Vor dem Hintereingang des Sportvereinsheims in Ashton-in-Makerfield, im Nordwesten Englands, stehen am Morgen die Freiwilligen Schlange. Das abgewohnte Clubhaus dient Labour hier als Stabsquartier. Sie kommen aus der Umgebung, aber auch aus dem ganzen Land. In der Schar der Helfer kämpfen die einen vor allem dafür, diesen Wahlkreis am 18. Juni für Labour zu retten, ihn jedenfalls nicht an die Rechtspopulisten von Reform UK zu verlieren.Die anderen wollen dem Labour-Kandidaten Andy Burnham zum Sieg verhelfen, damit er bald auch die Führung der gesamten Partei übernehmen kann – auch wenn das wohl nur durch einen offenen Machtkampf im Labour-Lager zu erreichen wäre.Der gegenwärtige Partei- und Regierungschef Keir Starmer, der in Meinungsumfragen schon seit Monaten Unbeliebtheitsrekorde hält, hat klargemacht, er werde seinen Platz nicht freiwillig räumen. Sein Herausforderer Burnham muss zuerst ein Mandat in Makerfield gewinnen, um wieder Mitglied der Labour-Fraktion im Unterhaus zu werden und um dann, mit diesem Mandat versehen, die Attacke auf Starmers Führungsposten beginnen zu können.Reform UK räumte bei den Kommunalwahlen abIm Clubraum der Sportstätte sitzen morgens die Labour-Aktivisten, ziehen sich Kaffee aus einem Automaten und warten auf Klemmbretter, Prospektbündel und Anweisungen, bevor sie losziehen in den Überzeugungskampf: von Tür zu Tür, von Klingelschild zu Klingelschild. „Ach, du bist noch immer im Gemeinderat“, sagt ein Bekannter erstaunt zu Graham Morgan, einem Burnham-Fan aus dem Nachbarort, der dort die Kommunalverwaltung leitet. „Ja, bei uns war es nicht so schlimm“, entgegnet Morgan und meint damit die Verheerungen von Anfang Mai.Labour verlor landesweit 1500 Gemeindemandate, und die Rechtspopulisten gewannen aus dem Stand genauso viele Sitze. Im Wahlkreis Makerfield, zu dem Ashton und andere Kleinstädte gehören, musste Labour sämtliche Kommunalmandate, die zur Wahl standen, an Reform UK abgeben.„Andy kann es mit Farage aufnehmen“, prophezeit der Labour-Lokalpolitiker Morgan. Es geht um Nigel Farage, den Parteichef von Reform, der in Ashton zwar nicht selbst zur Wahl steht, aber in den letzten Wochen öfters dort gesichtet wurde – er begleitete den Nachwahlkandidaten seiner Partei, Robert Kenyon, in den Caledonian Pub, um dort die Reform-Kampagne „Rettet unsere Kneipen“ publik zu machen. Für Farage, der seine Volksnähe gern mit Bierglas und Zigarette in der Hand illustriert, bot diese Theke die beste Kulisse.Burnham wirbt mit seinen VerdienstenBurnham punktet derweil mit eigener Prominenz. Er ist ja seit acht Jahren Bürgermeister der Region Manchester, zu der auch der Wahlkreis zählt, den er jetzt gewinnen will. Er hat dafür gesorgt, dass der Nahverkehr besser und billiger geworden ist, und er lässt seine Wahlkreisbürger in jeder Ortschaft auf Handzetteln wissen, was er außerdem schon für sie erreicht hat: In Ashton die Bücherei gerettet, in Winstanley die Bebauung von Grünflächen verhindert, in Platt Bridge die Überflutung eines Wohngebiets gestoppt.Er grüßt auf der Straße: Labour-Kandidat Andy Burnham in Ashton-in-MakerfieldReutersTrotzdem fragt Kyle Ainscough, der sich dort vor seinem Reihenhaus eine Zigarette dreht: „Was hat uns Labour denn gebracht?“ Kyle ist kaum 30 Jahre alt, Maurer von Beruf, Vater eines Kleinkinds, in seiner Einfahrt steht ein Camping-Van, daneben hat er ein „Reform UK“-Schild aufgepflanzt.„Wir brauchen ’nen Wechsel“, sagt Kyle schulterzuckend. Es klingt nicht sehr energisch, aber es sind exakt die Worte, die alle jene sagen, die wollen, dass Reform UK gewinnt.Dass Andy Burnham in der Londoner Downing Street auch schon einen Wechsel bedeuten könnte, lassen sie nicht gelten. Der Reform-UK-Kandidat Kenyon wirft Burnham vor, er wolle einen Sieg in Makerfield „nur als Trittbrett“ benutzen, um dann in London als Nachfolger Starmers Karriere zu machen. Burnham kontert mit einem Versprechen: Wenn er gewinne, dann werde Makerfield den einflussreichsten Abgeordneten haben, den es jemals ins Unterhaus gewählt habe.81 Labour-Fraktionsmitglieder müssten sich gegen Starmer stellenMary Creagh gehört zu Keir Starmers Regierungsmannschaft. Auch sie wartet an jenem Morgen in Ashton in der Wahlhelfer-Schlange, um sich mit Straßenkarte und Wahlwerbung auszurüsten. Sie ist Parlamentarische Staatssekretärin im Umweltministerium, steht loyal zu ihrem Regierungschef und sagt, sie sei sich gar nicht sicher, ob Burnham wirklich einen offenen Machtkampf anfangen wird, falls er ins Unterhaus zurückkehrt. Es wären die Unterschriften von 81 Labour-Fraktionsmitgliedern nötig, um eine Kampfkandidatur für die Parteiführung anzumelden, „das ist eine ganze Menge“.Und der bedrängte Starmer