Wenn ein Kaffeebecher ein historisches Trauma weckt: In Südkorea muss Starbucks zum GeschichtsunterrichtWeil das Unternehmen am 18. Mai mit einem «Panzerbecher» warb, schliesst es am 22. Juni alle Filialen im Land und schickt seine Mitarbeiter zur Nachhilfe. Im Mai 1980 hatte die damalige Militärdiktatur einen Volksaufstand brutal niedergeschlagen.17.06.2026, 08.30 Uhr3 Leseminuten«Stell deinen SS-Becher mit einem Klack auf den Tisch», lautete die Werbeaktion von Starbucks in Südkorea. Schon wurden Tassen zertrümmert, und der Geschäftsführer musste gehen.BloombergEin Thermosbecher aus Edelstahl. Ein Wortspiel. Lustig sollte es sein und mit einer Rabattaktion mehr Kunden in die Cafés quer durch Südkorea locken. Stattdessen: zertrümmerte Kaffeetassen, lauter Protest, ein Präsident, den die «Wut packt», ein entlassener Geschäftsführer und Tausende Mitarbeiter, die zum Nachhilfeunterricht müssen. Starbucks in Südkorea erlebt in diesen Tagen ein PR-Desaster.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Angefangen hatte alles mit dem «SS tank». Das englische Wort «tank» heisst eigentlich Becher. Aber eben auch Panzer. Die beiden S stehen laut Starbucks für «Stainless Steel» (Edelstahl), wurden aber von vielen im Land zusätzlich als Nazianspielung gelesen. «Stell deinen SS-Becher mit einem Klack auf den Tisch», lautete denn die Werbeaktion in den Starbucks-Läden am 18. Mai. Ausgerechnet an diesem Datum und ausgerechnet mit diesen Worten. Das öffnete gleich zwei Wunden in dem Land.Der Aufstand von GwangjuIm Mai 1980 waren vor allem Studenten auf die Strasse gegangen, um gegen die damalige Militärdiktatur in Südkorea zu protestieren. Am 17. Mai 1980 hatte General Chun Doo Hwan den Ausnahmezustand und das Kriegsrecht verschärfen lassen. Die Regierung liess Universitäten schliessen, die Nationalversammlung auflösen und Dutzende Oppositionspolitiker festnehmen. Unter ihnen war auch der Oppositionelle Kim Dae Jung.Am Tag darauf versammelten sich in Gwangju, Kims Heimatstadt im Südwesten Südkoreas, Hunderte junge Demonstrierende, um die Freilassung ihres Idols zu fordern. Chun aber liess Panzer auffahren und die Protestbewegung brutal niederschlagen. Es folgte ein regelrechtes Gemetzel an der Zivilbevölkerung. 154 Menschen sollen dabei getötet worden sein, mehr als 4000 Protestierende verletzt. Bis heute werden mehr als 70 Personen vermisst.Der 18. Mai 1980 ging in die Gewaltgeschichte Südkoreas ähnlich ein wie das Tiananmen-Massaker in Peking 1989. Mit einem entscheidenden Unterschied: Es ist kein Tabu im Land. In Südkorea wurden die Verbrechen am eigenen Volk aufgearbeitet, die Täter von damals verurteilt. Kim Dae Jung, der einstige Auslöser der Proteste, hatte, als er 1997 Präsident Südkoreas wurde, den 18. Mai zum offiziellen Gedenktag erklärt.Und doch: Die Marketingaktion von Shinsegae Group, die die Starbucks-Lizenz für Südkorea hält, zeigt, wie schnell die Vergangenheit des eigenen Landes in Vergessenheit geraten kann. Egal aber war sie den Menschen, vor allem älteren, nicht. Für sie ist die Militärdiktatur keine abstrakte Episode aus Schulbüchern, sie ist gelebte Erinnerung an die Schreckenstage von Gwangju. Die Menschen zeigten ihre Wut, zumal das lautmalerische «Klack», mit dem in der Rabattaktion der Starbucks-«Panzerbecher» auf den Tisch gestellt werden sollte, die Koreanerinnen und Koreaner an das Jahr 1987 und damit den Tod des Studenten Park Jong Chol erinnert.Ein «Klack», das in den Ohren Älterer nachhalltDer Aktivist wurde von der Geheimpolizei mit Stromschlägen und Wasser gefoltert. Seine damaligen Peiniger versuchten den Mord später mit dem Satz abzutun: «Der Ermittler schlug mit einem Klack auf den Tisch, und der Junge fiel um.» Bis heute gelten diese Worte in Südkorea als Ausdruck staatlichen Zynismus. Die Menschen warfen Starbucks Verhöhnung der Opfer vor. Südkoreas Präsident Lee Jae Myung schrieb auf X: «Was um alles in der Welt haben sie sich dabei gedacht, wo sie doch wissen, wie viele Menschen an jenem Tag ihr Leben verloren?» Der Minister für Veteranenangelegenheiten, Kwon Oh Eul, forderte laut der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap Sanktionen gegen das Unternehmen. Die Gewerkschaft der Staatsbediensteten rief ihre Mitglieder dazu auf, Starbucks zu meiden.Die Reaktion der Konzernspitze folgte nur Stunden später: Die Werbung ist gestoppt, der zuständige Geschäftsführer musste seinen Posten räumen. Der Shinsegae-Vorstandschef Chung Yong Jin entschuldigte sich in einer landesweit ausgestrahlten Stellungnahme. Auch die amerikanische Zentrale von Starbucks ruderte zurück und bat die Südkoreaner um Verzeihung. Mittlerweile ermittelt die Polizei gegen Shinsegae wegen Beleidigung.Das Unternehmen versucht derweil, den Schaden zu begrenzen. Es spricht von «unangebrachtem Marketing» – und schickt am kommenden Montag (22. Juni) alle Mitarbeiter in den rund zweitausend Starbucks-Filialen quer durchs Land, auch leitende Angestellte, zu Extraschulungen. Die Belegschaft soll einige Geschichtslektionen auffrischen und so das historische Bewusstsein schärfen, unterrichtet werden die Mitarbeiter von Geschichts- und Soziologieprofessoren. Shinsegae nennt den Vorgang «einmalig» in der Firmengeschichte und schreibt, wie ernst das Unternehmen die Marketingkontroverse nehme. Es ist eine teure Werbeaktion und eine lehrreiche.Ein Aktivist in Südkorea ruft nach der «Panzerbecher»-Werbeaktion von Starbucks zum Boykott des Unternehmens auf.Yonhap News AgencyPassend zum Artikel
Warum ein Thermosbecher in Südkorea historische Wunden aufreisst
Weil das Unternehmen am 18. Mai mit einem «Panzerbecher» warb, schliesst es am 22. Juni alle Filialen im Land und schickt seine Mitarbeiter zur Nachhilfe. Im Mai 1980 hatte die damalige Militärdiktatur einen Volksaufstand brutal niedergeschlagen.













