Wer Austern schlürft, kann sich für einen Abend mondän fühlen. Wer sich eine als Tasche an den Arm hängt, macht die Edelmuschel zum Zeitgeist-Statement.Kaum eine Karte kommt in angesagten Restaurants ohne Austern aus. Überall werden sie bestellt. Die Muschel hat sich vom Relikt älterer Wohlstandsmilieus zum Mainstream entwickelt. Sie werden heute in Weinbars gesnackt, als wären es Pommes. Ob der kalte Glibber mit Meerwasseraroma den meisten Menschen auch wirklich schmeckt, bleibt allerdings offen. Ihr Reiz liegt anderswo: Für ein paar Franken fühlt sich ein Dienstagabend kurz nach Wohlstand an.Praktisch ist auch, dass die Auster als eine der wenigen Delikatessen gilt, die luxuriös und nährstoffreich sind und dabei eine vergleichsweise gute Ökobilanz aufweisen. Kunstvoll auf Eis arrangiert, sehen die nass glänzenden Muscheln dazu auf Instagram ähnlich gut aus wie einst auf barocken Stillleben. Clutch von Simkhai, 515 Franken, über Mytheresa. Yvonne Wigger Kein Wunder, haben sie längst das Silbertablett verlassen: Heute enden Austern nicht mehr nur als leere Schalen auf Crushed Ice, sondern auch als vergoldete Clutch auf dem Restauranttisch. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.