hat deutlich gemacht, dass er die Führung von Partei und Regierung nicht freiwillig aus der Hand geben wird. Er werde „gegen jeden kämpfen“, haben seine Vertrauten wissen lassen, und – „er will siegen“.Zuletzt bekam das Bild des unbeirrten Regierungschefs allerdings einen dicken Kratzer. Verteidigungsminister John Healey Starmer kündigte ihm die Gefolgschaft auf. Der loyale alte Haudegen in Labours Regierungsriege hat selbst keine Ambitionen auf den Chefsessel, er warf Starmer aber zum Abschied vor, nicht fähig gewesen zu sein, genügend Geld für die Aufstockung des Wehretats zusammenzubringen.Die Klebeecken vorbereitenDie unverdrossene Wahlkämpferin Mary Creagh sammelt eine Handvoll junger Aktivisten um sich, mit denen sie morgens zu ihrem Einsatz aufbricht. Das Organisationsteam hat ihr, wie jeder Haustür-Truppe, exakt umrissene Straßenzüge zugewiesen. Die jahrzehntelange Buchführung, die alle Parteien in den britischen Wahlkämpfen betreiben, führt zu klaren Kategorisierungen: Anhänger, Unentschiedene, Gegner, Nichtwähler. Bei denen, die als felsenfeste Reform-Anhänger verbucht sind, sparen sich die Labour-Wahlkämpfer das Klingeln.Bei den anderen, die die Tür öffnen, hilft den Werbern eine DIN-A4-Gebrauchsanweisung auf dem Klemmbrett. „Hallo, ich bin hier in der Kampagne für Andy Burnham unterwegs“ lautet der Eröffnungssatz, gefolgt von der Frage, ob der betreffende Hausbewohner schon wisse, für wen er stimmen werde. Falls die Antwort „Labour“ lautet, folgen ein „Danke für die Unterstützung“ und gleich die nächste Frage: „Wollen Sie ein Andy-Poster fürs Fenster oder ein Plakat für den Garten haben?“Mary Creagh gibt den Jungs in ihrer Werberiege noch einen zusätzlichen Tipp: „Bei dem Fensterplakat zieht ihr möglichst schon gleich die Selbstklebeecken ab, damit die Hausbewohner es gar nicht erst mehr irgendwohin legen können, sondern gleich aufhängen müssen.“Wahlplakate in Ashton-in-Makerfield: Von hier aus will Andy Burnham Starmer herausfordernAP Photo/Jon SuperDie 77 Jahre alte Sue in der New Road ist freundlich gesonnen. Ja, sie wähle Andy, sagt sie in der Tür stehend. Sie sei sogar mal Labour-Mitglied gewesen. Aber nein, ein Poster will sie nicht aufhängen, auf keinen Fall. Sie blickt schräg über die Straße in einen Vorgarten, aus dem ein hellblaues Reform-Pappschild herüberwinkt. „Es ist alles so feindselig geworden“, sagt sie. Viele Leute seien so intolerant mittlerweile, „einfach hässlich“.Farages Partei mobilisiert nicht nur seine AnhängerAn der Straßenecke steht Chris vor dem Haus und wäscht sein Auto. Chris wurde in der Labour-Statistik in die Kategorie „Nichtwähler“ einsortiert. Aber dieses Mal, sagt der junge Fensterputzer, will er doch wählen gehen. Bislang habe in der Gegend ja sowieso immer Labour gewonnen. Aber nun, nachdem es so viel um Einwanderung und Rassismus gegangen sei, werde es knapp. Auch er will Burnham wählen.Es scheint, dass Farages Reform UK in Makerfield nicht nur das eigene Lager mobilisiert, sondern auch die Gegner auf die Beine bringt. Und zu denen zählen nicht bloß angestammte Labour-Wähler und aktuelle Burnham-Fans. In manchen Fassadenfenstern zeigt sich ein neuer Konkurrent.Restore UK heißt die Parteienmarke, die sich unter Führung des früheren Reform-UK-Abgeordneten Rupert Lowe noch weiter rechts im politischen Spektrum etablieren will. Lowe ist nach einem Streit mit Farage vor rund einem Jahr aus dessen Partei geflogen und hat bald darauf seine eigene gegründet.Restore jagt Reform Stimmen abIn Makerfield tritt die Geschäftsfrau Rebecca Shepherd als Kandidatin für Restore an. Sie ist das lächelnde Gesicht einer Kampagne, die nicht auf den Straßen und an den Haustüren präsent ist, sondern sich mit Onlineaktionen begnügt. Im Internet lesen die Interessierten wenig über die Kandidatin Shepherd, erfahren dafür aber, dass der Parteichef Lowe für millionenfache Massenabschiebungen von Emigranten plädiert. Die spärlichen Wahlkreis-Umfragen der letzten Wochen in Makerfield messen Restore zwischen acht und zwölf Prozent der Stimmen zu; das könnte genügen, um Reform daran zu hindern, vor Labour in Führung zu gehen.Die Wahlkämpferin Creagh zieht nach einer guten Stunde Klingeleinsatz Bilanz in ihrem Straßenviertel: „Dreizehn Haustürkontakte bei 52 Adressen. Gar nicht schlecht für einen Samstagmorgen“, sagt sie und lächelt. „Das ist ja gerade die schönste Zeit überhaupt, um Wahlkampf zu machen, meist ist es warm, und überall in den Vorgärten blühen die Blumen.“
Andy Burnham in Makerfield: Labour gegen Reform und Restore
Andy Burnham braucht ein Unterhausmandat, um Keir Starmer herauszufordern. Unterwegs mit seinen Wahlkämpfern in den Straßen von Ashton-in-Makerfield.









