Unterstützung von den grossen Nachbarn: China, Indien und Thailand stabilisieren das Regime in MyanmarNach der Wahlfarce in Myanmar arrangieren sich die Nachbarländer mit dem Putschgeneral Min Aung Hlaing: Die chinesische Staatsführung empfängt ihn mit höchsten Ehren.Manfred Rist16.06.2026, 16.55 Uhr4 LeseminutenChinas Präsident Xi Jinping (links) bei einer Willkommenszeremonie in Peking für seinen Kollegen Min Aung Hlaing aus Myanmar.Lintao Zhang / EPAVor Jahresfrist noch schien Myanmars Militärregierung nahezu am Ende. Die Armee stand unter massivem Druck verbündeter Rebellenverbände und sah sich an mehreren Fronten zum Rückzug gezwungen. Nach der Einnahme von Lashio schien bereits Mandalay, die zweitgrösste Stadt im Herzen des Landes, in Griffweite der erstarkten aufständischen Allianz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In China, auf dessen Rückhalt das Regime von Min Aung Hlaing zählt, machten sich damals Zweifel am früheren Armeechef und Putschgeneral breit. Statt erhoffte Ruhe und Berechenbarkeit verkörperte er Terror, schuf Instabilität und verdammte Myanmar zum wirtschaftlichen Niedergang. Seine kompromisslose Gewaltdoktrin entflammte die Grenzregionen und gefährdete dadurch insbesondere chinesische Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen.Frustration machte sich ferner in den Asean-Staaten breit, zu deren Mitgliederkreis Myanmar seit 1997 gehört. Ein nach dem Putsch 2021 ausgehandelter Fünf-Punkte-Plan, der Gespräche, eine Waffenruhe sowie den Weg zu einer stabilen Neuordnung ebnen sollte, fand in Naypyidaw nämlich nie ernsthafte Beachtung. Aus Protest gegen dieses offensichtliche Doppelspiel schlossen die anderen Asean-Länder Min Aung Hlaing und seine Minister schliesslich von ihren Gipfeltreffen aus.Zivile Regierung vor ScheinkulisseDas Szenario eines Regimekollapses wirkt inzwischen jedoch wie aus einer anderen Zeit. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Die durch Zwangsrekrutierungen verstärkte Armee hat erstens in den vergangenen Monaten Gebiete zurückerobert. Die einst erfolgreiche Allianz unter ethnischen Rebellenorganisationen und zivilen Widerstandsgruppen hat zweitens offenbar an Kampfkraft eingebüsst und teilweise an Zusammenhalt verloren.Der Bürgerkrieg ist weder zu Ende, noch gibt es klare Sieger. Aber das Pendel schwingt zurück, die Dynamik ist eine andere: Es baut sich eine Scheinkulisse auf, die Normalität vorspielt. Beim endlos scheinenden Abnützungskrieg mit den Gegnern der Zentralregierung gewinnt die Armee wieder die Oberhand.Im Januar – mitten im Krieg – erklärte sich Min Aung Hlaing zum Sieger der vom Zaun gerissenen Scheinwahlen. Im April liess er sich vom neuen, willfährigen Parlament zum Präsidenten krönen. Aber international bleibt die Wirkung nicht aus: Vor zwei Wochen wurde er in Delhi vom indischen Premierminister Narendra Modi in allen Ehren empfangen. Am Montag startete sein fünftägiger Besuch bei Xi Jinping in Peking – exakt so lange, wie sein Aufenthalt in Indien dauerte.Mit den Visiten wird unterstrichen, dass sich Indien arrangiert und dass China eben doch uneingeschränkt hinter den alten Machthabern steht. Myanmars Herrscher, die fünf Jahre lang in Uniform steckten, suchen neuen Halt in zivilen Kleidern – und sie werden empfangen. Während europäische Staaten Sanktionen aufrechterhalten und einige ihre Botschafter abgezogen haben, sichern sich die beiden grossen Nachbarn ihren Zugang zum Markt und zu Myanmars Rohstoffen. Sie hoffen auf Ruhe im jeweiligen Hinterhof. Die beiden Grossmächte lassen sich leicht gegeneinander ausspielen, zumal beide ihre strategischen Interessen im Golf von Bengalen und im Indischen Ozean verfolgen.Wende im BürgerkriegBeide Grossmächte wollen keinen Bürgerkrieg in der Nachbarschaft. So kooperieren sie auch mit Myanmars Streitkräften: Kürzlich war der Chef der indischen Seeflotte, Admiral Tripathi, zu Besuch in Naypyidaw. Dabei dürfte es auch um den Kampf gegen die Arakan Army gegangen sein, die im Westen Myanmars hartnäckigen Widerstand leistet. China wiederum scheint einen kalkulierten Einfluss auf die in seiner Nachbarschaft verankerten Rebellenarmeen geltend zu machen, darunter auf die mächtige Wa State Army. Diese hatte andere Widerstandsgruppen zuvor angeblich mit Waffen versorgt.Fehlende Waffen und Munition waren immer die Achillesferse im Kampf gegen die myanmarischen Streitkräfte. Die Wende auf dem Kriegsschauplatz dürfte auch mit der russischen Unterstützung und dem zunehmenden Einsatz von Drohnen zusammenhängen. Moskau ist ein traditioneller Alliierter und stellte sich schon unmittelbar nach dem Februarputsch von 2021 an die Seite von Min Aung Hlaing. Russland lieferte früher Kampfflugzeuge des Typs Su 30 sowie Transporthelikopter, neuerdings auch Aufklärungs- und Kamikazedrohnen. 2025 wurde ein fünfjähriges Verteidigungsabkommen geschlossen. Myanmars Streitkräfte greifen praktisch ungehindert aus der Luft an, unter anderem auch zivile Ziele, vor allem dort, wo die Bevölkerung der Kooperation mit Rebellen verdächtigt wird.Zahnloser Asean-VerbundAufgrund der neuen Realitäten zeichnet sich in diversen südostasiatischen Ländern eine Aufweichung der vor allem rhetorisch harten Haltung ab. So äusserte sich die philippinische Aussenministerin Theresa Lazaro, die 2026 den Asean-Vorsitz hat, unlängst mit dem Satz, wonach der bisher von der Asean hochgehaltene Fünf-Punkte-Plan angepasst werden könnte. In jenem Papier spielt die Forderung nach einem inklusiven Dialog, der ethnische Gruppen mit ihren zivilen und militärischen Vertretern sowie die Exilregierung NUG umfasst, eine zentrale Rolle.Doch der Asean-Konsens verwässert und spaltet die Staatengruppe. Kein Asean-Land hat das jüngste Wahlergebnis in Myanmar offiziell anerkannt. Dennoch ist klar, dass die Regierung wieder aus einer Position der Stärke auftreten kann. Dazu trägt Thailand als dritter grösserer Nachbarstaat bei. Sein Aussenminister Sihasak Phuangketkeow äusserte sich kürzlich dahingehend, dass sein Land für Myanmar eine Brücke zu Asean bauen wolle, also eine Normalisierung anstrebt.Indonesien, Malaysia und Singapur bleiben demgegenüber auf kritischer Distanz zum Regime. Das neue Asean-Mitglied Osttimor unterstützt im Zusammenhang mit Kriegsverbrechen gar eine Klage gegen Myanmars Machthaber. Es ruft die grenzenlose Brutalität dieses Regimes in Erinnerung. Mit Unterstützung der mächtigen Nachbarn in China, Indien und Thailand können sich Min Aung Hlaing und Konsorten jedoch wieder ziemlich sicher fühlen.Passend zum Artikel
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