist klar geworden, dass man das Projekt falsch aufgesetzt hatte. Man hätte politisch vorgeben müssen, dass sich die beteiligten Unternehmen zu Beginn des Projekts auf eine detaillierte Arbeitsteilung einigen. Das ist nicht passiert, und das war der Geburtsfehler. Dann ist zunehmend klar geworden: Die Unternehmen konnten oder wollten sich ganz offensichtlich nicht einigen. Nach sorgfältigen gemeinsamen Abwägungen haben Deutschland und Frankreich die einzig richtige Entscheidung getroffen. Und da Sie Putin ansprechen: Die aktuelle Bedrohung spricht dafür, jetzt schnell Kampfjets zu bauen, die den Anforderungen der kommenden Jahre gerecht werden.Aber Sie haben mit Ihrem Kollegen Sébastien Lecornu viel Zeit und Herzblut in FCAS investiert, ist das nicht doch eine große Enttäuschung?Ja. Wir haben intensiv an einer Lösung gearbeitet. Das gilt im Übrigen auch für meine Kollegin Catherine Vautrin. Aber es hat am Ende nicht gereicht – aufgrund der Streitigkeiten unter den beteiligten Unternehmen. Also ja, es war zunächst eine Enttäuschung. Aber wenn das Pflaster ab muss, dann besser schnell als langsam. Und wir haben ja sehr viele deutsch-französische Projekte, die wir gemeinsam umsetzen und auch weiterhin umsetzen werden.„Vive l’amitié franco-allemande“: Im Juli 2025 empfing Pistorius den damaligen französischen Verteidigungsminister Sébastien Lecornu im historischen Rathaus seiner Heimatstadt Osnabrück.dpaJetzt will ja die deutsche Wehrindustrie ein überwiegend bayerisches Kampfflugzeug bauen. Ist das aus Ihrer Sicht zukunftsträchtig?Ich freue mich erst mal über jede Initiative und den Ehrgeiz zu sagen: Wir trauen uns das zu. Meine Pflicht ist aber zu prüfen: Wo liegen unsere Stärken? Wie schnell könnten wir welche Projekte umsetzen? Wie hoch sind die Kosten, und wer sind unsere Partner? Da gibt es jetzt mehrere Optionen, die wir jetzt gründlich, aber schnell prüfen. Ich sehe Raum für ein europäisches Projekt mit mehreren Partnern. Spanien sehe ich weiterhin an unserer Seite. Wichtig ist für uns: Die deutsche Luftfahrtindustrie muss dabei eine wichtige Rolle einnehmen.Gibt es überhaupt eine Perspektive für weitere deutsch-französische Projekte, oder passen die beiden Industrien einfach nicht zusammen?Selbstverständlich gibt es diese Perspektive. Beim deutsch-französischen Ministerrat im Juli werden wir die Liste der gemeinsamen Projekte vorstellen. Dabei geht es zum Beispiel auch um die Entwicklung eines Frühwarnsystems gegen weitreichende Raketen.Also gilt weiter: Es lebe die deutsch-französische Freundschaft? Ja, ganz klar: Vive l’amitié franco-allemande!Das FCAS-Projekt hat schon ein paar Hundert Millionen gekostet, andere Beschaffungsvorhaben verschlingen Milliardensummen – und gelingen nicht. Auf der anderen Seite muss in den sozialen Sicherungssystemen massiv gespart werden. Plagt Sie da nicht manchmal das sozialdemokratische Gewissen? Und ob. Natürlich tut es das. Und ich habe es ja schon öfter gesagt: Ich wünschte mir eine Welt, in der wir keine Waffen und keine Armee brauchten. Aber das ist ein frommer Wunsch, und ich muss jetzt mit der Welt umgehen, die wir im Moment haben. Und die ist leider gefährlicher geworden. Wer darauf reagieren und Freiheit und Sicherheit dieses Landes schützen will, der muss das auch finanzieren. Die Schulden, die wir jetzt aufnehmen, sind die Kehrseite der sogenannten Friedensdividende. Wir haben dreißig Jahre lang viel zu wenig für Verteidigung ausgegeben und dabei Hunderte Milliarden nicht investiert. Das muss sich ändern, und deshalb haben wir umgesteuert.Treffen Sie nicht auf Widerstand bei den Summen? Der Verteidigungsetat wächst auf über einhundert Milliarden Euro pro Jahr.Natürlich gibt es ein gewisses Bauchgrimmen, übrigens auch bei den Christdemokraten, weil wir die Schulden, die wir jetzt aufnehmen, auch wieder zurückzahlen müssen. Aber es gibt kein Bedauern oder gar einen Widerstand, weil alle wissen, wie wichtig diese Investitionen gerade jetzt sind, da wir potentielle Gegner abschrecken müssen.