Gemeinsam einem Musikwerk begegnen, das sei wie ein kollektiver Akt der Liebe, findet Kirill Gerstein. Nun wird er an drei Abenden im Kronberger Casals Forum alle originalen Klavierkonzerte von Beethoven spielen und für das Label „Platoon“ aufnehmen. Das aktive Zuhören gepaart mit der Spontaneität der Musiker, das könne man in einem Studio nicht herstellen, sagt der 1979 in Russland geborene, dort und in den USA ausgebildet Pianist. Beim Hören und Verstehen von Musik gebe es kein Richtig und kein Falsch, betont er, jeder höre etwas anderes, das in seinen Gefühlen und Gedanken Widerhall finde. „Das Wahrnehmen von Musik ist für mich eine der letzten Bastionen der Freiheit: Wir spüren, dass Musik etwas aussagt. Doch weil sie so flüchtig und abstrakt ist, können wir nicht genau sagen, was.“Als einer der wenigen Pianisten, die stets mit ihrem eigenen Flügel anreisen, um von seiner Seite aus nichts dem Zufall zu überlassen, ist er neugierig, wie die Zuhörer reagieren, und ebenso neugierig auf die Interpretationen, die sich aus der Arbeit mit dem Chamber Orchestra of Europe herauskristallisieren werden, für ihn ein „Kollektiv erstaunlicher Individuen mit großartigen musikalischen Fähigkeiten und hoher Motivation, zu forschen und neu zu denken“. Schließlich biete ein klassisches Werk niemals nur eine einzige Lesart, wie schon der italienische Komponist Ferruccio Busoni gesagt habe, sei jede Aufführung eine Transkription. „Je nach Interpreten, Publikum, Instrument, Akustik und allen anderen veränderlichen Faktoren wird sie anders ausfallen.“„Mich fasziniert, was einen Klassiker ausmacht“Seine Lust am Ungeplanten mag von seiner Jazz-Begeisterung herrühren, die seine klassische Klavierausbildung begleitet hat. Gary Burton setzte sich dafür ein, dass Gerstein bereits mit zwölf Jahren am Berklee College of Music in Boston Jazz studieren durfte. Mit der Zeit fühlte er, dass seine Neigung zur Klassik doch stärker war. „Mich fasziniert, was einen Klassiker ausmacht: In großen Werken ist der ursprüngliche Fingerabdruck so stark, dass er dem Hinterfragen durch noch so viele Köpfe, von Ausübenden wie Zuhörenden, standhalten kann.“Normalerweise wird das transkribierte Violinkonzert op. 61a als Beethovens sechstes Klavierkonzert gezählt. „Ich liebe es. Finde jedoch, dass es den Geigern vorbehalten bleiben sollte“, sagt Gerstein und hat stattdessen das bereits in Beethovens Teenagerzeit entstandene „Concerto 0“ in den Zyklus aufgenommen.Alle drei Abende fügen jeweils ein früheres und ein späteres Konzert zusammen und geben auch denen Einblick in Beethovens Entwicklung, die sich nicht alle drei Abende anhören können: „Ich glaube, dass der Zyklus der Beethoven-Konzerte eine Entwicklung der Beziehung zwischen dem Individuum und dem Kollektiv nachzeichnet“, sagt Gerstein. „Zu Beginn steht der Solist im Vordergrund, obwohl schon die frühen Konzerte viele kammermusikalische Momente aufweisen. Doch schließlich formiert sich das Kollektiv immer wieder neu, und der Solist wird in seiner Rolle immer flexibler.“ Für Gerstein, der das Orchester vom Klavier aus leitet, heißt das, „auch zu wissen, wann es nicht darum geht, zu führen, sondern zu reagieren, gemeinsam voranzugehen und zuzuhören“.Gerstein sagt, dass auch Beethovens Musik instrumentalisiert worden ist. „Beethovens Musik hat das Potential, das Leben eines Menschen zu verändern. Das heißt leider nicht, dass Beethovens Musik ihre Zuhörer zwingend zu besseren Menschen macht. Doch aus meiner Sicht ist sie eine Verkörperung des Besten, wozu der menschliche Geist fähig ist.“ Dass Beethoven vielen widrigen Umständen zum Trotz immer weiter schuf und Neues wagte, mache ihn auch für uns heute noch inspirierend und nahbar. „Ich kann nicht sagen, was genau Beethoven ausdrücken will“, sagt Gerstein. „Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er damit noch nicht am Ende ist.“Am 17., 19. und 21. Juni im Casals Forum Kronberg. In der kommenden Spielzeit 2026/27 ist Kirill Gerstein „Artist in Residence“ beim hr-Sinfonieorchester.