Lange nach diesem aus spanischer Sicht so missglückten Auftakt in die Fußball-Weltmeisterschaft schlurfte Lamine Yamal mehr als er ging durch die Innenräume der Arena von Atlanta. Seine Schultern hingen, so als würde die leicht zu große Trainingsjacke wie Blei auf ihm lasten. Das eigentlich Bemerkenswerte war aber nicht sein Gang, sondern der Umstand, dass sich niemand für ihn interessierte. Ausnahmsweise wollte niemand etwas wissen vom vermeintlich kommenden großen Star dieses Sports. Yamal lief fast unbehelligt Richtung Ausgang, vorbei an einem Mann, der von Reportern umringt war, so als wäre er der wahre Yamal.Vozinha sein Name, auch seine Haare in verwaschenen Ansätzen leicht blond gefärbt, so wie die des Spaniers. Bei näherem Herantreten fielen aber die grauen Stoppeln in seinem Bart auf und die Furchen in seinem Gesicht, geprägt von 40 Jahren Leben. Vozinha war der gefragteste aller Spieler der Kapverden, hatten seine grandiosen Paraden doch dazu beigetragen, dass der Außenseiter dem aktuellen Europameister ein 0:0 abtrotzte. „Ich bin so glücklich. Von diesem Moment habe ich mein ganzes Leben lang geträumt“, sagte Vozinha, der die Mitspieler überschwänglich lobte. „Gegen so einen Gegner auf so einer Bühne zu bestehen, das zeigt, was wir für eine Mannschaft sind“, sagte er.„Gegen Spanien muss man leiden“Eine mit viel „Courage“, wie Trainer Bubista hinterher sagte. Auch er so eine Erscheinung. Früherer Profi und 56 Jahre alt, aber wer ihn nach dem Spiel gegen Spanien sah und reden hörte, der glaubte, es mit einem sehr alten Mann zu tun zu haben. Die Stimme kratzte, die Augen wirkten müde ob all der Anstrengungen, die er an der Seitenlinie auf sich genommen hatte, um seine Spieler immer wieder anzutreiben.„Gegen Spanien muss man leiden, aber wir haben das heute gerne auf uns genommen“, sagte Bubista, und es war nicht ganz klar, auf wen das mehr zutraf: auf ihn selbst oder auf seine Spieler. Einzelne hervorheben wollte er eigentlich nicht, aber im Fall seines Torhüters blieb ihm nichts anderes übrig. „Er war immer da, wenn wir ihn brauchten“, sagte Bubista, und das war oft der Fall.Spanien gegen Kap Verde war dieses typische Klein gegen Groß, wie es bei Weltmeisterschaften regelmäßig vorkommt. Aber egal, was die Spanier auch unternahmen, egal ob sie schossen oder es mit dem Kopf versuchten, Vozinha war immer zur Stelle. Dafür wurde er nach Spielschluss frenetisch von den Fans im Stadion umjubelt. Das heißt, von denen, die noch da waren. Sehr amerikanisch hatten sich die meisten sehr zügig auf den Heimweg gemacht, nur die Unterstützer aus Kap Verde blieben auf ihren Sitzen und feierten ihre Spieler.Vozinha genoss den Zuspruch, eingehüllt in eine Landesflagge, und wie er da so bejubelt wurde, flossen ein paar Tränen über sein zerfurchtes Gesicht. „Tränen der Widerstandskraft“ nannte sie Trainer Bubista später. Das war im doppelten Sinne richtig. Zum einen, weil Vozinha den personifizierten Widerstand gab an diesem Tag, und dann, weil der Torwart auf eine lange Karriere zurückblicken kann, die nicht immer linear verlief.Wo er überall im Tor stand. Auf den Kapverden, in Angola, Moldau und Zypern. Zuletzt spielte er in der zweiten portugiesischen Liga bei Chaves. Dort läuft sein Vertrag in wenigen Tagen aus. Dann wäre er arbeitslos. Dass das so bleibt, ist nach dieser Leistung auf dieser Bühne unwahrscheinlich. Ein Spiel genügt manchmal, um eine ganze Karriere zu tilgen. Im Positiven wie im Negativen.So ist das nun mal bei einer Weltmeisterschaft. Erst recht im Zeitalter sozialer Medien. Dort folgten Vozinha vor dem Spiel gegen Spanien nur etwas mehr als 40.000 Menschen, inzwischen sind es über sieben Millionen. Einige baten ihn nach seiner Glanzleistung, doch bitte mehr von sich preiszugeben.Plötzlich wollten alle wissen, wer dieser Mann ist, der da gerade eine der größten Fußballnationen zur Verzweiflung getrieben hatte. Vozinha stellte Bilder ein, von sich am Meer, mit Hunden und sprach über seine Großeltern, bei denen er aufgewachsen war, weil die Eltern arbeiteten. „Vergiss nie, wo du herkommst und wer du bist“, schrieb er. Vergessen werden wird Vozinha nach diesem Spiel in seiner Heimat ganz sicher nicht mehr.