„Natürlich gibt es ein gewisses Bauchgrimmen“: Boris Pistorius auf dem Weg zu seinem Abgeordnetenbüro im Paul-Löbe-HausOmer MessingerIhre geplante Reform des Rüstungswesens hat wesentlich die Preistreiberei der Branche im Blick. Sie haben sich das drei Jahre lang angesehen. Was kann helfen, damit die Bundeswehr schneller mehr bekommt und nicht weiter wenig, nur viel teurer?Das Problem liegt tiefer. Zum einen müssen wir die Unternehmen weiter ermutigen, ihre Produktionskapazitäten zu erhöhen. Das würde helfen, den Bedarf der NATO-Staaten zu decken. Und es würde gleichzeitig auch die Absätze der Industrie steigern. Damit wird sich übrigens auch der NATO-Gipfel in Ankara beschäftigen. Zum anderen müssen wir die Beschaffungsprozesse weiter beschleunigen und preislich noch strenger prüfen. Entscheidend ist, dass wir schnell geeignetes Material bekommen, also auch auf verfügbare Systeme von Partnerländern zurückgreifen. Ich habe diesen Prozess bei uns in Gang gebracht. Derzeit reformieren wir auch das Beschaffungsamt. Wir stärken aktuell zum Beispiel die Marktbeobachtung, Lieferketten- und Preiskontrolle.Es wird in riesigen Mengen für Dutzende, bald Hunderte Milliarden bestellt. Abgeordnete beklagen aber, dass ihnen Rechenschaft darüber verweigert wird, was tatsächlich an die Truppe kommt. Warum diese Zurückhaltung?Wir verweigern selbstverständlich keine Auskunft und sind gegenüber dem Parlament maximal transparent, wenn es um den Zulauf von Material in die Truppe geht. Im Übrigen gibt es den Rüstungsbericht, den Abgeordnete im Rahmen ihrer parlamentarischen Kontrollfunktion einsehen können. Er ist geheim eingestuft, weil aufgrund der militärischen Sicherheit Zurückhaltung geboten ist. Wir reden schließlich nicht über den Beschaffungsplan des Grünflächenamts Berlin-Schöneberg, sondern über unsere Verteidigungsfähigkeit.Der Kauf der sechs Fregatten F126 wurde im Jahr 2020 vereinbart. Die Gesamtkosten des Projekts sollten laut Unterlagen von damals für sechs Schiffe bei rund zehn Milliarden Euro liegen. In den Folgejahren haben sich die Probleme dann addiert. Nicht alle, aber die meisten müssen wir dem Generalunternehmer zurechnen. Im Ergebnis führte dies letztlich zu massiven zeitlichen Verzögerungen. Verzögerungen, die wir uns – um es deutlich zu sagen – nicht leisten können. Als dies immer deutlicher wurde, haben wir zunächst alles getan, um dieses Projekt zu retten – und auch einen Wechsel des Generalunternehmers sehr intensiv untersucht. Die Prüfungen in meinem Haus haben nun allerdings ergeben, dass die Gesamtkosten auf mehr als 18 Milliarden Euro ansteigen würden. Wir reden also von einem Plus in Höhe von sage und schreibe acht Milliarden Euro! Das geht nicht. Hinzu kommt: Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Kaack, sagt ganz klar, dass es mit den MEKOs A-200 eine exzellente Alternative gibt, die auch alle NATO-Anforderungen erfüllt. Dabei geht es ja in erster Linie um die U-Boot-Jagd. Die ersten MEKO A-200-Fregatten sind uns für Ende 2029 versprochen worden, also dann, wenn sie von der Marine tatsächlich dringend gebraucht werden. Die F126 hingegen hätte aufgrund der Verzögerungen frühestens ab 2032 zur Verfügung gestanden und damit wohl vier Jahre später als ursprünglich vereinbart. Nach einer gründlichen Abwägung haben wir uns dann entschieden, einen Schlussstrich unter die F126 zu ziehen.