PfadnavigationHomePolitikAuslandG-7-GipfelTrump nicht zu provozieren, wird für die Verbündeten zur ÜberlebensfrageVon Dorothea SchupeliusStand: 07:49 UhrLesedauer: 6 MinutenG-7-Gipfel im Juni 2025 in Kananaskis, Kanada: Emmanuel Macron, Gastgeber Mark Carney, Donald Trump, Keir Starmer und Friedrich Merz (v.l.)Quelle: picture alliance/empics/Suzanne PlunkettFrüher suchte die G 7 nach gemeinsamen Antworten auf globale Krisen. Beim Gipfel in Évian steht ein anderes Ziel im Vordergrund. Die Verbündeten unternehmen alles, um einen Eklat zu verhindern. Ob das gelingt, hängt von einem unberechenbaren Faktor ab.Als die Gruppe der G 7 Mitte der 1970er-Jahre gegründet wurde, war sie Ausdruck westlichen Selbstbewusstseins. Die führenden demokratischen Industrienationen wollten in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gemeinsam handeln, internationale Regeln prägen und politische Stabilität sichern. Fast fünfzig Jahre später treffen sich die Staats- und Regierungschefs erneut in einer Welt voller Krisen. Doch die wichtigste Herausforderung des Gipfels im französischen Évian liegt diesmal nicht außerhalb der Runde, sondern in ihrem Inneren.Vom 15. bis 17. Juni kommen die Spitzenpolitiker der USA, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens, Japans und Kanadas am französischen Ufer des Genfer Sees zusammen. Auf der Tagesordnung stehen die Kriege in Europa und im Nahen Osten, die Zukunft des Welthandels, künstliche Intelligenz (KI), Rohstoffsicherheit und die Stabilität der Weltwirtschaft. Über allen Themen steht die Frage: Wie einig ist der Westen? Die Antwort deutet sich bereits in der Vorbereitung des Treffens an. Selten wurde ein G-7-Gipfel so sehr von der Sorge bestimmt, ein einzelnes Mitglied nicht zu vergrätzen. Die Diplomatie der Gastgeber jedenfalls richtet sich erkennbar bemüht an US-Präsident Donald Trump aus. Konfliktthemen werden gemieden, Formulierungen entschärft, öffentliche Konfrontationen vermieden. Auch die einst traditionelle Abschlusserklärung wird voraussichtlich entfallen.Lesen Sie auchDie USA waren immer das Schwergewicht der Gruppe, insofern mag diese Ausrichtung erst einmal nicht erstaunen. Neu ist vielmehr die Unsicherheit darüber, ob Washington noch bereit ist, die Rolle eines verlässlichen Partners zu übernehmen. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus wissen die europäischen Verbündeten, dass jede offene Meinungsverschiedenheit das Risiko eines Eklats birgt.Unvergessen sind die Bilder des G-7-Gipfels von Charlevoix 2018, als Trump seine Zustimmung zur Abschlusserklärung nachträglich auf Twitter zurückzog und die Partner öffentlich attackierte. Insofern ist es wohl nicht übertrieben, wenn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron dieses Mal in vorauseilendem Gehorsam den Golfplatz sperren lässt, um den US-Präsidenten bei Laune zu halten. Macron hat Trump außerdem zu einem Dinner im prunkvollen Schloss von Versailles bei Paris eingeladen. Die Feierlichkeiten zu Trumps 80. Geburtstag am Sonntag führten zudem dazu, dass der Gipfel um einen Tag verschoben wurde.Lesen Sie auchFolgenlos ist die mühsame Planung nicht: Früher dienten G-7-Gipfel dazu, gemeinsame Positionen zu entwickeln. Heute scheint das wichtigste Ziel der Teilnehmer darin zu bestehen, westliche Geschlossenheit zu demonstrieren – egal, wie. Trump nicht zu provozieren wird zur Überlebensfrage.Unsicherheit über US-Kurs Dabei mangelt es keineswegs an Themen, die nach klaren gemeinsamen Antworten verlangen würden. Da ist zunächst die Ukraine. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj soll am Dienstag in Évian eintreffen, ein Treffen mit Trump ist nach Angaben des Weißen Hauses geplant. Für die europäischen Staaten bleibt die Unterstützung Kiews eine zentrale sicherheitspolitische Aufgabe. Viele Verbündete sehen Kiew inzwischen in einer neuen Position der Stärke. „Hier kann sich erstmals langsam ein Fenster für Diplomatie öffnen“, sagte ein hochrangiger Regierungsvertreter der Bundesrepublik.Lesen Sie auchGleichzeitig wächst die Unsicherheit über den künftigen Kurs Washingtons. Während Europa langfristige Garantien für die Ukraine diskutiert, setzt Trump stärker auf Verhandlungen und signalisiert Offenheit für direkte Gespräche mit Moskau. Die Unterschiede sind erheblich. Offen austragen wird man sie nicht, vielmehr werden sie elegant hinter diplomatischen Formeln verborgen.