Nach ukrainischer Darstellung war das Absicht, es habe sich um einen gezielten Drohnenangriff auf das Kloster gehandelt: Die Russen „wollen unsere Abstammung, unsere Identität, unser kulturelles Erbe auslöschen“, äußerte Selenskyjs Präsidialamtschef Kyrylo Budanow auf Telegram. Der Angriff sei ein „Verbrechen gegen den christlichen Glauben und gegen die ganze Welt der Orthodoxie“.Keinem anderen Kloster und keiner Kirche in der Ukraine und Russland wird eine dermaßen symbolisch überhöhte Bedeutung für die Geschichte der beiden Länder zugeschrieben wie dem Höhlenkloster in Kiew. Seine Geschichte reicht in die Mitte des 11. Jahrhunderts zurück: Damals war Kiew, wo im Jahr 988 die Geschichte der Christianisierung der Ostslawen begonnen hatte, das wichtigste Machtzentrum in einem großen Raum, der sich über die heutige Ukraine, Belarus und große Teile Russlands erstreckte. Die wichtigste schriftliche Quelle zu den Anfängen der Staatlichkeit in diesem von ostslawischen Stämmen besiedelten Gebiet soll um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert ein Mönch des Höhlenklosters namens Nestor verfasst haben.Ukrainische Historiker stellen die gerade Linie infrageOb tatsächlich diese historisch verbürgte Figur der Autor der sogenannten Nestor-Chronik ist, ist umstritten – so wie überhaupt vieles aus dieser Zeit unklar ist. Der erste Satz dieser Chronik jedoch wirkt bis heute nach: „Das ist die Erzählung der vergangenen Jahre, woher das russische Land kam, wer als erster in Kiew zu herrschen begann, und wie das russische Land entstand.“ Seit dem 18. Jahrhundert konstruierten russische Historiker daraus eine Kontinuität, die vom frühmittelalterlichen Großfürstentum Kiew bis zum neuzeitlichen Zarenreich reichte.Auch außerhalb Russlands wurde in der Geschichtsschreibung diese Sichtweise lange Zeit nahezu unhinterfragt übernommen. Die Idee, in Kiew liege der Ursprung des russischen Staates, ist die Grundlage der von Putin bei vielen Gelegenheiten wiederholten Behauptung, Russen und Ukrainer seien ein Volk. Eine von Russland getrennte Ukraine kann es nach dieser Logik nicht geben. Das Höhlenkloster mit seinen zahlreichen Kirchen, Türmen, Toren und vor allem auch den namengebenden Höhlen, in denen sich Reliquien zahlreicher Heiliger befinden, wäre das religiöse Zentrum dieser Einheit.Ukrainische Historiker stellen diese Kontinuität infrage, die von der Kiewer Rus nach Moskau führt – und sie haben dafür gute Argumente: Von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts gingen große Teile der heutigen Ukraine einen ganz anderen Weg als jene Herrschaftsgebiete nordöstlich davon, aus denen später das Zarenreich wurde.Das spiegelt sich auch in der Geschichte des Höhlenklosters, das in der Mitte des 17. Jahrhunderts eines der Zentren des Widerstands gegen die Unterordnung der orthodoxen Kirche in der Ukraine unter das Moskauer Patriarchat war. Einen guten Teil seiner heutigen barocken Gestalt verdankt es dem Kosakenhetman Iwan Masepa, der Anfang des 18. Jahrhunderts einen für lange Zeit letzten Versuch unternahm, eine eigenständige Ukraine zu erhalten.Der Kreml hat die Vorgänge im Höhlenkloster mehrmals kommentiertAls in der Ukraine unter dem Eindruck der russischen Aggression seit der Annexion der Krim 2014 die Bemühungen um eine kirchliche Loslösung von Moskau stärker wurden, stand das Höhlenkloster im Zentrum der Machtkämpfe – dort befand sich der Verwaltungssitz der dem Moskauer Patriarchat unterstehenden Ukrainischen Orthodoxen Kirche. Das Gelände des Klosters gehörte seit sowjetischer Zeit dem Staat, doch hatte es die unabhängige Ukraine der Kirche unentgeltlich überlassen. Anfang 2023 entzog der ukrainische Staat ihr diese Nutzungsrechte – wegen angeblicher Verstöße gegen den Überlassungsvertrag.Tatsächlich ging es jedoch darum, den Einfluss dieser Kirche zurückzudrängen. Sie hatte sich zwar 2022 für selbständig erklärt, aber nach Ansicht der ukrainischen Führung blieben ihre Beziehungen zum Moskauer Patriarchat wenigstens zweideutig. Dessen Führung heißt den Krieg gegen die Ukraine ausdrücklich gut.Seit 2023 hat die autokephale, also von Moskau vollkommen unabhängige Orthodoxe Kirche der Ukraine das Recht, in den Kirchen des Höhlenklosters Gottesdienste zu feiern. Im Februar dieses Jahres wurden ihr nach dem Vorbild der Regelung, die früher für die orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats gegolten hatten, erste Gebäude zur unentgeltlichen Nutzung überlassen. Der Kreml hat die Vorgänge um das Höhlenkloster immer wieder kommentiert. So äußerte Putins Sprecher Dmitrij Peskow 2023, das Geschehen sei ein Beleg dafür, dass die „Militärische Spezialoperation“, wie der Krieg gegen die Ukraine heißt, richtig sei.Den Brand in der Mariä-Entschlafen-Kathedrale dagegen erwähnte die russische Propaganda am Montag fast gar nicht, er war nur ein Nebenaspekt zur Meldung angeblicher Erfolge: Das Verteidigungsministerium in Moskau gab an, man habe mit hochpräzisen Waffen Ziele der ukrainischen Rüstungsindustrie angegriffen. Der Brand im Höhlenkloster sei von Patriot-Raketen der ukrainischen Luftabwehr hervorgerufen worden. Einige Propagandisten behaupteten, die Ukrainer hätten die Kirche absichtlich in Brand gesteckt, um Russland die Schuld geben zu können.Selenskyjs Präsidialamtschef Budanow dagegen erinnerte an die Geschichte der getroffenen Kirche, die während des Zweiten Weltkriegs vollständig zerstört und erst im Jahr 2000 wiederhergestellt wurde: Sie war 1941 während der deutschen Besetzung Kiews mutmaßlich von Agenten des sowjetischen Geheimdienstes gesprengt worden, „aber die unabhängige Ukraine hat das Heiligtum wieder aufgebaut“, so Budanow.