Frankfurt hat das schon einmal erlebt: vor sechzehn Jahren. Da zog der Suhrkamp Verlag weg nach Berlin, und der Katzenjammer in der Buchstadt war groß, handelte es sich doch bei dem abtrünnig gewordenen Unternehmen um das renommierteste seiner Art in Deutschland. Seitdem wurden die Vertreter der Stadt nicht müde, die ungebrochene Bedeutung Frankfurts für die Buchbranche zu beschwören, und neben der Buchmesse war dabei der Traditionsverlag S. Fischer ihr bestes Argument. Der zieht nun auch weg. Suhrkamp nach. Nach Berlin.Seit Oliver Vogel im Herbst 2022 verlegerischer Geschäftsführer bei S. Fischer geworden ist, hat das Orakeln über diesen Umzug nie aufgehört. Vogel, selbst lange Zeit zuvor als Lektor bei Fischer tätig gewesen, war nach seiner Bestallung nicht aus Berlin nach Frankfurt umgezogen, sondern hatte im Gegenteil sofort die Eröffnung einer Berliner Dependance des Verlags bekanntgegeben. Und kurz danach verpflichtete er mit Sebastian Guggolz einen Shooting Star des deutschen Verlagswesens als Betreuer des Klassikerprogramms von S. Fischer. Auch Guggolz, seit vergangenem Jahr Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, aber immer noch für Fischer aktiv, blieb in Berlin. Obwohl auch der Börsenverein seine Zentrale in Frankfurt hat. Das war ein Alarmzeichen.Seit heute GeschichteAber gegenüber der Stadt Frankfurt, in der hiesigen Öffentlichkeit und im Verlag selbst war immer wieder beschwichtigt worden, wenn nachgefragt wurde. Bis heute Mittag. Da wurde kurzfristig für zwölf Uhr eine Betriebsversammlung einberufen, auf der mitgeteilt wurde, dass S. Fischer seinen Standort wechseln wird. In Frankfurt bleibt nichts zurück außer der berühmten Immobilie in der Hedderichstraße. Und auch das will nichts heißen. Seit dem Weggang von Suhrkamp ist der legendäre Verlagssitz dieses Hauses abgerissen, die Verlegervilla verkauft und umgebaut worden. Auch Fischer in Frankfurt ist bereits seit heute Geschichte.Eine, die immerhin 78 Jahre währte, seit der Verlag 1948 hierher zog, damals aus dem Stockholmer und New Yorker Exil. Aber der Gründungsort von S. Fischer war Berlin. Die Reichshauptstadt und Leipzig waren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Hauptschauplätze des deutschsprachigen Buchhandels gewesen. Angesichts der sowjetischen Besatzung und der dadurch drohenden ökonomischen wie inhaltlichen Einflussnahmen verlegten aber zahlreiche Verlage ihre Sitze nach Westdeutschland, und Frankfurt war dabei der größte Gewinner – vor allem, als man Leipzig den Rang als weltweit wichtigste Messestadt für Bücher ablief.Der Ruhm der publizistischen LeuchttürmeSeit der Wiedervereinigung ist jedoch Berlin als Verlagsstandort immer attraktiver geworden, und schon vorher hatten München, Hamburg und Stuttgart das in den Siebzigerjahren uneinholbar enteilt scheinende Frankfurt nicht nur ein-, sondern sogar überholt, was die Zahl der Verlagssitze und die von ihnen getätigten Umsätze anging.Es blieb für Frankfurt aber der Ruhm jener beiden publizistischen Leuchttürme, die mit ihren Programmen exemplarisch für ein Nachkriegsdeutschland standen, das sich nach der NS-Zeit literarisch läutern wollte: Suhrkamp mit den Autoren der Frankfurter Schule, dazu Brecht, Koeppen, Bachmann, Enzensberger oder Hesse. Fischer wiederum mit der für die Geschichtsschreibung maßstabsetzenden „Schwarzen Reihe“ und Exilautoren wie Thomas Mann oder Stefan Zweig sowie dem Gesamtwerk von Franz Kafka.Was einigermaßen bizarr istDass sich beide nun in Berlin wiedersehen werden, hat seinen Grund neben dem betriebswirtschaftlich willkommenen freiwilligen Personalabbau als Begleiteffekt eines Umzugs im Nimbus der Stadt als Versuchslabor einer digitalen Gesellschaft. Oliver Vogel nennt dezidiert deren Herausforderungen als Umzugsgrund: In Berlin könne man sie leichter bewältigen. Das ist einigermaßen bizarr, wenn man bedenkt, dass Frankfurt die ungleich geschäftigere Stadt ist. Aber sie leidet unter dem Ruf als Traditionshauptstadt der Buchbranche.Und hier kommt die Verantwortung von Frankfurt selbst zum Tragen. Besonders ernsthaft wurde S. Fischers Abwanderungsüberlegungen offenbar nicht entgegengearbeitet. So verliert sie hundert Verlagsarbeitsplätze. Und an einem Konzept, das den Status einer Buchstadt auf anderes basiert hätte als das, was schon seit Jahrzehnten da ist, fehlt es gleich ganz. Man sieht es am bislang planlosen Agieren angesichts der Bedeutungs- und vor allem finanziellen Einbußen der Frankfurter Buchmesse und dem Versäumnis, aus dem vergleichsweise kleinen, aber wirkungsvollen Segment des Büchergeschäfts einen Imagefaktor zu machen.Dabei ist fast alles da: ein exzellentes Literaturhaus, ein eigener, höchst aktiver Fachbereich Literatur im Kulturamt, originelle Festivals, gute Buchläden, Off-Lesestätten, die legendäre Frankfurter Poetikdozentur, Stiftungen, Preise, die Messe. Woran es fehlt? An einer Autorenszene – davon hat Berlin gleich mehrere. Und nun auch an Verlagen. Nicht, dass es keine mehr gäbe. Man denke an Campus, Klostermann, die Frankfurter Verlagsanstalt, die Büchergilde, auch an die zwar anderswohin verkauften, aber noch hier ansässigen Schöffling und Eichborn – um nur einige bemerkenswerte zu nennen. Aber keiner davon ist auch nur annähernd so groß und berühmt wie S. Fischer. Der Verlust ist unbeschreiblich.