«Kommen Sie mir ja nicht mit Andy» – In Makerfield zeigt sich vor den Nachwahlen die Misere der britischen PolitikAndy Burnham versucht in Nordengland einen Sitz im Unterhaus zu gewinnen, um danach Premierminister Keir Starmer herauszufordern. Doch kann sich der Labour-Politiker überhaupt gegen Reform UK von Nigel Farage durchsetzen? Die Stimmung im Volk ist schlecht.Tessa Szyszkowitz07.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenLabour kann sein Versprechen, das Leben der Arbeiter zu verbessern, nicht halten. Deshalb verliert die Partei auch in ihrer Hochburg im Norden immer mehr Stimmen.Anthony Devlin / ImagoDie Botschaft ist klar, wenn auch nach ein paar Gläsern Bier nicht mehr ganz deutlich formuliert: «Kommen Sie mir nicht mit Andy!», sagt der junge Mann. «Labour hat die Arbeiter ausgeraubt.» Im Schankraum des «Banner Pub» in Hindley sitzt er am späten Nachmittag mit ein paar Zufallsbekanntschaften bei einem Pint. Er will weder seinen Namen nennen noch zitiert werden. Am 18. Juni geht er ganz sicher nicht wählen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Makerfield, Anfang Juni 2026. In diesem Wahlkreis im Norden Englands, zwischen Manchester und Liverpool, zu dem auch das Städtchen Hindley gehört, stellen rund 77 000 Stimmberechtigte demnächst die politischen Weichen für das ganze Land. Grossbritannien steckt in einer Krise. Die Umfragewerte des Labour-Premierministers Keir Starmer sind so schlecht, dass er aus den eigenen Reihen angegriffen wird. Der Mann, der Starmer ablösen will und in den viele bei Labour ihre Hoffnung setzen, heisst Andy Burnham: Noch ist er Bürgermeister des Grossraums Manchester.Damit er Starmer parteiintern herausfordern kann, braucht der 56-Jährige wieder ein Mandat in Westminster. Der bisherige Labour-Abgeordnete von Makerfield hat seinen Sitz für ihn vorzeitig geräumt; Burnham bewirbt sich nun darum. In vielen Vorgärten der bescheidenen Einfamilienhäuser von Makerfield stehen deshalb jetzt Plakate: «Vote Andy for us.»Andy Burnham bei seiner Wahlkampagne in Makerfield.Ian Hodgson / APBurnham ist einer von hier. Er wohnt gleich um die Ecke, und seine beiden Töchter gehen in eine lokale Schule. Aber selbst «Andy» kann sich nicht sicher sein, dass ihm die Leute als Einheimischen eine Mehrheit geben. Denn in immer mehr Vorgärten bekommen die Labour-Transparente neuerdings Konkurrenz. Statt rot sind sie türkis: «Makerfield braucht Reform: Reform UK».George Orwell hat das Elend schon beschriebenDas allein ist bemerkenswert. Denn Makerfield ist Teil des armen Nordens und natürlich tiefrotes Labour-Land. George Orwell beschrieb 1937 in «The Road to Wigan Pier» das Elend der Arbeiter in hiesigen Kohleminen. Der Wahlkreis Makerfield gehört teilweise zum Stadtgebiet von Wigan. In tiefen Gruben schufteten die Männer, oben am Tageslicht wurde die Kohle von Frauen verarbeitet. In den Textilfabriken malochten die Menschen für einen Hungerlohn. Sie wählten hier immer sozialdemokratische Politiker.Bleibt Makerfield rot, oder wird es doch türkis?Temilade Adelaja / ReutersHeute gibt es keinen Kohleabbau mehr, und die Textilfabriken sind ins billigere Ausland abgewandert. In einem niedrigen Ziegelbau, dem Bryn Community Center, wabert Hoffnungslosigkeit. Hier treffen sich heute nicht mehr Labour-Wähler, um Rugby zu schauen, sondern sitzen jetzt Arbeitslose, die Reform UK wählen. Die EU-Strukturhilfen sind nach dem Brexit