Wenn alles nicht so ernst wäre, müsste man sie goldig finden, diese „Familiarisation“, die am Sonntag Irans WM-Delegation zuteilwird. Sprich: Sich akklimatisieren, mal umsehen in der Arena, in der Co-Gastgeber USA am Freitag seine Eröffnungsparty gefeiert hatte. Und in der sie nun 72 Stunden später also ihre erste WM-Party austragen soll, das zweite Spiel der Gruppe G gegen Neuseeland am Montagabend. Sie, das ist die Auswahl Irans, Kriegsgegner des Co-Gastgebers.Und so flanieren die Spieler am Sonntag über den American Airlines Plaza zum Fünf-Milliarden-Dollar-Prachtbau mit Glasdach und einem doppelseitigen Videoring über dem Spielfeld, auf dem sich im Alltag die American-Football-Teams der Rams und Chargers abrackern. Das Spielfeld misst 105 mal 68 Meter, es ist fast identisch mit den Maßen des Trainingsplatzes (103 mal 68) im mexikanischen Tijuana, wo Iran untergebracht ist vor und während dieses Turniers. Und es gleicht fast dem Feld im Stadion von Los Angeles Galaxy (110 mal 69), wo die Spieler nach der Tour des WM-Stadions ihr Abschlusstraining absolvieren. Auch solche Details sind wichtig in diesen Tagen, aber dazu gleich mehr.Die Exil-Iraner stimmen Gesänge an auf US-Präsident Donald Trump und Israels Premier Benjamin NetanjahuEs sind ein paar Leute zur „Familiarisation“ am Stadion gekommen, man kann sie schnell in zwei Gruppen einteilen. Die einen sind Exil-Iraner in Los Angeles, die wegen des Regimes in der Heimat in die USA geflüchtet sind. Sie bezeichnen die Spieler im Stadion als „Terroristen“, und das tun sie so laut, dass man es drinnen hört. Für diese Leute, es sind etwa drei Dutzend, sind die Fußballer auf keinen Fall Repräsentanten von Iran. Sie stimmen Gesänge auf US-Präsident Donald Trump und Israels Premier Benjamin Netanjahu an.Es kommt zum Brüllgefecht mit einer Handvoll Iranern, die nicht geflüchtet, sondern freiwillig in die USA ausgewandert sind. Für sie sind die Spieler drinnen, „Fußballer aus Iran“, sagt eine Anhängerin: „Landsleute, die ich anfeuern will. Zweimal im Stadion.“ Sie und ihre Gleichgesinnten sind in der Unterzahl, aber ein paar von ihnen – so viel zum ach so strengen Sicherheitspersonal – schleichen sich in die Arena. Die Mutter heißt Sandra, ihr Sohn ist der 13 Jahre alte Hossein. Der Bub ist aufgeregt, er zittert, die Mama hat Tränen in den Augen. Käme sie aus der Schweiz, aus Neuseeland, aus Japan, man würde sagen: Was für ein WM-Moment, ein bisschen wie im Film „Das Wunder von Bern“: Mutter und Sohn schleichen ins Stadion und sehen ihre Helden.Sie kommen aber aus: Iran.Ganz schön kolossal: Irans Spieler bei der „Familiarisation“ am Tag vor dem Auftakt gegen Neuseeland im WM-Stadion von Los Angeles. Andre Penner/AP PhotoDie Botschaft der Fußballdelegation hat Verbandschef Mahdi Nabi in den vergangenen Tagen gebetsartig formuliert: „Wir wollen hier nur Fußball spielen!“ Das beinhaltet freilich den Vorwurf: Wenn man uns lassen würde! Die Iraner beklagen sich, dass sie in einem Quartier untergebracht sind, das sie nicht selbst ausgesucht haben. Sie dürfen auch jeweils erst einen Tag vor einer Partie in die USA einreisen und nicht im Stadion trainieren. Ist das Wettbewerbsverzerrung? In jedem Fall ist deshalb jetzt jedes Detail wie das Trainingsplatzmaß bedeutsam. Oder auch dieses: Sie wissen bislang nicht, ob ihre Flagge gehisst wird vor dem Anpfiff.Die amerikanische Regierung hat kürzlich eine Antwort auf ihre Art gegeben: Sie feierte am Sonntag den 80. Geburtstag des Präsidenten mit einem Kampfspektakel vor dem Weißen Haus und der Ankündigung, ein Friedensabkommen verhandelt zu haben, was auch Vermittler Pakistan