Russischer Angriff auf ein Kiewer Wahrzeichen: Ein Brand zerstört Teile des HöhlenklostersDas Kloster ist für die ostslawische Orthodoxie das, was der Vatikan für die Katholiken ist. Nun haben wohl russische Geschosse die Kathedrale des Klosters stark beschädigt.15.06.2026, 15.06 Uhr4 LeseminutenVideos aus Kiew zeigen, wie die Flammen die Dächer der Kathedrale zerfressen.ReutersOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach einem massiven russischen Angriff auf Kiew stand in der Nacht auf Montag ein historisches Wahrzeichen der Stadt Kiew in Flammen. In den frühen Morgenstunden haben Teile der Mariä-Entschlafen-Kathedrale auf dem Gelände des Kiewer Höhlenklosters gebrannt. Bilder und Videos zeigen, wie das Dach der Kathedrale mit ihren goldenen Kuppeln in Flammen steht.Einmal mehr hat Russland bei einem Grossangriff auf die Ukraine massive Zerstörung angerichtet. In Kiew sind bei den Angriffen vier Personen getötet und mindestens dreissig verletzt worden. Mehrere Stadtteile waren am Montag ohne Strom. In Charkiw im Nordosten wurden fünf Personen getötet und mehrere verletzt.Wie hoch die Schäden am Kiewer Höhlenkloster zu beziffern sind, ist noch unklar. Bilder im Tageslicht zeigen aber: Das Feuer hat Teile der Kuppel sowie der Aussenfassade zerfressen, im Innern der Kirche tropft das Wasser der Löscharbeiten von der Decke. Ein Bischof der Kirche teilte mit, man habe in der Nacht versucht, alte Ikonen, wertvolle Altartücher sowie weitere religiöse Reliquien aus der Kirche zu retten. Laut Spezialisten vor Ort ist es ein grosses Glück im Unglück, dass das Dach bislang nicht eingestürzt ist.Retten, was noch zu retten ist: Ein Priester trägt Gegenstände aus der brennenden Kathedrale.Evgeniy Maloletka / APDie Löscharbeiten dauern bis in die Morgenstunden.Efrem Lukatsky / APBei der angegriffenen Kathedrale handelt es sich wohl um die schwerste Zerstörung ukrainischen Kulturerbes seit Kriegsbeginn. Die ukrainische Seite teilte mit, das Dach der Kathedrale sei von einer russischen Drohne vom Typ Shahed getroffen worden. Moskau dementierte den Angriff am Montagmorgen. Nicht russische Geschosse, sondern eine Patriot-Abwehrrakete aus den USA habe die Kathedrale getroffen und den Brand ausgelöst. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski wiederum sprach von einem schweren Verbrechen Russlands «gegen die christliche Kultur».Eine fast 1000-jährige GeschichteDas Kiewer Höhlenkloster zählt zu den wichtigsten Zentren des orthodoxen Christentums, ist ein bedeutender Wallfahrtsort und Wahrzeichen Kiews. Das Gelände des Klosters ist ein riesiges, von Mauern umgebenes Gelände am Ufer des Flusses Dnipro. Seit 1990 ist das Kloster Unesco-Weltkulturerbe.Im Jahr 2023 nahm die Unesco das Kloster wegen der russischen Offensive ausserdem auf die Liste des gefährdeten ukrainischen Weltkulturerbes. Bereits Ende Januar dieses Jahres waren Teile der Klostergebäude bei einem Angriff leicht beschädigt worden.Die bei den Angriffen am Montag beschädigte Mariä-Entschlafen-Kathedrale war nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufgebaut worden. Sowjetische Truppen hatten das Kloster vermint, als sie vor dem deutschen Vormarsch zurückwichen. 