Ähnlich verhält es sich im Nahen Osten. Die Spannungen mit dem Iran, die Sicherheit der Schifffahrtswege im Persischen Golf und die Gefahr einer weiteren Eskalation betreffen die Weltwirtschaft unmittelbar. Die Straße von Hormus bleibt eine der wichtigsten Energieadern der Welt, jede militärische Zuspitzung hat Folgen für Ölpreise, Inflation und globale Lieferketten.Auch hier wären gemeinsame strategische Signale wichtiger denn je. Doch die Partner wissen, dass die amerikanische Position jederzeit kurzfristig wechseln kann. Zuletzt gab es zwar Signale über eine Einigung auf die Grundzüge einer Übereinkunft über ein Kriegsende, ein Abkommen steht aber weiterhin aus. Lesen Sie auchHinzu kommen die wirtschaftlichen Konflikte. Frankreich hat die Bekämpfung globaler Ungleichgewichte und die Sicherung strategischer Lieferketten zu Schwerpunkten seiner G-7-Präsidentschaft gemacht. Dahinter steht die Sorge, dass die Industriestaaten gegenüber aufstrebenden Mächten an Einfluss verlieren. Besonders deutlich wird dies beim Umgang mit China.Obwohl Peking nicht am Gipfel teilnimmt, ist die Volksrepublik in fast jeder Debatte präsent. Es geht um industrielle Überkapazitäten, Handelsungleichgewichte, kritische Infrastruktur und den Zugang zu seltenen Erden. Die westlichen Staaten wollen ihre Abhängigkeiten reduzieren und gleichzeitig wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit sichern.Auch hier fehlt es an Geschlossenheit. Die wirtschaftlichen Spannungen zeigen sich nicht mehr nur zwischen dem Westen und China. Auch innerhalb der G 7 nehmen die Interessenkonflikte zu. Die amerikanische Zollpolitik hat gezeigt, dass selbst enge Verbündete heute zunehmend als wirtschaftliche Konkurrenten betrachtet werden. Europa spricht von Partnerschaft, Washington oft deutlich pragmatischer von Vorteilen für die eigene Industrie.Vor diesem Hintergrund erhält auch die Debatte über künstliche Intelligenz eine geopolitische Dimension. Frankreich möchte sich als europäischer KI-Standort etablieren und hat deshalb führende Vertreter der Branche nach Évian eingeladen. Mit OpenAI-Chef Sam Altman etwa wird einer der einflussreichsten Akteure der Technologiebranche erwartet. Doch auch hier unterscheiden sich die Vorstellungen: Europa setzt stärker auf Regulierung, die USA auf Innovationsfreiheit. Der Wettlauf um technologische Führungspositionen erschwert die Einigung auf gemeinsame Regeln.Bemerkenswert ist zugleich der Versuch der Gastgeber, die G 7 über ihren traditionellen Rahmen hinaus zu öffnen. Zu einigen Programmpunkten eingeladen wurden unter anderem die Staats- und Regierungschefs aus Indien, Brasilien, Ägypten und Kenia. Damit soll signalisiert werden, dass globale Probleme längst nicht mehr allein von Nordamerika, Europa und Japan gelöst werden können.Belastungsprobe für westliches BündnisEs ist zudem ein bemerkenswerter Vorgang, dass sich unmittelbar vor dem Gipfel die katholischen Bischöfe der sieben G-7-Staaten gemeinsam an die Staats- und Regierungschefs gewandt haben. In ihrem Appell fordern sie die politischen Führungen auf, sich für Frieden, Diplomatie und internationale Zusammenarbeit einzusetzen.Dass die Kirchenvertreter der Mitgliedstaaten in dieser Form öffentlich zur Verantwortung mahnen, sollte nicht überinterpretiert werden, ist aber eine neue Entwicklung. Womöglich ist der Appell mehr als nur ein allgemeiner Friedensaufruf – nämlich Ausdruck der Sorge um die Handlungsfähigkeit des Westens.Die westlichen Demokratien stehen schließlich weiterhin vor gemeinsamen Herausforderungen. Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, die Konkurrenz mit China, technologische Umbrüche, Migration, Energieversorgung und globale Sicherheitsrisiken, all diese Fragen verlangen nach koordinierter Politik. Ohne inhaltliche Auseinandersetzung kommen die Verbündeten einer Lösung nicht näher. Die Zusammenkunft am Genfer See wird daher vor allem ein Test dafür sein, ob die westlichen Industriestaaten noch als politisches Bündnis funktionieren – oder ob sie sich inzwischen darauf beschränken, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu verwalten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird das Treffen in Évian ereignis- und weitgehend ergebnislos zu Ende gehen. Dass ein erfolgreicher Gipfel mittlerweile vor allem daran gemessen wird, ob Donald Trump keinen Eklat verursacht, sagt viel über den Zustand des Westens aus.mit dpa