Kein G-7-Gipfel ohne einen besonderen Trump-Moment: Im vergangenen Jahr überraschte der amerikanische Präsident die Staats- und Regierungschefs der sieben großen Industrieländer mit seiner vorzeitigen Abreise vom Tagungsort im kanadischen Kananaskis. In diesem Jahr im französischen Évian blieb er bis zum letzten Gipfeltag, nahm an allen Sitzungen teil und genoss es sichtlich, sich für seine neue Kooperationsbereitschaft loben zu lassen.In der Nacht zu Mittwoch veröffentlichten die sieben Staats- und Regierungschefs eine in diesem Format ungewöhnliche Abschlusserklärung zur internationalen Lage, in der Trumps „starke Führung“ hervorgehoben wird. Der Durchbruch in den Iran-Verhandlungen stelle eine „historische Gelegenheit dar, Iran am Erwerb von Atomwaffen zu hindern“. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hob lobend hervor, dass es seit Beginn der zweiten Trump-Präsidentschaft das erste Mal sei, dass sich die Vereinigten Staaten zu einem gemeinsamen Kommuniqué zu geopolitischen Fragen bereit erklärt hätten.Für die französische G-7-Präsidentschaft zählt es zu den Errungenschaften des Gipfels, dass Trump sich nach zwei bilateralen Gesprächen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zur „uneingeschränkten Unterstützung“ für die Ukraine verpflichtet hat. So steht es in der Abschlusserklärung, die auch das Versprechen enthält, die Sanktionen gegenüber Russland zu verstärken. Russisches Öl und Gas sollen stärker sanktioniert, die amerikanischen Ausnahmeregeln sollen beendet werden. Die Rahmenvereinbarung mit Iran erleichtert diesen Schritt, denn bereits jetzt sinken die Ölpreise.Und Trump scherzt: „Ich bin der Boss“Trump hat der Ukraine zudem neue Luftverteidigungssysteme zugesagt, wie es auch in der Erklärung festgehalten wird. Wie ein Diplomat formulierte, sehe Trump in Selenskyj künftig einen „Gewinner“, den er unterstützen wolle. „Es war ein großartiger Gipfel, und Frankreich hat phantastische Arbeit geleistet“, sagte Trump zum Abschluss. Am Mittwochabend wollte er seinen Frankreich-Aufenthalt mit einem Galadinner im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles fortsetzen.„Alle G-7-Partner werden den Druck auf Moskau erhöhen, auch durch Sanktionen“, sagte der Bundeskanzler. Das setze einen neuen Ton, fügte er hinzu. Der G-7-Gipfel sei „sehr konstruktiv“ gewesen. Merz bestätigte, dass die Rüstungskooperation mit der Ukraine deutlich verstärkt werden solle: „Da geht es in der ⁠Tat um umfassende ‌Lizenzerteilungen auch von amerikanischen Unternehmen an europäische Hersteller.“ Er sei Trump dankbar, der ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft gezeigt habe.Als Trump am Mittwochvormittag im Hotel Royal mit einer Stunde Verspätung zur Arbeitssitzung zur Lage der Weltwirtschaft kam, schimpfte er zunächst über die schwache Klimaanlage („es ist zu heiß“) und scherzte: „Ich bin der Boss.“ Der indische Ministerpräsident Narendra Modi blickte leicht konsterniert. Indien, Brasilien, Südkorea und Kenia waren zu der Sitzung dazugeladen worden.Der Gipfel verlief im Vergleich zu früheren geradezu harmonisch. Erstmals seit Langem erlebten die Europäer einen Donald Trump, der auf ihrer Seite stand. Wie lange dieses Entgegenkommen anhält, darüber wollten weder der französische Gastgeber Emmanuel Macron noch der Bundeskanzler Merz spekulieren. Wichtig sei, dass kurz vor dem NATO-Gipfel zwischen den wichtigsten Verbündeten wieder Harmonie herrsche. Merz dankte Macron für die gute Vorarbeit, die zum Gelingen des Gipfels beigetragen habe.Debatte über China und KIDas Gesprächsthema am Mittwoch war, wie die Weltwirtschaft zu einem „ausgewogenen und nachhaltigen Wachstum“ zurückkehren könne. Das Land, an das sich diese Aufforderung richtete, saß nicht mit am Tisch: China. Im Vorfeld hatte Peking allerdings an einer Videokonferenz zu den wirtschaftlichen Ungleichgewichten teilgenommen. Merz nannte vor allem die unterbewertete chinesische Währung als Problem. Daraus resultiere ein „massiver Wettbewerbsnachteil“ für die westlichen Industrieländer, über den man sprechen müsse.Rund ein Drittel der Industrieproduktion weltweit stammt aus China. Seit Jahren wächst – mit staatlichen Subventionen gefördert – der Exportüberschuss des Landes. In Europa und den Vereinigten Staaten werden derweil in großer Zahl Industriearbeitsplätze abgebaut. Die EU-Kommission will, angetrieben vor allem durch die französische Regierung, zusätzliche Handelshürden errichten, um chinesische Importe aus Europa fernzuhalten. In Berlin ist man da zurückhaltender, drängt darauf, dass zunächst die Abhängigkeiten von China kleiner werden müssen.In der Abschlusserklärung zum Thema kritische Rohstoffe werden die G7 dazu konkret. Bis 2030 sollen maximal 60 Prozent der Importe von einem Lieferanten stammen. Der Anteil soll anschließend auf 50 Prozent sinken. Da die politischen Aufrufe zum „De-Risking“ in der Vergangenheit kaum gefruchtet haben, wächst in der Bundesregierung die Bereitschaft, den Unternehmen nun auch verpflichtende Vorgaben zu machen.Gleiches gilt für das zweite große Thema am Mittwoch auf dem G-7-Gipfel, den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Auf Einladung von Emmanuel Macron waren zwölf Vorstandsvorsitzende von KI-Unternehmen nach Évian gereist. Die Europäer wollen zweierlei erreichen: Zum einen wollen sie, dass die Vereinigten Staaten sie einbinden, wenn es um die Prüfung neuer KI-Modelle geht. „Das Potential der neuen Technologien sollte allen Ländern offenstehen“, sagte Merz.Zugleich wollen die Europäer unabhängiger von den amerikanischen Modellen werden – aber ohne die aus China nutzen zu müssen. Dass Trump am vergangenen Wochenende eine Exportsperre für zwei Modelle des Anbieters Anthropic verhängt hat, wurde in Europa als Weckruf hin zu mehr Eigenständigkeit verstanden.