Eigentlich wollte Frank Borghi Baseballprofi werden. Zum Fußball ist er nur gegangen, um sich fit zu halten im Winter. Er landete im Tor, wo ihm die Skills aus dem Baseball halfen: Fangsicherheit, weite Würfe. Mit dem Fuß dagegen kann er kaum etwas. Abschläge überlässt er den Verteidigern.Mehr aber noch wundert die englischen Fußballer an einem milden Nachmittag in Brasilien, wie mutig dieser seltsame Amerikaner sich in jeden Luftkampf wirft und ihnen mit seinen riesigen, blanken Händen die Bälle wegfischt. Hohe Bälle vors Tor, die Essenz des klassischen englischen Fußballs: Sie werden die Beute eines Baseballspielers.Weltkriegsveteran hält alles55 Jahre später wird der Schotte Gerard Butler den Torwart Borghi im Kinoflop „The Game of Their Lives“ darstellen und ein weiteres Jahr später mit „300“ einen Welterfolg feiern, als Leonidas. Nicht der Leonidas, der 1938 WM-Torschützenkönig war, sondern jener, der als König von Sparta mit dreihundert Kämpfern das mächtige persische Heer an den Thermopylen aufhielt. Nichts und niemand lässt Butler als Leonidas durch. Und so hat er es, historisch korrekt, auch als Frank Borghi gehalten.Dabei wäre der Weltkriegsveteran Borghi, Sanitäter auf den Schlachtfeldern der Ardennen und bei der Brücke von Remagen und im Zivilleben als Leichenwagenfahrer tätig, vor Anpfiff schon „mit vielleicht vier oder fünf Gegentoren“ zufrieden gewesen. Bei Olympia 1948 verlor das US-Team gegen Italien 0:9, in Norwegen 0:11, in der WM-Qualifikation gegen Mexiko 2:6 und 0:6. Gegen das Fußball-Mutterland, das sich erstmals zu einer WM bequemt, sind Borghi und Co. der vielleicht größte Außenseiter der WM-Geschichte.„Ihr Tor war wie verhext“Nach einer guten halben Stunde aber haben die überlegenen Engländer immer noch nicht getroffen – als sie wie aus dem Nichts der aus Haiti stammende Joe Gaetjens, Tellerwäscher in „Rudy’s Cafe“ in Harlem, New York, mit dem 1:0 schockiert. Von da an füllt sich das zuvor halb leere Stadion rasch mit immer mehr Einheimischen. Sie haben von der möglichen Sensation im Radio gehört und wollen sie nun auch sehen.Wie der berühmteste englische Spieler, Stanley Matthews, den Trainer Walter Winterbottom auf der Tribüne statt auf dem Flügel platziert hat, um ihn für das Duell mit Spanien zu schonen (das sie dann auch verlieren), erleben die jubelnden Brasilianer, wie die englischen Profis immer mehr an einem Amateurtorwart verzweifeln. „Ihr Tor war wie verhext“, klagt noch sechzig Jahre später Sir Tom Finney, der Berühmteste jener englischen Elf, kurz vor seinem Tod.Nach Schlusspfiff tragen die Zuschauer die beiden Helden dieser Weltsensation des Fußballs vom Platz: Torschütze und Torwart, Tellerwäscher und Totenchauffeur. Deren weiteres Schicksal könnte unterschiedlicher kaum sein. Während der Urenkel des 1825 aus Bremen eingewanderten Thomas Gaetjens nach der Rückkehr nach Haiti, vierzig Jahre alt, von den Schergen des Diktators Duvalier umgebracht wird, reüssiert Frank Borghi als Bestattungsunternehmer und wird bei seinem Tod mit 89 von sieben Kindern, zwölf Enkeln und sieben Urenkeln beweint. Sie werden das Heldenepos von 1950 wohl noch vielen Generationen weitererzählen.
Fußball-WM 1950: Totenchauffeur und Tellerwäscher triumphieren
Eine Weltsensation des Fußballs: Wie die Engländer bei der WM 1950 vom krassen Außenseiter USA geschlagen werden.












