Ein einziger Platz ist noch frei vor dem großen Fernsehgerät am Flughafen in New York. Weil die Flugverbindungen zwischen den USA und Mexiko allmählich in WM-Stimmung kommen und zuverlässig zweimal 45 Minuten Verspätung haben, setzt man sich also noch ein bisschen hin. Der Mann auf dem Stuhl neben dem freien Platz sieht aus Brasiliens Torwart Alisson Becker, heißt aber Pablo. Immerhin ist er Brasilianer.Man kommt schnell ins Gespräch, denn es läuft Werbung, beim Spiel zwischen Deutschland und Curaçao ist gerade Pause. Dieser Pablo stellt sich einerseits als glühender Anhänger des brasilianischen Rekordmeisters Palmeiras heraus und andererseits als unabhängiger Sachverständiger in allen Fragen des Weltfußballs. Er sagt, er habe die Brasilianer am Vortag im Stadion gegen Marokko gesehen, porra! Da hätten ja sogar die Curaçaoër mehr Qualität. So sieht er das – beim Halbzeitstand von 3:1 für Deutschland.Es gibt gewisse Grundregeln für halbwegs erfolgreichen Flughafen-Smalltalk: Mit Deutschen redet man nicht über Geld, mit Amerikanern redet man nicht über Politik, mit Brasilianern redet man nicht über Spiele, die 7:1 ausgehen.Fußball-WM:Brasilien sucht den alten ZauberEin genialer Moment von Vinícius Junior bewahrt Brasilien vor der Auftaktniederlage. Und Gegner Marokko? Ist ein gar nicht mehr so geheimer Geheimfavorit.Aber eigentlich kann ja nicht viel passieren in diesem Fall, dafür ist Curaçao an diesem Tag viel zu stark, und es gibt ja ohnehin schon länger keine Kleinen mehr. Gut okay, Musiala hat gerade auf 4:1 erhöht, aber in der ersten Halbzeit haben sich die Deutschen nach dem schnellen Tor auch wieder verzettelt.Raphinha habe ihn im ersten Spiel besonders enttäuscht, sagt Pablo. Der sei beim FC Barcelona immer so stark und in der Seleção eine einzige Enttäuschung. Der Gesprächsfaden gönnt sich an dieser Stelle ein paar Umwege über Jair Bolsonaro und seine Söhne, über Boris Becker und Michael Schumacher zurück zu diesem zunehmend einseitigen WM-Gruppenspiel: „Havertz wird in Deutschland immer noch unterschätzt“, weiß man offenbar, wenn man in São Paulo wohnt.Ausgerechnet Pablo aus Brasilien ist es, der die Zahl Sieben ansprichtNach dem 5:1 durch Brown sagt Pablo, dass er sich frage, wann die Brasilianer zuletzt so einen Spieler wie Toni Kroos gehabt hätten. „Kroos war der beste Deutsche aller Zeiten“, findet er. Und was ist mit Beckenbauer? „Auch nicht schlecht.“6:1 durch Undav, langsam wird es brenzlig. Gerade sitzt man hier so schön beim deutsch-brasilianischen WM-Kaffeekränzchen zusammen, da kann man jetzt nicht wirklich ein siebtes Tor gebrauchen. Das würde nur stören.Es ist dann aber Pablo aus Brasilien, der die Möglichkeit, dass die Zahl Sieben an diesem Tag noch eine Rolle spielen könnte, zumindest mal anspricht. Er habe irgendwo gelesen, sagt er, dass die Deutschen gegen Curaçao mindestens sieben Treffer bräuchten, um im Ranking der Teams mit den insgesamt meisten Toren bei allen Weltmeisterschaften den bisherigen Spitzenreiter Brasilien abzulösen.Aber das muss ja nicht so kommen, das kann auch ganz anders kommen, vielleicht bleibt es beim 6:1, die Deutschen lassen allmählich auch ein bisschen nach, da ist man sich hier einig vor dem Fernseher, während sich der Abflug nach Mexiko weiter verzögert.Dann, in der 88. Minute, erzielt der in Deutschland angeblich immer noch unterschätzte Havertz tatsächlich das 7:1. Man hätte diesen netten Sitznachbarn mit dem Alisson-Becker-Bart gerne noch nach seiner Nummer gefragt, für den Fall der Fälle, dass man mal einen Fußbachsachverständigen aus São Paolo braucht, aber da nimmt er plötzlich seinen Pappkaffeebecher und sein Rollköfferchen und sagt: „Prazer“. War nett.Es muss daran liegen, dass ausgerechnet in diesem Moment das Boarding in Richtung Brasilien beginnt.