Marinella Senatores radikale FreiheitMenschliche Zusammenarbeit ist für die Süditalienerin der Kern ihrer Werke. Marinella Senatore baut mit Randständigen und Gefängnisinsassinnen echte Gemeinschaften auf. Dabei kommen Werke heraus, die Beachtung finden.Susanna Koeberle15.06.2026, 09.00 Uhr6 LeseminutenMarinella Senatore, «Dance First Think Later», 2023, München, © Pro Litteris.Barbara Donaubauer/ zVg the Artist and Mazzoleni, London/Torino«Die Welt ist klein und wir sind gross», steht auf Marinella Senatores Kunstwerk. Es ist zurzeit in Venedig in den Räumen von «The Human Safety Net» zu sehen. Die Skulptur ist eine hybride Mischung aus barocken Kandelabern und Aufbahrungspodesten und gehört zu einer neuen Form von «Luminarie», zu Deutsch: Festbeleuchtung. Mit derartigen Lichtskulpturen wurde Senatore, geboren 1977 in Süditalien, international bekannt. Letztes Jahr war eine solch überdimensionale Leuchtinstallation an der Art Basel Unlimited zu sehen: «We Rise by Lifting Others» und «I Contain Multitudes» stand da in Grossbuchstaben auf der 34 Meter langen Installation.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Zitate wurden von Insassinnen eines Frauengefängnisses in Florenz und von Bewohnern eines sozial benachteiligten Stadtviertels in Neapel ausgewählt. Die bunt leuchtende Struktur löst eine zwiespältige Wirkung aus. Zum einen macht sie gute Laune, berührt Betrachter und Betrachterinnen gleichzeitig aber auch seltsam. Diese Mischung aus überbordender Energie und Empathie liegt wohl in den partizipativen Prozessen der Arbeitsweise der italienischen Künstlerin begründet. Denn sie schreibt sich Inklusion, Gemeinschaft oder Koexistenz nicht bloss auf die Fahne, um dann schnell mit einer beliebigen benachteiligten «Community» ein Projekt umzusetzen. Vielmehr baut sie mit den Menschen, mit denen sie sich auf das Abenteuer der Kollaboration einlässt, eine echte Beziehung auf.Sie riskiert dabei, nicht im Vornherein zu wissen, wie das Resultat genau aussehen wird. Das kollaborative Engagement wird aber schliesslich in den Kunstwerken deutlich erfahrbar, sie tragen die Momente der gelebten Solidarität und Teilhabe in sich.Vertiefte RechercheMarinella Senatore, bildende Künstlerin.Mazen Jannoun / zVg The Artist and Mazzoleni, London/TorinoUm die Radikalität und Konsequenz ihres Wirkens zu verstehen, muss man sich vor Augen führen: Marinella Senatore hat seit 2003 nach eigenen Angaben in über 23 Ländern und mit rund acht Millionen Menschen gearbeitet. Das klingt auf den ersten Blick nach unglaublich viel. Rechnet man aber alle Workshops, ihre Zusammenarbeit mit Schulen, Universitäten und Museen oder auch die Radioprogramme und Online-Formate, die sie angestossen hat, zusammen, wird diese Zahl plausibler. Sie habe ihr gesamtes Erwachsenenleben dem Aufbau gemeinschaftlicher Erfahrungen gewidmet und dabei Konflikte, Verletzlichkeit sowie Lernerfahrungen mit Menschen geteilt, sagt Senatore.Der Gemeinschaftsarbeit geht jeweils eine vertiefte Recherche voraus. Meist kooperiert Senatore vor Ort mit NGOs, wie etwa mit der bereits erwähnten Organisation «The Human Safety Net». In diesem Fall arbeitete sie mit von Gewalt betroffenen Frauen in Italien und Polen, viele von ihnen minderjährig. Jede einzelne Person ist wichtig, jedes Schicksal, jede Fähigkeit, die bei den Workshop-Teilnehmern geweckt wird, fliesst in das entstehende Kunstwerk ein.Ihre multidisziplinäre Arbeitsweise ist aber auch ihrem Werdegang geschuldet: Parallel zum Studium der Kunstgeschichte in Neapel, das sie mit einem PhD abschliesst, lässt sich Senatore seinerzeit am Konservatorium zur Violinistin ausbilden und ist später auch in einem professionellen Orchester tätig.Anschliessend studiert sie am Centro Sperimentale di Cinematografia in Rom und spezialisiert sich auf das Thema Fotografie und Belichtung. Während acht Jahren arbeitet sie auf Filmsets und beginnt in dieser Zeit ihre künstlerische Tätigkeit. Denn ihre wahre Leidenschaft gilt der Kunst und der radikalen Freiheit, die diese bietet. Was sie aus diesen anderen Feldern mitnimmt, ist die Bedeutung der menschlichen Zusammenarbeit, das «orchestrale» und «chorale» Element, wie sie es nennt.Diese Zusammenführung unterschiedlicher Stimmen und Praktiken macht den Kern ihres aussergewöhnlichen Œuvres aus. Die Künstlerin schafft so keine Werke für den vielkritisierten «Elfenbeinturm», es gelingt ihr vielmehr, ihre Arbeit nicht nur für ihre «Mitarbeiter», sondern auch für die Betrachter inklusiv zu gestalten. Ihre Arbeit finde hauptsächlich auf der Strasse statt, sagt sie.Das ultimative ZielDamit spielt Senatore unter anderem auf die Paraden an, die sie im öffentlichen Raum veranstaltet. 