Harry Kane verteidigt und vollstreckt, Jude Bellingham grätscht und trifft. Beim 4:2 (2:2)-Auftaktsieg über Kroatien verscheucht England die harsche Kritik an der Kadernominierung des deutschen Trainers Thomas Tuchel. Plötzlich ist da eine Mannschaft erkennbar, die füreinander läuft und sich miteinander freut. Das weckt Lust auf mehr und hat innerhalb von nur einem Spiel die Stimmung rund um die „Three Lions“ erst einmal komplett gedreht.Der englische Boulevard wechselte jedenfalls schon einmal in den Euphorie-Modus und feierte die „Dallas Wowboys“. Kann Tuchel diese Stimmung konservieren, wird sie die englische Mannschaft noch weit tragen können.Das 4:2 war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Es zeigte eine resiliente englische Mannschaft, die sich auch von Rückschlägen nicht aus dem Konzept bringen ließ. Es zeigte mit Kane und Bellingham zwei Weltstars, die sich für das Gesamtgebilde aufopferten. Zumindest bei Bellingham war das während seiner komplizierten Saison bei Real Madrid nicht immer zu sehen. Kane zeigte sich in Bayern-Form und ging vorneweg. Und England präsentierte die bislang besten und unterhaltsamsten 90 Minuten dieser Weltmeisterschaft.Er habe zur Pause die richtigen Worte gefunden, sagte Englands Kapitän Harry Kane mit Blick auf die Halbzeitansprache von Tuchel. Sein Auftritt vor der Presse wurde zu einem Plädoyer für den ehemaligen Bayern-Coach: „Ein großes Lob an den Trainer – er hat uns in der Halbzeitpause eine Ansprache gehalten und gesagt: „Wenn wir verlieren, dann verlieren wir auf unsere Art.“Zur Pause hatte es noch 2:2 geheißen und es war nicht so recht klar welche Richtung dieses Spiel nehmen würde. Kane hatte gleich zweimal getroffen. Erst im zweiten Anlauf vom Punkt zum 1:0 in der zwölften Minute. Schiedsrichter Clement Turpin hatte entschieden, dass sich Kroatiens Torhüter Dominik Livaković bei der ersten Ausführung zu früh zu weit nach vorne bewegt hatte. Dann in typischer Kane-Manier, als er mit einem Kopfball im Gewühl die kleine Lücke fand und zum 2:1 (42.) einnickte. Damit dürfte er seine Ambitionen auf den Ballon-d`Or nochmals unterstrichen haben.Doch Kroatien kam in diesem spektakulären Spiel zweimal zurück. Martin Baturina (36.) aus dem Hintergrund und Petar Musa mit dem Pausenpfiff schlossen schöne kroatische Kombinationen ab. Beifall der rund 70.000 Zuschauer in der hochmodernen Arena in Dallas dankten es mit Pausen-Beifall für beide Seiten.Starker WM-Start: Trainer Thomas Tuchel applaudiert den FansReutersNach dem Seitenwechsel aber nahm die englische Offensive das Spiel in der Hand. „Wir haben Vollgas gegeben, und damit kamen sie nicht klar. Ein großes Lob an alle für das erste Spiel des Turniers“, sagte Kane und machte dafür die Halbzeitansprache des Trainers verantwortlich. Und gab damit dem hart kritisierten Coach demonstrativ Rückendeckung. Viel Druck hatte auf Tuchel und seinem Kader gelastet. Weil er Topspieler wie Harry Maguiere (Manchester United) oder Phil Foden (Manchester City) zu Hause gelassen hatte, musste Tuchel eine Welle der Kritik über sich ergehen lassen. Doch die negative Energie wurde in den 90 Minuten vom Platz gefegt.Leistungshöhepunkt zur richtigen ZeitJude Bellingham schloss einen Sprint zum 3:2 (47.) ab und deutete an, dass er rechtzeitig zum Turnierstart in Form kommen könnte. In der Folgezeit erspielten sich die Engländer und vor allem Kane einige Chancen, mussten aber bis zur 85. Minute warten als Marcus Rashford das 4:2 erzielte. Kurz vor hatte auch Kroatien eine Druckphase, verstand es aber nicht die Chancen in zählbaren Erfolg umzumünzen.Nach den 90 Minuten aber wirkte Kane geradezu erleichtert. Es scheine, sagte Kane, als habe er zur richtigen Zeit der Saison seinen Leistungshöhepunkt erreicht. „Und natürlich will man so früh wie möglich seinen Namen auf der Torschützenliste sehen.“ Das Ergebnis, die Leistung und die Art und Weise dieses Auftaktsieges hat die englische Mannschaft jetzt erst einmal auf eine Welle gesetzt.Tuchel wiederum gab das Lob an seine Mannschaft zurück. „Mir hat die Reaktion der Spieler zu Beginn der zweiten Halbzeit sehr gut gefallen. Sie war hervorragend, und wir haben den Sieg verdient, aber es war ein emotionales Spiel, bei dem viele Gefühle im Spiel waren, und wir haben eine Weile gebraucht, um in Schwung zu kommen.“Nun wird sich zeigen, wie weit die Tuchel-Auswahl von der positiven Auftaktstimmung getragen wird. In den nächsten Spielen gegen Ghana (23. Juni) und Panama (27. Juni) können die „Three Lions“ erst einmal befreit und voller Selbstbewusstsein aufspielen. Sie sind nun Favorit auf den Gruppensieg. Im Quervergleich mit den anderen Turnierfavoriten wie Frankreich, Spanien, Argentinien oder Brasilien haben Engländer die bislang beste Frühform gezeigt und müssen sich nicht verstecken.Wie sehr die englischen Fans den Auftritt genossen, war daran abzulesen, dass sie den inzwischen 30 Jahre alten Fan-Klassiker „Football is coming home“ noch lange nach Schlusspfiff inbrünstig sangen. Und diesmal meinten sie es sogar ernst.