Mit seinem zweiten Testflug der Spectrum-Trägerrakete hat das Münchner Raumfahrt-Start-up Isar Aerospace wieder kein Glück: Am Montagabend musste der Startversuch vom norwegischen Weltraumbahnhof Andøya wegen Unregelmäßigkeiten im Flüssigkeitssystem der Rakete abgesagt werden. Es ist der vierte gescheiterte Startversuch seit Ende Januar. Damals musste der Testflug wegen eines fehlerhaften Ventils verschoben werden. Der zweite Versuch Ende März scheiterte an dem Eindringen eines norwegischen Fischerbootes in die Sicherheitszone, und Mitte April lag es an einem Leck im Druckbehälter der Rakete.Immerhin kann sich Isar-Aerospace-Vorstandschef Daniel Metzler zugutehalten, dass der erste Testflug im vergangenen Jahr geglückt ist. Allerdings war die Rakete schon 30 Sekunden nach dem Start abgestürzt. Das große Vorbild, das von Elon Musk gegründete Raumfahrtunternehmen SpaceX, benötigte vier Versuche, um in den Weltraum zu gelangen. Mit dem abermals missglückten Startversuch droht Isar Aerospace den Anschluss an SpaceX zu verlieren. Das amerikanische Unternehmen ist gerade an die Börse gegangen und nahm dabei 75 Milliarden Dollar ein. Das war der bislang größte Erlös bei einem Börsengang.Neue FinanzierungsrundeSpaceX wird nun mit zwei Billionen Dollar bewertet. Vor Kurzem meldete Isar Aerospace den Abschluss einer Finanzierungsrunde über 270 Millionen Euro. Damit wird Isar Aerospace mit zwei Milliarden Euro bewertet. Zum Vergleich: SpaceX wird 1000-mal höher bewertet. Trotz der Misere beim zweiten Testflug gelang es dem Raumfahrt-Start-up, neue Investoren wie Island Green Capital und Molten Ventures zu gewinnen. Darüber hinaus haben bestehende Investoren wie HV Capital, Lakestar, UVC Partners und Ko-Investor KfW Capital ihr Engagement ausgebaut.Für Isar Aerospace passt die tragende Rolle europäischer Investoren zum eigenen Anspruch, der Technologieführer und Schlüsselakteur für Europas Souveränität sein zu wollen. „Der Weltraum ist längst kein Neuland mehr – er ist das Fundament staatlicher Handlungsfähigkeit“, erklärte Metzler im Anschluss an die jüngste Finanzierungsrunde. Mithilfe der strategischen Unterstützung der Investoren will Isar Aerospace nach Metzlers Worten staatlichen und kommerziellen Kunden global mit seinen Startsystemen den Zugang zum Weltraum ermöglichen.Hoher Nachholbedarf EuropasEuropa hat hier einen großen Nachholbedarf: Im vergangenen Jahr gab es in den Vereinigten Staaten 198 Raketenstarts und im Rest der Welt 124, hauptsächlich in China und Russland. Europa hingegen kam nur auf acht Raketenstarts. Aktuell bereitet Isar Aerospace schon den dritten Testflug vor. Die Herstellung der Rakete soll sich in den letzten Zügen befinden. Auch die Testflüge vier bis sieben werden nach früheren Angaben Metzlers schon vorbereitet. Er will bis zum Jahr 2027 den Weltraum mit seinen Raketen erreichen.Dieses Ziel hat Bedeutung: Isar Aerospace ist einer der ausgewählten Teilnehmer des von der europäischen Weltraumorganisation ESA aufgelegten Wettbewerbs für Raketen mit niedrigerer Nutzlast, sogenannte Mikro-Launcher. 2028 steht in diesem Wettbewerb die nächste Förderrunde an, bis dahin muss ein erfolgreicher Orbital-Start nachgewiesen sein. Die ESA hofft, dass zwei Teilnehmer erfolgreich aus dem Wettbewerb hervorgehen, damit künftig für Europa mehr eigene Kapazitäten für den Transport von Lasten ins All zur Verfügung stehen.Die erfolgreichen Teilnehmer will die ESA als Ankerkunde durch das Buchen von Slots für Satellitentransporte begleiten. Isar Aerospace gilt im Teilnehmerfeld als weit vorangeschritten. Für August plant der Wettbewerber Rocket Factory Augsburg einen Testflug, danach stehen Anläufe der Ariane-Tochtergesellschaft Maiaspace und des spanischen Anbieters PLD an.Immer wichtiger für die VerteidigungDie Raumfahrt spielt auch in der Verteidigung eine immer bedeutsamere Rolle. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will bis zum Jahr 2030 in die Sicherheitsarchitektur im All 35 Milliarden Euro investieren. In dem „Sparta 2.0“-Papier der Ökonomen und Investoren Jeannette zu Fürstenberg, Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann und Thomas Enders wird der souveräne europäische Zugang zum Weltraum als eine zentrale Fähigkeitslücke Europas genannt, die auf dem Weg zu eigenständiger Handlungsfähigkeit adressiert werden muss.Souveräner Weltraumzugang sei damit zur Grundvoraussetzung europäischer Verteidigungsautonomie geworden, wirbt Isar Aerospace, das nach eigener Einschätzung als einziges europäisches privates Unternehmen die dafür notwendige Kapazität und Infrastruktur aufbaut. Bei Isar Aerospace sind inzwischen 60 Prozent der Anfragen rüstungsbezogen. Vor einem Jahr waren kommerzielle Interessen mit einem Anteil von 85 Prozent noch deutlich im Übergewicht. Das Interesse, über Isar Aerospace Satelliten ins All zu schicken, ist vorhanden: Das Unternehmen ist bis Ende 2028 ausgebucht.Die 28 Meter lange Spectrum-Rakete soll Nutzlasten von bis zu einer Tonne in den Weltraum bringen. Im Rahmen des zweiten Testflugs will Isar Aerospace fünf Kleinsatelliten sowie ein Experiment für das Boost!-Programm der Europäischen Weltraumagentur ESA transportieren. Neben Isar Aerospace entwickeln Rocket Factory Augsburg und Hyimpulse aus der Nähe von Heilbronn in Deutschland Trägersysteme für Kleinsatelliten und Experimente. Rocket Factory Augsburg plant im August ebenfalls einen Testflug einer Rakete.
Isar Aerospace droht den Anschluss zu verlieren
Europa hat großen Nachholbedarf in der Raumfahrt. Als Hoffnungsträger gilt Isar Aerospace. Doch nach dem vierten gescheiterten Startversuch stellt sich die Frage, ob das Raumfahrt-Start-up sein Ziel noch erreichen kann.