1941 wurde die Kathedrale gesprengt.Das Gelände des Höhlenklosters, ukrainisch «Lawra» genannt, umfasst über 100 Gebäude, mehrere Museen sowie unter- und oberirdische Kirchen. Mönche haben das Kloster vor fast 1000 Jahren zu Beginn des 11. Jahrhunderts gegründet, im Mittelalter zählte es zu den bedeutendsten Klöstern der Kiewer Rus. Lange Zeit war es sowohl für Russen als auch für Ukrainer ein wichtiger Wallfahrtsort der ostslawischen Orthodoxie, ähnlich wie der Vatikan für die Katholiken. Es ist unterteilt in die sogenannte obere und die untere «Lawra». Der historische Kern befindet sich im unteren Teil. Dort leben die Mönche, und dort findet man ein riesiges Labyrinth aus Höhlen mit Kirchen aus verschiedensten Jahrhunderten. In den Höhlen haben Mönche laut Unesco über Jahrhunderte hinweg Heilige beigesetzt.Zu den wichtigsten Bauten auf dem Gelände zählen neben der beim Angriff beschädigten Mariä-Entschlafen-Kathedrale die Dreifaltigkeitskirche sowie der Glockenturm. Der Metropolit Epifani, das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche der Ukraine, schrieb am Montag auf X, bei dem Angriff handle es sich um ein russisches Verbrechen «gegen die Menschlichkeit, gegen die Geschichte, gegen das Christentum». Der ukrainische Aussenminister Andri Sibiha forderte, sofort Verfahren innerhalb der Unesco einzuleiten.Das Kloster als Schauplatz des KriegesTatsächlich war das Kloster schon vor der Nacht auf Montag ein symbolischer Schauplatz des Krieges zwischen Russland und der Ukraine. Schon 1991, nach der Unabhängigkeit der Ukraine, waren Streitereien darum entstanden, welche Strömung der orthodoxen Kirche das Kloster für sich nutzen dürfe.Unesco-Weltkulturerbe in Flammen: In der Nacht auf Montag brennt nach einem russischen Angriff die Kathedrale des Höhlenklosters mitten in Kiew.Bild der Zerstörung: Eine goldene Kuppel der Kathedrale liegt nach den Angriffen inmitten von Schutt und Asche auf der Strasse.Efrem Lukatsky / APNach dem Beginn des russischen Grossangriffs auf die Ukraine im Februar 2022 verschärfte sich dieser Konflikt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, eine Tochterkirche der Russisch-Orthodoxen Kirche, jahrzehntelang den unteren Teil der «Lawra» gepachtet, und sie nutzte auch die oberen Teile des Klosters.Nach Kriegsausbruch distanzierten sich die Geistlichen in Kiew zwar vom Krieg, doch pflegten sie weiterhin enge Beziehungen zum Kreml und beteten für den Moskauer Patriarchen Kirill. Das Kulturministerium in Kiew leitete daraufhin Untersuchungen gegen «verdächtige Religionsgemeinschaften» wie die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche ein und erliess Sanktionen gegen einzelne Geistliche.Gleichzeitig sah die patriotische Orthodoxe Kirche der Ukraine ihre Chance und forderte im Jahr 2022 die alleinige Nutzung des Klosters. Tatsächlich kündigte das Kulturministerium in Kiew auf Ende 2022 den Pachtvertrag mit der Russisch-Orthodoxen Kirche. Seit Anfang 2023 finden in der Kathedrale unter Metropolit Epifani Gottesdienste der Orthodoxen Kirche der Ukraine statt.Glück im Unglück: Das Innere der Kathedrale blieb bis auf die Spuren des Löschwassers zu einem Grossteil unbeschädigt.Evgeniy Maloletka / APDie Mönche des Moskauer Patriarchats aber weigern sich, Teile der unteren «Lawra» aufzugeben. Das ukrainische Kulturministerium geht dagegen vor, indem es der patriotisch-orthodoxen Kirche die Räume kostenlos zur Verfügung stellt. Es ist ein Konflikt, der bis heute schwelt. Nach den Angriffen von Sonntagnacht ist aber zumindest klar: Mit der Zerstörung der «Lawra» haben die russischen Streitkräfte eine spirituelle und kulturelle Stätte ukrainischer Identität beschädigt.Passend zum Artikel