„Verzögerungen, die wir uns nicht leisten könnt“: Pistorius spricht im Jahr 2024 zur Kiellegung der Fregatte Niedersachsen auf der Peene-WerftPicture AllianceMüsste nicht ganz anders und massenhaft produziert werden – Russland baut angeblich tausend Panzer pro Jahr, wir in Deutschland einige Dutzend. Wäre das nicht eine Aufgabe für die Automobilindustrie?Unsere Autobauer beweisen seit vielen Jahrzehnten, dass sie hochklassige Produkte in Masse produzieren können. Ihre Erfahrungen und Kompetenzen wollen wir stärker auch für die Rüstungsindustrie nutzen. Daher haben wir einen Runden Tisch ins Leben gerufen. Die Vertreter dieser unterschiedlichen Branchen tauschen sich aus – auch mit Zulieferern, Start-ups und relevanten Playern des Finanzsektors. Gemeinsam können wir zum Beispiel für sichere, robuste Lieferketten sorgen oder auch Lieferengpässe abfedern. Und ja, wir brauchen in bestimmten Bereichen auch mehr Masse. Überlegenheit wird heute nicht mehr nur durch Hochtechnologie, sondern zum Beispiel auch durch den Einsatz von massenhaften, kostengünstigen Drohnen erzeugt. Beides muss gleichzeitig eingesetzt werden können. Am Ende macht es also die Mischung aus Masse und Klasse.Alle Teilstreitkräfte planen mit Zuwächsen, für die es bei Weitem nicht genug Soldaten gibt. Wann wird geprüft und entschieden, ob die Wehrpflicht doch kommen muss?Die gute Nachricht ist: Die Bundeswehr wächst auf. 96 Prozent der 18-jährigen Männer antworten auf den Fragebogen. Davon kann sich fast jeder Fünfte vorstellen, zur Bundeswehr zu gehen. Ich bin also sehr optimistisch, dass wir auch weiterhin personell aufwachsen. Natürlich steht die Frage im Raum: Was, wenn wir in ein paar Jahren mehr freie Plätze als geeignete Bewerberinnen und Bewerber haben sollten? Es war von Anfang an in der Koalition vereinbart, dass wir dann gegensteuern müssen. Nicht mit einer allgemeinen Wehrpflicht, denn dafür hätten wir auf absehbare Zeit weder genügend Ausbilder noch die Infrastruktur. Sondern nur mit einer Bedarfswehrpflicht. Aber auch diese Frage stellt sich im Moment gar nicht. Insofern bleibt Freiwilligkeit das Gebot der nächsten Jahre.Ist das nicht ein weiterer Bereich von Dilemmaverwaltung: Wenn das Heer um 50 Prozent wächst, woher sollen dann die Soldaten kommen – muss man sich da nicht heute schon festlegen?Wir haben die Entwicklung im Blick, und falls wir nicht ausreichend Personal haben sollten, werde ich sehr schnell einen Vorschlag machen, und dann wird auch schnell entschieden. Die Infrastruktur bauen wir weiter auf. Im dritten Quartal dieses Jahres stellen wir nun rund 8000 zusätzliche Plätze in containerbasierten Unterkünften kurzfristig bereit. Zugleich sollen in serieller Bauweise bis 2031 bis zu 54.000 Plätze in rund 300 neuen Ausbildungs- und Unterkunftsblöcken bundesweit realisiert werden.Seit drei Jahren sind Sie Verteidigungsminister. Ihrer Partei, der SPD, geht es schlecht, die Stimmung ist mies, schwere Wahlen stehen an. Sind Sie, der beliebteste Sozialdemokrat, nicht irgendwann gefragt, als Vorsitzender oder Kanzlerkandidat zu helfen?Ich habe gelernt – auch aufgrund ganz persönlicher Erfahrungen –, dass man sein Leben und seine Karriere nicht durchplanen kann. Entscheidend ist für mich: Ich bin sehr gern Verteidigungsminister und mit dieser Aufgabe auch noch lange nicht fertig. Und zur SPD: Ich bin seit diesem Jahr 50 Jahre Mitglied. Natürlich schmerzen mich die schlechten Umfragewerte und die jüngsten Wahlergebnisse. Die können wir aber nicht einzelnen wenigen Personen anlasten. Alle, die in Verantwortung sind, sind gefordert, aus dem Tief rauszukommen. Wir müssen uns insgesamt neu sortieren – inhaltlich, kommunikativ, in der Ansprache der Menschen.Die Frage kommt ja nicht von ungefähr: Vor ein paar Jahren, als die SPD nach dem Rücktritt von Andrea Nahles auch schon in Not war, haben Sie zu denen gehört, die bereit waren, den Parteivorsitz zu übernehmen …… stimmt. Das ist sieben Jahre her. Damals stand ja auch eine Entscheidung für den Parteivorsitz an. Das ist heute nicht so. Und ich bin inzwischen auch in einer ganz anderen Funktion, habe sehr viel Verantwortung und großes Vertrauen in Lars Klingbeil und in Bärbel Bas.
Verteidigungsminister Boris Pistorius über Wehrplicht, FCAS und F126
Er wünscht sich eine Welt ohne Waffen – und kauft sie für Milliarden. Der Verteidigungsminister spricht über sein sozialdemokratisches Gewissen, gescheiterte Rüstungsprojekte und über die K-Frage in der SPD.













