Der deutsche Raketenhersteller Isar Aerospace gilt als Hoffnungsträger unter den jungen europäischen Raumfahrtunternehmen. Das vor acht Jahren gegründete Start-up mit Sitz in Ottobrunn bei München soll mit der Trägerrakete „Spectrum“ regelmäßig Kleinstsatelliten in die erdnahe Umlaufbahn bringen und so die Ariane 6 und Vega-C langfristig entlasten. Zudem hofft man damit, ein europäisches Gegengewicht zum amerikanischen Marktführer SpaceX zu schaffen. Nach Angaben von Isar Aerospace seien die Auftragsbücher bereits gut gefüllt, und das, obwohl die Spectrum bislang nur einen Testflug im vergangenen Jahr absolviert hat. Dieser dauerte allerdings nur 30 Sekunden, dann stürzte die Rakete ins Meer.Ein zweiter Flug, ursprünglich angesetzt für April dieses Jahres, musste wegen eines Lecks im Druckbehälter kurzfristig abgesagt werden. Er soll nun in dieser Woche nachgeholt werden. Laut Isar Aerospace wird die Spectrum-Rakete frühestens am Montagabend um 22.00 Uhr von einer Startrampe auf der norwegischen Insel Andøya abheben. Falls die Mission gelingt, wird es der erste kommerzielle Flug einer Spectrum sein. An Bord sind sechs Kleinsatelliten, die nacheinander in der niederen Erdumlaufbahn ausgesetzt werden sollen.Die 28 Meter hohe Spectrum-Rakete besteht aus zwei Stufen und ist dafür ausgelegt, bis eine Tonne Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn zu bringen. Zum Vergleich: Die neue Ariane 6 ist je nach Ausführung mit zwei oder vier Hilfstriebwerken 56 oder 62 Meter hoch und schafft bis zu 10,9 respektive 21,9 Tonnen ins erdnahe All. Die kleinere Vega-E ist 36 Meter hoch und kann 2,5 Tonnen Nutzlast transportieren (siehe Abbildung).Propan und Sauerstoff als TreibstoffEine Besonderheit der Spectrum sind ihre zehn Aquila-Triebwerke – neun für die Unterstufe und eine weitere für die Oberstufe. Die Brennkammern werden mit dem 3D-Druck-Verfahren gefertigt. Darin reagiert flüssiger Sauerstoff mit Propan, statt mit Wasserstoff, Kerosin oder Methan. Sauerstoff-Methan ist die Treibstoffkombination, der Elon Musks neue Schwerlastrakete „Starship“ antreibt, aber auch die Unterstufe der „New Glenn“ aus dem Hause Blue Origin des Musk-Konkurrenten Jeff Bezos.Propan hat gegenüber Methan Vorteile. So hat es mit -42 Grad Celsius einen sehr viel höheren Siedepunkt und damit geringere Verluste während des Betankungsvorganges und danach bis zum Start. Entscheidender aber ist sein zugleich extrem niedriger Schmelzpunkt von -188 Grad. Auf fast diese Temperatur heruntergekühlt, besitzt es seine maximale Dichte - es passt dann also besonders viel davon in einen Raketentank hinein. Zugleich liegt die Temperatur derart tiefgekühlten flüssigen Propans noch unterhalb des Siedepunktes flüssigen Sauerstoffs, der bei -183 Grad liegt. Die beiden Treibstoffkomponenten können also nebeneinander gehandhabt werden, ohne dass das Propan den Sauerstoff zum Kochen bringt. Flüssiges Methan dagegen ist immer wärmer als flüssiger Sauerstoff.Deutsches Gegengewicht zu SpaceX & Co.Gefertigt wird die Spectrum am Standort Ottobrunn. Dort können zehn Trägerraketen pro Jahr gebaut werden. Eine neue Fabrik entsteht derzeit im 20 Kilometer entfernten Vaterstetten. Dort sollen jedes Jahr 40 Spectrum-Raketen vom Fließband laufen. Isar Aerospace ist auch finanziell gut aufgestellt. Kürzlich hat das Unternehmen, eine Ausgründung der Technischen Universität München, 270 Millionen Euro von finanzkräftigen Kapitalgebern gesichert. Das Geld soll in die Serienfertigung der Spectrum und in einen neuen Raketen-Startplatz in Kanada fließen.Um der übermächtigen Konkurrenz aus Amerika etwas entgegenzusetzen, hat die europäische Raumfahrtagentur vor einigen Jahren die Initiative „European Launcher Challenge“ ins Leben gerufen. Sie verlangt von künftigen privaten europäischen Raketenbauern, bis spätestens 2027 einen erfolgreichen Orbital-Start durchzuführen. Im Jahr 2025 wurde Isar Aerospace zusammen mit vier weiteren europäischen Raumtransportunternehmen – darunter Hyimpulse in Neuenstadt bei Heilbronn und Rocket Factory Augsburg – für die European Launcher Challenge ausgewählt.Vor zwei Jahren absolvierte die Trägerrakete „SR75“ von Hyimpulse ihren Jungfernflug, allerdings nur bis in eine Höhe von 50 Kilometern, also nicht bis in den Weltraum, der in einer Höhe von 100 Kilometern beginnt. Weniger Glück hatte die Rocket Factory Augsburg Seine Rakete „RFA One“ explodierte bereits beim Start vor zwei Jahren. Ein zweiter Versuch ist für Ende dieses Jahres vorgesehen.Deshalb ist die Hoffnung groß, dass der Start der Spectrum-Rakete von Isar Aerospace ein Erfolg wird. Sollte er heute Abend nicht möglich sein, so gibt es noch weitere Versuche. Das Startfenster schließt sich erst am Samstag, dem 20. Juni.