ausgelaufen und wurden durch britische Ersatzfonds nur zum Teil ersetzt. Die Versprechen der Konservativen, sie aus dem Elend zu holen («Levelling-up» hiess die verheissungsvolle Parole unter Boris Johnson), sind unerfüllt geblieben. Auf der Hauptstrasse von Ashton-in-Makerfield gibt es drei Bräunungsstudios. Und zwei geschlossene Pubs. Sonst nichts.Angestrengt versucht die Labour-Regierung, bessere Stimmung zu verbreiten. So veranstaltete sie etwa einen Wettbewerb, um die zahllosen Schlaglöcher zu füllen. In der Rangliste schneidet Wigan, zu dem Makerfield gehört, richtig gut ab, der Bezirk ist im grünen Bereich, die Stadtregierung hat 3800 Schlaglöcher gefüllt.Der pensionierte Lastwagenfahrer Brian Taylor sitzt mit seiner Frau im Restaurant Wheatlea Park Brewers Fayre in Wigan und isst Britanniens beliebtestes Nationalgericht: Chicken Tikka Masala, ein indisches Curry, das mit englischer Sauce hier heimisch geworden ist. Er sagt: «Ich bin kein Rassist, aber wir Engländer haben unsere Identität verloren, und niemand in der Politik tut etwas gegen die Zuwanderung.» In Makerfield ist die Bevölkerung zu 97 Prozent weiss ist.Brian Taylor mag sein Masala-Curry, die vielen Einwanderer aber weniger.Tessa SzyszkowitzWollte er, wie so viele ehemalige Labour-Wähler im Norden, auch den Austritt aus der EU? «Natürlich habe ich für den Brexit gestimmt», sagt Brian Taylor, «das tut mir heute aber leid.» Für den EU-Austritt und seine Folgen trägt aber weniger die Labour-Partei als vielmehr der Brexit-Promotor Nigel Farage die Verantwortung. «Farage traue ich auch nicht über den Weg», sagt Taylor. «Aber ich will Veränderung.» Von der Labour-Regierung halte er nichts, und Konservative könne er nicht wählen; er gehöre schliesslich zur Arbeiterklasse. Also wählt er? «Reform UK.» Trotzdem.Genau das hat im Mai schon eine grosse Mehrheit getan. Bei den Lokalwahlen in Wigan wurden 25 Sitze neu vergeben; Reform UK gewann fast alle. Im Gemeinderat kommt die Partei nun auf 25 von 75 Mandaten, Labour hält mit 42 Sitzen noch die Mehrheit. Aber wie lange?Der bisherige Labour-Abgeordnete hatte den Sitz 2024 mit gut 5400 Stimmen Vorsprung gehalten. Seitdem hat sich die Stimmung im Land gedreht. Burnham, derzeit der prominenteste Labour-Politiker und dreimal mit grosser Mehrheit zum Bürgermeister des Grossraums Manchester gewählt, führt hier in Makerfield in Umfragen nur knapp vor dem ausserhalb Wigans weitgehend unbekannten Kandidaten von Reform UK.Trotzdem Reform?Sein Name: Robert Kenyon. Sein Beruf: Installateur. Neuerdings ist er auch Gemeinderat in Wigan. Sein politisches Profil: bekennender Sexist, wenn man nach alten Einträgen in sozialen Netzwerken geht. «Frauen», schrieb er einst auf dem Kurznachrichtendienst X, «können nicht Auto fahren. Das ist sexistisch, sorry, aber so ist es.» Kenyon fand Russlands Annexion der Krim 2014 vertretbar und bezeichnete Abtreibung als Mord. Viele alte Einträge sind inzwischen verschwunden.Robert Kenyon tritt für Reform UK in Makerfield an.BBC Question Time via ReutersDiese Nachwahl am 18. Juni ist ein Rennen zwischen Kenyon und Burnham. Burnham rennt von Tür zu Tür und redet sich den Mund fusselig. Er hat keinen leichten Stand. «Der benutzt uns doch auch nur wieder als Sprungbrett nach Westminster», schimpft Andrea, eine tätowierte Frau, die bei der Müllabfuhr arbeitet und ihren Hund «Baby» gerade spazieren führt. Wen wählt Andrea? «Ich habe früher Labour