Der Verlag S. Fischer zieht nach Berlin. Im 140. Jahr seines Bestehens kündigt damit der letzte noch verbliebene große Literaturverlag an, seine langjährige Heimat Frankfurt zu verlassen. Für die Stadt, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wegen des Aufstiegs der Buchmesse zum führenden internationalen Marktplatz der Branche als Buchstadt begriff, ist es der zweite schwere Schlag nach dem Wegzug des Suhrkamp-Verlags im Jahr 2010.Auch die Fischer-Geschäftsführung rechtfertigt ihre Entscheidung damit, dass sich die wirtschaftliche und verlegerische Zukunft des Verlags in immer schwierigeren Zeiten von der Hauptstadt aus leichter sichern lasse.Vom Umzug betroffen sind rund 115 Mitarbeiter des im Stadtteil Sachsenhausen ansässigen Verlags. Sie erhalten nach dessen Angaben Angebote für den Wechsel in die Hauptstadt. Ein Personalabbau sei nicht geplant, heißt es. Ergeben wird er sich bei einer solchen Unternehmensverlagerung aller Erfahrung nach trotzdem.Zurück an den Ort der VerlagsgründungDie Angestellten des Verlags wurden am Dienstagmittag in einer Mitarbeiterversammlung über die Pläne in Kenntnis gesetzt. Die Nachricht kam dort und in der Stadt für viele überraschend. Allerdings hatte Fischer schon vor einigen Jahren Teile seiner Tätigkeit nach Berlin verlagert, um in der Hauptstadt mit ihrer großen Literaturszene präsenter zu sein. Seitdem wurde vermutet, dass der seit Langem zum Holtzbrinck-Konzern gehörende Verlag sich endgültig auf den Weg in die Hauptstadt machen wollte.Während die Unternehmensspitze zwischen Berlin-Mitte und Frankfurt pendelte, blieb das Gros der Mitarbeiter an der Hedderichstraße in der Nähe des Südbahnhofs. Das Verlagshaus, ein Gebäude mit reich geschmückter Fassade aus dem frühen 20. Jahrhundert, war 1988 bezogen worden und galt zuletzt als sanierungsbedürftig. 2025 hieß es daher, Fischer suche nach einem anderen Sitz, jedoch in Frankfurt. Aus Verlagskreisen war aber immer wieder zu hören, man habe sich für den Verbleib entschieden.Nun geht es für alle umzugswilligen Mitarbeiter an den Ort, an dem der Verlag gegründet wurde. In Berlin wurde S. Fischer nach 1886 zum Verlag von Thomas Mann und vielen anderen führenden Autoren des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Nach Frankfurt kam Fischer nur, weil die Verleger nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ins Exil gehen mussten. Peter Suhrkamp, zum Verwalter der Verlagsreste in Deutschland eingesetzt, verschlug es gegen Kriegsende von der Spree an den Main. Nach dem Krieg kehrte der Fischer-Verleger Gottfried Bermann Fischer nach Deutschland zurück und ließ sich in Frankfurt nieder. Aus der geschäftlichen Einigung zwischen ihm und Suhrkamp entstand das Doppel aus den Verlagen S. Fischer und Suhrkamp, das von Frankfurt aus bis 2010 erfolgreich war, der eine Verlag auf der Nordseite des Flusses gelegen, der andere auf der Südseite.40 Mitarbeiter bleiben in FrankfurtDiese Zeit geht nun zu Ende. Zwar ist der Umzug, der im Sommer 2027 beginnen soll, anders als bei Suhrkamp auch jetzt nicht vollständig. Frankfurt bleibe für Fischer weiterhin von Bedeutung, teilt der Verlag mit. Außer Teilen des Lektorats sollen die kaufmännischen Abteilungen weiterhin vom Main aus tätig sein. „Frankfurt gehört als Stadt des verlegerischen Wiederaufbaus zu S. Fischer, der Verlag verdankt dieser Stadt sehr viel“, sagt Christina Dohmann, die im August 2025 vom Schwesterunternehmen Rowohlt als Vorsitzende der Geschäftsführung zu Fischer kam: „Unsere Entscheidung für Berlin ist keine Entscheidung gegen Frankfurt. Berlin wird künftig unser Hauptsitz sein, Frankfurt bleibt ein wichtiger Anker.“Der überwiegende Teil des Lektorats aber zieht mit Vertrieb und Marketing nach Berlin, wo die Programmleitungen schon seit einiger Zeit versammelt sind. Das Gebäude an der Hedderichstraße soll verkauft werden. Für die rund 40 in Frankfurt verbleibenden Mitarbeiter wird eine neue Arbeitsstätte gesucht.Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bedauerte die Entscheidung: „Für die Verlags- und Literaturstadt Frankfurt ist der Weggang keine gute Nachricht. Sie deutet auf die massiven Umbrüche im Verlagswesen hin, die sich seit Langem abzeichnen.“ Die Stadt habe stets ein „enges und sehr schönes Verhältnis“ zu Fischer gehabt. „Ich bin überzeugt: Die Frankfurter Stadtgesellschaft bleibt an Literatur und Debatten über Texte so interessiert und reflektiert wie eh und je.“ Das habe sich beim städtischen Festival „Literaturm“ in den Hochhäusern der Stadt gerade wieder gezeigt. Als Sitz der Buchmesse werde Frankfurt weiterhin „selbstbewusst“ Festivals, Veranstaltungen und kritische Debatten organisieren.