und die Regierung Irans bestätigt haben. Die Haltung der Durchschnittsamerikaner konnte man indes ungefähr erfassen, wenn man Zuschauer am Rande des 4:1-Auftaktsiegs am Freitag befragte. Die Essenz: Eine schlimme Situation sei das, klar, aber die Amerikaner hätten 1980 ja auf die Olympischen Spiele in Moskau verzichtet und Russland vier Jahre später auf die Spiele in Los Angeles. Da war der Krieg allerdings ein kalter und nicht brandheiß wie aktuell.Wie soll man sich da auf Fußball konzentrieren?Die meisten Exil-Iraner – und die sind auch vor dem Galaxy-Stadion, der Trainingsstätte von Irans Auswahl, klar in der Mehrheit – sehen in der Teilnahme ohnehin einen Versuch, sich vor den Augen der Welt als Opfer von USA und Fifa zu präsentieren – während die Probleme in der Heimat viel gewaltiger sind. Manche möchten aber tatsächlich über Fußball reden, wie Sandra, ihr Sohn Hossein – und Cici.Cici trägt Iran-Jacke, Iran-Fähnchen und Iran-Stirnband. „Das sind Fußballspieler, sie haben unsere Unterstützung verdient“, sagt sie. „Gutes Team, K.-o.-Runde ist drin.“ Seit 22 Jahren lebe sie in Los Angeles, wegen des Jobs und nicht nach einer Flucht. Ihr Lieblingsspieler ist Amirmohammad Razzaghinia, 20 Jahre, ein Wusler. Keine drei Meter von ihr entfernt steht er jetzt, sie könnte ihn berühren, wann erlebt man so etwas bei einer WM? Aber auch Cici ist nicht Brasilianerin, Australierin oder Österreicherin, sondern Iranerin und wurde zehn Minuten zuvor von ihren Landsleuten als „Terroristin“ beschimpft. „Wir wollen anfeuern und feiern“, betont sie, „ich freue mich auf die beiden Spiele.“Mehr Ruhe als die Auswahl Irans dürfte keiner der 48 WM-Teilnehmer habenGenau das will auch die Fifa vermitteln: die WM als Fest ohne Ausgeladene, wie völkerverbindend, gerade in diesen Zeiten. Wenn man den Zynismus des Weltverbandes weglässt: Iran hat beste Bedingungen in Tijuana, das sagen sie selbst. Sie logieren in einem Gastgeberland, sind dort freundlich empfangen worden. Zum Spiel kommen sie, wie viele WM-Teilnehmer, am Tag davor. Und dann nächtigen sie in, ähem, Manhattan Beach, Strandstadt nur 25 Minuten vom Stadion entfernt. Im Luxushotel mit Pazifikblick. Mehr Ruhe als die Auswahl Irans dürfte keiner der 48 WM-Teilnehmer haben.So könnte man die Haltung der USA, Fifa und von Iran jeweils so bündeln: Toll, wie wir das angesichts der Umstände hinbekommen – wenn die anderen nur ein wenig mehr gesunden Menschenverstand zeigen würden, könnte es sogar ein Erfolg für alle werden. Es ist wie häufig heutzutage: Wenn sich jeder für ein unschuldiges Opfer hält und alle Verantwortung den anderen zuschreibt, kann es keinen Sieger geben. Die Opferrolle macht alle zu Verlierern, in den eigenen Augen aber zu Helden.Dabei sind ja durchaus andere betroffen. Gastgeber Tijuana etwa und damit Mitgastgeber Mexiko. Die Vorrundengegner Neuseeland, Belgien (21. Juni, wieder am Spielort Los Angeles) und Ägypten (26. Juni, Seattle). Auch wissen Zuschauer, die Karten gekauft haben, noch nicht, was sie erwarten wird: Fußballparty, ein politisch hochbrisantes Hochsicherheitsevent? Oder könnte Iran mit einem mitreißenden Auftritt sogar die große Mehrheit an Exil-Iranern in Los Angeles hinter sich vereinen, die jetzt noch die anderen als Terroristen beschimpfen? „Nein“, sagen Sandra und Cici jeweils wie aus der Pistole geschossen, „auf gar keinen Fall.“Und damit zum Fußball.
Iran bei WM 2026 in den USA: „Ihr seid Terroristen“
Die iranische Nationalelf tritt am Montag in Los Angeles an – auf dem Staatsgrund des Mitgastgebers und Kriegsgegners USA. Die Begrüßung fällt harsch aus: durch die Landsleute.