gewählt. Heute wähle ich gar nicht mehr.» Auch sie dreht der Politik den Rücken.Makerfield zeigt ein Phänomen, das für das ganze Vereinigte Königreich steht. Der Glaube, dass Politik etwas bewirken kann, schwindet. Die politische Landschaft wird fragmentiert. Reform UK ist die Alternative zu Labour geworden, aber auch Reform UK wird nun von den Rändern angegriffen: von Restore Britain. Gegründet hat sie Anfang 2026 der Abgeordnete Rupert Lowe, ein früherer Reform-Mann, nachdem er sich mit Nigel Farage zerstritten hatte. Das Wahlprogramm ist eine harte Variante von Reform UK. Es verspricht einen noch radikaleren Einwanderungsstopp sowie Ausschaffungen.Vertreten wird das Rechtsaussenprogramm in Makerfield von Rebecca Shepherd, einer Geschäftsfrau ohne politische Erfahrung. Im «Banner Pub» in Hindley sammeln sich ihre Anhänger, um von dort aus Stimmen keilen zu gehen. Alle tragen schwarze Kappen, auf denen «Restore Britain» steht. Der Wahlkampfmanager Scott Benton war früher konservativer Abgeordneter, der wegen Korruptionsverdachts zurücktrat. Bei Restore Britain ist er auch wieder umstritten. Aus ganz anderen Gründen. Als das Foto eines Tattoos auf seiner Brust veröffentlicht wurde, das in hebräischen Buchstaben «Messias von Zion» zeigt, forderten antisemitische Anhänger seinen Ausschluss aus der Partei.Ob Restore Britain sich mit diesen rechtsradikalen Botschaften auf Dauer rechts von Farage positionieren kann, ist unklar. Schaden tun die neuen Rechten Farages Reform UK in Makerfield aber schon jetzt.Nicht nur das rechte Lager zersplittert zunehmend. Auch Labour muss Konkurrenz von links fürchten. Die grüne Kandidatin Sarah Wakefield könnte Labour genug Stimmen wegnehmen, um Burnham den Sieg zu kosten.Ein heruntergekommenes Wohnhaus in Makerfield in Nordengland.Christopher Furlong / GettyNoch sind zwei Wochen Zeit, und das Labour-Wahlkampfteam wirft sich mit voller Kraft in die Schlacht. In einer Lagerhalle des Stubshaw Cross Community and Sports Club in Ashton-in-Makerfield sind Tische aufgebaut, darauf liegen Flugblätter und Broschüren. Von hier ziehen im Dreistundentakt Parteileute und Freiwillige los, um an die Türen potenzieller Wähler zu klopfen.«Wir können das gewinnen», gibt sich John Prince kämpferisch. Der Labour-Gemeinderat aus Liverpool ist gekommen, um die Genossen in Makerfield zu unterstützen. Wenn Burnham nicht gewinne und Starmer nicht ablösen könne, dann stehe bei den nächsten Parlamentswahlen Nigel Farage auf dem Weg in die Downing Street nicht mehr viel im Weg. «Was hat Farage denn geleistet? Er hat den Leuten den Brexit eingeredet. Und der hat hier im Norden Englands wirklich gar nichts gebracht», sagt John Prince nicht ohne Bitterkeit.Der Wählerschaft scheint das egal zu sein. Parteizugehörigkeit zählt nicht mehr. Seit dem Brexit ist Grossbritannien ein Land launiger Wechselwähler geworden mit wenig Vertrauen in Parteien. Makerfield, das wird sich am 18. Juni zeigen, eventuell auch.Die Innenstadt von Ashton-in-Makerfield in Wigan.Adam Vaughan / EPAEin Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Makerfield: Hier entscheidet sich die Zukunft der britischen Politik
Andy Burnham versucht in Nordengland einen Sitz im Unterhaus zu gewinnen, um danach Premierminister Keir Starmer herauszufordern. Doch kann sich der Labour-Politiker überhaupt gegen Reform UK von Nigel Farage durchsetzen? Die Stimmung im Volk ist schlecht.












