Der andere BlickWenn Juden die Bühne verwehrt wird: Die Ausladung der Autorin Mirna Funk ist ein Armutszeugnis für DeutschlandFunk wollte beim Kölner Comedia-Theater über Macht und Schönheit diskutieren. Doch die Verantwortlichen sagten den Auftritt in letzter Minute ab. Ihre Begründung stimmt ratlos.17.06.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenDie Schriftstellerin Mirna FunkChristoph Soeder / DPASie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Morten Freidel, stellvertretender Chefredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jeder Jude, der in Deutschland lebt, ist für das Land ein Glücksfall. Sie alle sind der lebende Beweis dafür, dass die Nachfahren der Opfer und die Nachfahren der Täter heute in Frieden miteinander leben können.Sie sind aber auch Seismografen gesellschaftlicher Erschütterungen. Nur sie können Auskunft darüber geben, wie sich der grassierende Antisemitismus im Alltag auswirkt und ob jüdisches Leben noch möglich ist. Wenn sie etwas sagen, sollte man sich bemühen, zuzuhören.Leider halten sich viele Deutsche immer häufiger die Ohren zu. Dafür gibt es einige Beispiele, das jüngste hat es ganz besonders in sich. Die jüdische Autorin Mirna Funk sollte eigentlich anlässlich des Philosophiefestivals phil.Cologne im Kölner Comedia-Theater sprechen. Kurz vorher sagte das Theater den Termin ab.Der künstlerische Leiter begründete das gegenüber dem «Kölner Stadt-Anzeiger» damit, dass Funk pauschalisiere und sich gegenüber bestimmten Menschengruppen «diskriminierend» äussere. Als Beispiel nannte er eine Kolumne in der «Welt». Darin hatte sie geschrieben, dass die grösste Gefahr für die «jüdische Community aktuell von den in Deutschland lebenden Arabern, Türken» und von ihren deutschen Sympathisanten ausgehe.Natürlich dürfe Funk ihre Meinung sagen, versicherte der Mann vom Theater noch. Natürlich. Aber wenn eine jüdische Autorin spricht, drehen wir ihr das Mikro ab.Eine Allianz aus Irrläufern und IslamistenDer Vorgang an sich ist für ein Land, das es mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit ernst meint, schlimm genug. Mindestens ebenso irritierend ist seine Begründung. Denn Mirna Funk wollte im Kölner Comedia-Theater über Macht und Schönheit diskutieren; es wäre dabei wohl kaum um die Schattenseiten ungeregelter Migration gegangen. Nicht einmal das wollten die Verantwortlichen ihrem Publikum zumuten. Es hätte offenbar schon Funks Anwesenheit auf der Bühne kaum ertragen.Hinzu kommt: Mirna Funk hat recht. Was sie in ihrer Kolumne schrieb, ist nicht einfach nur eine Meinung. Sie hat eine faktische Grundlage. Man braucht sich nur die jüngste Statistik über politisch motivierte Kriminalität des Bundeskriminalamts anzusehen. Die Zahl antisemitischer Straftaten erreichte im Jahr 2025 einen Höchststand, am stärksten stieg sie im Bereich der «ausländischen Ideologie». Und dass studentische Irrläufer von links und Islamisten mittlerweile eine unheilige Allianz ergeben, weiss jeder, der schon einmal eine Palästinenserdemo in Berlin gesehen hat.Natürlich steht es jedem frei, die Gefahr von rechts für bedeutsamer zu halten, auf die Funk im Übrigen in ihrem Text unmissverständlich hinwies. Man kann ihre Wortwahl kritisieren und dergleichen mehr. Dafür hätte sich eine Diskussion angeboten. Stattdessen lud man eine jüdische Autorin aus, weil sie unangenehme Wahrheiten ausspricht.Die mutige Pose ist in Wahrheit BequemlichkeitLeider ist das nicht der einzige Fall dieser Art. Vergangenen Sommer löschte die «Zeit» einen Text ihres Kolumnisten Maxim Biller, weil mehrere Passagen angeblich nicht den «Standards» der Zeitung entsprachen.Beide Vorgänge haben eine Gemeinsamkeit: Statt sich einer kontroversen Diskussion zu stellen, vermieden die Verantwortlichen sie. Statt Menschen aufeinandertreffen zu lassen, die einander irritieren, schotteten sie sie voneinander ab. Die mutige Pose, mit der die Absage an Funk und die Löschung von Billers Text daherkamen, ist deshalb in Wahrheit Bequemlichkeit.Eine allgemeine Dünnhäutigkeit hat sich im Land breitgemacht. Im zersplitterten Deutschland des Jahres 2026 gehen offenkundig immer mehr Menschen dem Streit über gesellschaftliche Grundkonflikte aus dem Weg. Statt Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, umgibt man sich mit Gleichgesinnten und beschäftigt sich mit Thesen, die niemanden verletzen, also auch niemanden intellektuell herausfordern.Deutschland stellt das kein gutes Zeugnis aus. Zu viele fremdeln noch immer mit der zivilisierten Kontroverse, die wesentlich ist für ein demokratisches Gemeinwesen. Zu viele entziehen sich der Verantwortung, die sich aus Deutschlands belasteter Geschichte ergibt. Das Mindeste wäre, einem Juden nicht das Wort zu entziehen, der etwas zu sagen hat.Hinweis: Mirna Funk arbeitete in der Vergangenheit für den Podcast «Machtspiel» der NZZPassend zum Artikel