2012 schuf sie für diese Art der kollektiven Arbeit mit dem Körper das Gefäss «School of Narrative Dance» (SOND). Im Vorfeld der Paraden, die häufig in einem Kunstkontext wie etwa 2018 an der Manifesta in Palermo stattfinden, startete Senatore einen Aufruf. Gesucht wurden in erster Linie Amateure jeden Alters aus unterschiedlichen Bereichen: Musik, Gesang, Volkstanz, Akrobatik, Ballett oder andere Körperaktivitäten wie Parkour.Marinella Senatore, «We Rise by Lifting Others», Baden-Baden, 2022, © Pro Litteris.Valentin Behringer / zVg Baden-Baden Events GmbH, the Artist and Mazzoleni, London/TorinoEs geht ihr hierbei jeweils nicht um einstudierte Choreografien – sie selbst könne gar nichts von diesen Dingen, betont sie. Doch wo es Bewegung gebe, gebe es Leben. Aufgrund eigener positiver Erfahrungen arbeitet Senatore bei ihren Workshops meistens mit der Methode der somatischen Therapie, einem körperorientierten Ansatz, der auch zur Traumabewältigung eingesetzt wird. Sie verwandelt damit Wissenschaft in Kunst. Auch Ökonomen, Neurowissenschafterinnen, Soziologinnen oder Therapeuten gehören zu ihrem Netzwerk. Das ultimative Ziel bleibt indes das Erschaffen eines Kunstwerks.Im Fall der Aktionen und Paraden sind dies ephemere Kunstwerke. Aber alle ihre Arbeiten, auch jene, die Sammlerinnen und Sammler in der Galerie erwerben können, gründen auf der Kollaboration und dem Austausch mit Menschen. Dabei sieht sie sich nicht als Therapeutin. Dennoch habe sie im Verlauf der Jahre gemerkt, dass genau dies ihr Talent und der Sinn ihres Lebens sei: Energien unterschiedlicher Menschen zusammenzubringen und dafür zu sorgen, dass sie sich besser fühlen.Kollektive RitualeSenatores Arbeit sagt deshalb viel über das grundlegende Potenzial von Kunst an und für sich aus: Aufgrund ihrer Kollaborationen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten, etwa mit «Black Lives Matter» oder mit «Pussy Riot», stellt sie einen kulturübergreifenden Mangel fest, der sich schmerzhaft durch die heutige Zeit zieht: das Fehlen eines Gefühls von Zugehörigkeit. Diese Krise sei ein globales Phänomen. Das Gegengift dazu liegt in Marinella Senatores Augen in kollektiven Ritualen, in der Möglichkeit, durch sie ein neues Gefühl von Gemeinschaft zu erschaffen. Solche Rituale innerhalb des Systems der Kunst zu erschaffen, ist eine der Optionen, die zu funktionieren scheinen.Die Künstlerin legt auch besonderen Wert auf die Produktion ihrer nicht-ephemeren Werke. Einzelne Arbeiten wie Collagen oder Zeichnungen entstehen in ihrem Atelier in ihrer Wohnung in Rom. Andere Werke sind hierfür zu gross und zu komplex. Die riesigen Luminarien etwa lässt sie in Manufakturen in Apulien herstellen – dort greifen lokale Künstler und Handwerker auf einen grossen Erfahrungsschatz zurück. Kein Ort in Süditalien, an dem an Feiertagen nicht solche Leuchtskulpturen erglühen, eine Tradition, die auf die Zeit des Barocks zurückgeht. Damals begannen Machthaber damit, im öffentlichen Raum Feste für die Bevölkerung auszurichten. Die Ikonografie dieser temporären Lichtarchitekturen und festlichen Inszenierungen inspiriert heute die Arbeit Senatores.Ihre Banner sind keine Werbeträger, sondern Manifeste der Menschlichkeit.Ihre Lichtskulpturen aktivieren die Dynamik des gemeinsamen Feierns für ihre Botschaften. Sie nutzt das kollektive und archetypische Dispositiv des Fests und liest dieses als Form des Widerstands. Ihre riesigen leuchtenden Strukturen schaffen neue öffentliche Räume und werden dabei gleichzeitig zu Trägern von Parolen, die durchaus subversiven Charakter haben. «FESTA!» hiess auch die diesjährige Einzelausstellung im Mailänder Sitz von Mazzoleni, ihrer italienischen Galerie. Und diesen Titel meint sie durchaus politisch.Die Dimension widerspiegelt sich auch in ihren neusten Textilarbeiten, einer Mischform aus Banner, Zeichnung und Collage. In Senatores Fall sind die «arazzi» (Banner) keine Werbeträger, sondern eigentliche Manifeste der Menschlichkeit. Seit einiger Zeit lässt sie ihre gestickten Textilarbeiten in der Chanakya School of Craft in Mumbai produzieren. Die Organisation unterrichtet marginalisierte Frauen, gibt ihnen Arbeit und ein Auskommen – ein Leben in Würde und eine Zukunft. An den Werken der Künstlerin arbeiten jeweils zehn Menschen. Indem Senatore solche Vereinigungen unterstützt und mit ihren Formaten neue Gemeinschaften schafft, ehrt und feiert sie die Kraft des menschlichen Zusammenhalts. Und das gibt auch uns Betrachtern viel.In Aktion erlebenAm 21. August 2026 werden in St. Moritz im Rahmen des Formats «Reflection» zwei Lichtinstallationen mit einer eigens für den Ort entwickelten Parade eingeweiht. Bis am 31. Dezember 2026 richtet die Galleria Nazionale d’Arte Moderna e Contemporanea (GNAMC) in Rom Marinella Senatore eine Einzelausstellung aus. Und die Arbeiten für «The Human Safety Net» in Venedig sind bis am 22. März 2027 zu sehen.Passend zum Artikel