Mehr als 800 Ebola-Fälle sind nach der jüngsten Auswertung der Weltgesundheitsorganisation WHO in der Demokratischen Republik Kongo bestätigt. Etwa 200 Menschen starben. In Uganda wurden 19 Fälle und zwei Todesfälle gemeldet. Doch vor allem im Kongo dürfte es sehr viel mehr Erkrankte geben. Denn die betroffenen Regionen sind zum Teil kaum zugänglich, was es erschwert, Infizierte aufzuspüren und zu testen. Über die komplexe Lage spricht Jeffrey Samuel, Afrika-Direktor der US-Hilfsorganisation Direct Relief. Die Stiftung ist auf Hilfslieferungen in Krisengebiete spezialisiert.SZ: Herr Samuel, Sie waren in Afrika, als die Nachricht vom Ebola-Ausbruch im Kongo und in Uganda die Welt erreichte. Was waren Ihre ersten Gedanken?Jeffrey Samuel: An dem Tag, als die ersten Nachrichten über den Ausbruch kamen, war ich gerade von Uganda nach Malawi unterwegs. Mir war klar, dass die Lage sehr, sehr ernst ist. Aber auch, dass Ebola eine Krankheit ist, die man eindämmen kann, wenn man schnell reagiert und die Menschen dem Vorgehen vertrauen. Seither sind wir ständig mit unseren Partnern vor Ort in Kontakt.Wie nehmen Sie die Stimmung in den betroffenen Regionen wahr?Ich würde die Stimmung als ernst und wachsam beschreiben, aber nicht als panisch. Das Gesundheitspersonal in der Region kennt Ebola, weiß, wie man bei Ausbrüchen vorgeht, und hat Erfahrung mit Notfällen. Gleichzeitig herrscht dort eine immense Erschöpfung. Die Gesundheitssysteme sind bereits am Limit durch Konflikte, Vertreibungen, begrenzte Ressourcen und andere Krankheiten. Ebola bringt sie noch weiter unter Druck.Jeffrey Samuel ist Pharmazeut und auf Infektionskrankheiten spezialisiert. Seit mehr als zwei Jahren ist er Afrika-Regionaldirektor für die humanitäre Organisation Direct Relief. Er hat bereits für mehrere Hilfsorganisationen gearbeitet. Direct ReliefSie sagten, man muss schnell sein. Wie lange dauert es denn, bis die Lieferungen aus den USA in den betroffenen Gebieten ankommen, insbesondere im Kongo?Das ist unterschiedlich, wir brauchen zunächst Genehmigungen. Sobald wir sie haben, dauert der Transport in den Osten des Kongo zwischen einigen Tagen und etwa zwei Wochen.Was sind die größten Hürden bei der Auslieferung vor Ort?Logistik ist nichts Simples, selbst unter den besten Umständen. Doch im Osten der Demokratischen Republik Kongo ist die Lage noch einmal um vieles komplexer. Wir haben es dort mit schwierigen Straßenverbindungen zu tun, mit eingeschränkter Infrastruktur und Menschen, die aufgrund früherer Erfahrungen mit Konflikten und Krankheitsausbrüchen möglicherweise ängstlich oder misstrauisch sind. Es gibt bewaffnete Gruppen und Unsicherheit.Das Umfeld ist gefährlich. Es gab Gewalt gegen Gesundheitseinrichtungen, Pflegekräfte und jene Teams, die für sichere Bestattungen sorgen. Wenn Personal angegriffen wird oder wenn Patienten aus der Isolation fliehen, hat dies Auswirkungen auf das gesamte Vorgehen gegen den Ausbruch – auch die Logistik.Welche Art Güter liefern Sie derzeit aus?In den Kongo und nach Uganda bringen wir unter anderem N95-Masken, Schutzanzüge, Handschuhe, Kittel, Gesichtsschilde und Schutzbrillen. Außerdem Medikamente zur Linderung von Symptomen wie Fieber, Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Rehydrations- und Elektrolytprodukte, Diagnosegeräte, Spritzen, Behälter zur Entsorgung von Kanülen und anderen gefährlichen Gegenständen. Aber wir müssen auch über Ebola hinausdenken.Wie meinen Sie das?Ebola ist keine isolierte Erscheinung. Das Gesundheitssystem, das auf Ebola reagiert, muss sich weiterhin um alle anderen kümmern. Frauen bringen weiterhin Kinder zur Welt, Kinder erkranken noch immer an Malaria, Menschen benötigen Operationen, Insulin, Blutdruckmedikamente, Krebstherapien, Dialyse und Hilfe bei anderen Infektionen. Eines der größten Risiken bei einem Ebola-Ausbruch wie diesem ist, dass ein ohnehin schon überlastetes Gesundheitssystem Personal, Ausrüstung und Aufmerksamkeit für die Notfallmaßnahmen abzweigen muss. Das ist zwar absolut notwendig, kann aber auch dazu führen, dass andere Patienten durch das Raster fallen.Hinzu kommt: Medizinisches Personal kann sich anstecken und ausfallen. Patienten meiden möglicherweise Krankenhäuser, weil sie Angst haben. Routinemaßnahmen wie Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen können verzögert oder unterbrochen werden. Wir haben beim Ausbruch in Westafrika vor gut zehn Jahren gesehen, dass die sekundären Folgen durch die unterbrochene Versorgung verheerend sein können.Damals starben ungefähr 11 000 Menschen an Ebola. Schätzungen gehen davon aus, dass fast genauso viele allein an Malaria, Tuberkulose und Aids starben, weil sie nicht mehr ausreichend versorgt werden konnten und die Menschen Angst vor dem Gang in eine Klinik hatten. Stört es Sie, dass Ebola so viel mehr Beachtung findet als die anderen Bedürfnisse?Ja, ich halte das tatsächlich für ein sehr reales Problem. Ebola erregt weltweite Aufmerksamkeit, weil die Krankheit beängstigend ist und sich über eine einzelne Gemeinde oder ein einzelnes Land hinaus ausbreiten kann. Diese Aufmerksamkeit ist auch wichtig. Sie kann dazu beitragen, schnell Ressourcen zu mobilisieren. Aber andere Gesundheitsprobleme betreffen die Menschen jeden Tag.Und auch für Ebola gilt: Wenn die Welt erst aufmerksam wird, wenn Ebola auftritt, ist es bereits zu spät. Damit die Maßnahmen funktionieren, braucht es zuverlässige Hilfssysteme. In anderen Worten: Ja, Ebola verdient sofortige Aufmerksamkeit, aber das Ziel sollte nicht sein, Überwachung und Versorgung erst dann aufzubauen, wenn die Welt Angst hat.