Die erste Heldengeschichte der WM ist geschrieben: Kap Verdes Torwart Vozinha verblüfft gegen Spanien die FussballweltDer Turnierfavorit Spanien erreicht nur ein Unentschieden gegen den kleinen Inselstaat. Ist das ein Ausrutscher oder ein Vorbote tiefer liegender Probleme?Florian Haupt, Barcelona16.06.2026, 10.23 Uhr4 LeseminutenVom Aussenseiter zum WM-Helden: Josimar Dias, genannt Vozinha.Jose Breton / ImagoDie Weltmeisterschaft hat ihren ersten Champion der Herzen. Josimar Dias, genannt Vozinha, steht im Tor der Kap Verdier. Er ist 40 Jahre alt, wurde erst mit 25 Profi und hat nach Stationen in Angola, der Moldau, Zypern, der Slowakei sowie zuletzt in der zweiten Liga Portugals bald keinen Verein mehr. Sein Marktwert wird mit 50 000 Euro angegeben; dafür gibt es an dieser WM sonst nur ein Finalticket.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.An derselben WM wurde Vozinha am Montag in Atlanta zum Man of the Match gewählt. Der beste Goalie unter den knapp 500 000 Einwohnern der Inseln vor der Westküste Afrikas und einer rund doppelt so grossen Diaspora hatte beim WM-Debüt seines Landes keinen Treffer hinnehmen müssen, und das nicht gegen irgendeinen Gegner. Sondern gegen den Europameister und Turnierfavoriten Spanien.Vozinha hatte Tränen in den Augen. Die Fussballwelt konnte es nicht glauben. Und der Fifa-Präsident Gianni Infantino hat sicher irgendwo heimlich gelächelt – bessere Werbung für seine WM-Aufstockung konnte es nun wirklich nicht geben als an diesem Montag, an dem drei Mannschaften aus Afrika und Asien (neben Kap Verde auch Ägypten und Saudiarabien) gegen drei Teams der Traditionsmächte Europa und Südamerika ungeschlagen blieben.Die Mutter konnte sich die Reise nicht leisten«Ich habe wegen meiner Grosseltern geweint. Ich bin mit ihnen aufgewachsen, und traurigerweise sind sie vor ein paar Jahren gestorben. Sie haben alles für mich getan», sagte Vozinha nach dem Schlusspfiff. Der Goalie kommt von der Insel São Vicente, sein Vater war beim Militär, die Mutter musste viel arbeiten. «Auch sie konnte nicht hier sein wegen Problemen mit dem Visum und dem Geld, das wir hätten zahlen müssen», erzählte er den Reportern in Atlanta.Auf der anderen Seite des Märchens standen am Montag die Europameister. Für sie gab es Worte wie Blamage und Desaster. «Die Kap Verdier lassen aus Spaniens Ballon die Luft raus», titelte etwa «El País» in Madrid.Ausrutscher oder Vorbote tiefer liegender Probleme? Das ist nach solchen solchen Enttäuschungen zum Auftakt immer die Frage. Spaniens Fans können die Geschichte der letzten WM für sich bemühen, da verlor der spätere Weltmeister Argentinien zum Auftakt gegen Saudiarabien. Und dann ist da ja noch die eigene Geschichte. Einmal war man bisher Weltmeister, 2010. Zum Start gab es damals ein 0:1 gegen die Schweiz.Weitere Parallelen werden schon gezogen: Wie 2010 wurde das Turnier mit der Partie Mexiko - Südafrika eröffnet, wie damals kommt Spanien als Europameister, spielt in der Gruppe H und trifft im letzten Gruppenspiel auf eine Mannschaft des Trainergurus Marcelo Bielsa, damals Chile, heute Uruguay. Das klingt alles wesentlich überzeugender als die Signale, die Spaniens Spiel gegen Kap Verde ausstrahlte.Kap Verdier glänzten mit AbwehrNatürlich, man hätte ein Tor erzielen können, allen voran Ferran Torres, der aus nächster Nähe nur die Latte traf. Aber insgesamt mussten die Kap Verdier nicht einmal übermässige Heldentaten vollbringen. Sie kassierten auch nur eine gelbe Karte. Ihnen reichte ein leidenschaftlicher und disziplinierter Abwehrblock.Vozinha hielt alle Bälle des Turnierfavoriten Spanien.Ronald Wittek / EPASchon in den letzten Testspielen gegen WM-Teilnehmer hatte Spanien nur ein 0:0 gegen Ägypten und ein 1:1 gegen den Irak zustande gebracht – ähnlich gut organisierte und physisch robuste Gegner wie Kap Verde am Montag. Und so kursieren in den Medien beim Thema Vergangenheit andererseits auch Schreckgespenster.Bei den vergangenen Weltmeisterschaften kreiselten sich die Spanier jeweils im Achtelfinale aus dem Turnier, 2018 gegen Russland, 2022 gegen Marokko. Jeweils nach optischer Dominanz, jeweils im Elfmeterschiessen, jeweils nach über 1000 Pässen. Gegen Kap Verde waren es in der regulären Spielzeit über 800 Pässe.Aber es gab einen spanischen Spieler, der in der ersten halben Stunde kein einziges Mal den Ball berührte. So etwas hat es bei einer WM seit Beginn der Datenaufzeichnung 1966 noch nie gegeben. Dieser Spieler war der Mittelstürmer, Mikel Oyarzabal.Spanien ist auf Yamal angewiesenSpanien langweilte das Publikum bis zur Einwechslung des angeschlagenen Lamine Yamal. Der Lärmpegel aus dem Stadion verriet, auf welchem Star-Level der 18-Jährige vom FC Barcelona angekommen ist. In seinen 20 Minuten Spielzeit habe Lamine «Angst und Schrecken beim Gegner verbreitet», beobachtete Luis de la Fuente. Der Nationaltrainer dementiert jüngst gar nicht mehr, dass Spanien seinen Star braucht, jetzt wohl schon im nächsten Spiel gegen Saudiarabien von Beginn an.Der Rechtsaussen Yamal, der den letzten Teil der Klubsaison wegen einer Muskelverletzung verpasste, wirkt immerhin schon weiter als der ebenfalls rekonvaleszente Linksaussen Nico Williams, bei dem es nur zu zehn Minuten ohne sonderliche Wirkung reichte. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass am Genesungsprozess der Flügelzange auch Spaniens Titelchancen hängen. An der EM vor zwei Jahren war sie die entscheidende Innovation, die das Tiki-Taka unvorhersehbar machte.Spaniens Probleme betreffen jedoch nicht nur den Sturm. Auch der Stratege Rodri ist nicht in der Form der EM, nach der er wegen seiner überragenden Darbietungen mit dem Goldenen Ball des Weltfussballers ausgezeichnet wurde. Seit einem folgenden Kreuzbandriss sucht er die alte Selbstverständlichkeit.Sein Nebenmann Fabián Ruiz enttäuschte gegen Kap Verde ebenfalls, allein Pedri bemühte sich um Gestaltung, hat in de la Fuentes System aber nicht dieselbe tiefe Spielmacherrolle wie in seinem Klub Barcelona. Pedris Gesten der Verzweiflung waren nicht zu übersehen.De la Fuente verspricht Besserung. Skeptikern begegnete er mit dem Hinweis, dass sein Team gerade das 32. Spiel in Folge ohne Niederlage absolviert habe. Ein entsprechendes Schild werde er in der Kabine aufhängen, kündigte der Nationaltrainer an. Immerhin hat die Serie ja auch das Spiel gegen die sagenhaften Kap Verdier überstanden.Passend zum Artikel