PfadnavigationHomePolitikAuslandG-7-Gipfel„Macron weiß, dass man Trump wie ein launisches Kleinkind behandeln muss“Stand: 07:24 UhrLesedauer: 6 MinutenFester Händedruck: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (l.) und US-Präsident Donald Trump im Oktober 2025 im ägyptischen Sharm El SheikhQuelle: AP/Yoan ValatTrump und der Iran-Krieg werden den G-7-Gipfel in Frankreich dominieren. Doch Europa sei keineswegs ein machtloser Akteur, sagt der Außenpolitik-Experte Dominique Moïsi im Interview. Die Verbündeten hätten sich einen Vorteil erarbeitet.Am Montagabend kommen die Vertreter der sieben großen Industrienationen zwei Tage lang zum G-7-Gipfel im französischen Alpenort Évian zusammen. Fünf weitere Nationen, darunter Indien und Ägypten, sind als Gäste dabei. Die Franzosen hoffen, dort den Geist von Rambouillet wiederzubeleben, wo vor über 50 Jahren das Treffen der großen Industrienationen initiiert wurde. Damals standen Konfliktverhütung und Freihandel auf der Agenda. In Évian wird es vor allem darum gehen, wie man Kriege beendet, deren Auswirkungen die Weltwirtschaft schwer beeinträchtigen, und wie man den US-Präsidenten Donald Trump bei Laune hält, sagt der französische Außenpolitik-Experte Dominique Moïsi. WELT: Monsieur Moïsi, hat das Format der sieben reichsten Industrienationen noch irgendeinen politischen Einfluss angesichts der großen Krisen der Welt?Dominique Moïsi: Das Grundproblem heute ist, dass es einerseits die Amerikaner gibt und dann den Rest. Vorher war es ein G8, bis man Russland hinausgeworfen hat. Heute müssten wir eigentlich von einem „G-6-Plus“ sprechen: sechs Nationen plus die Amerikaner. Oder, noch kritischer formuliert, von einem „G-6-Minus“, weil die USA zum Hindernis geworden sind. Was die Ukraine betrifft, hat Europa die USA ersetzt. Es hat eine Übergabe des Staffelstabes gegeben. Die Ukraine wird heute vor allem von den Europäern unterstützt. Kanada war noch nie so europäisch wie heute. Dasselbe gilt für Japan. Wir wohnen somit einer Form der Europäisierung bei.WELT: Von „Europäisierung“ kann man in Nahost nicht sprechen.Lesen Sie auchMoïsi: Richtig. Dort ist die Lage eine völlig andere. Europa hat dort weder die Mittel noch den Willen, die Amerikaner zu ersetzen. Es zahlt aber für das amerikanisch-israelische Abenteuer und will versuchen, den Preis dafür möglichst gering zu halten. Und während wir in der Ukraine Akteure geworden sind, bleiben wir machtlose Zuschauer des Konflikts in Nahost.Lesen Sie auchWELT: Wie Wladimir Putin ist auch Donald Trump durch den Krieg, den er im Iran begonnen hat, innen- wie außenpolitisch geschwächt. Welchen Schluss ziehen Sie daraus?Moïsi: Es drängt sich in der Tat ein Vergleich auf: Putin in der Ukraine, Trump im Iran. In beiden Fällen handelt es sich um eine Überschätzung der Fähigkeiten des „Aggressors“ – ich benutze bewusst Anführungsstriche – und um eine Unterschätzung der Widerstandskraft derjenigen, die angegriffen wurden. In der Kunst der Kriegsführung hat eine Revolution stattgefunden. Durch den Einsatz von Drohnen als zentrales Mittel der Kriegsführung ist die Idee eines schnellen Krieges, wie ihn sich Putin in der Ukraine, Trump und Benjamin Netanjahu im Iran ausgemalt haben, obsolet geworden. Auch wenn die Großmächte diese Revolution verinnerlicht haben und ebenfalls Drohnen einsetzen, sorgt diese Art der Waffe auf dem realen Kriegsschauplatz dafür, dass der Abstand zwischen dem Starken und dem Schwachen zusammenschmilzt. Deshalb erleben wir derzeit ein weiteres trauriges Abenteuer Amerikas im Nahen Osten. Es ist das genaue Gegenteil dessen, was Trump sich erhofft hatte: Befeuert durch seinen Triumph in Venezuela und gedrängt von Netanjahu hatte er sich eingebildet, das Ganze schnell über die Bühne zu bringen und als 47. Präsident der Vereinigten Staaten in die Geschichte einzugehen, der das Mullah-Regime nach 47 Jahren beendet hat. Das ist so nicht eingetroffen, und die Weltwirtschaft bezahlt den Preis für diese Fehleinschätzung.WELT: Der französische Präsident versucht in Évian, das G-7-Format zu erweitern. Er hat Indien, Brasilien, Kenia, Südkorea und Ägypten eingeladen. Kann diese Erweiterung den Multilateralismus wiederbeleben?Moïsi: Es handelt sich jedenfalls um den Versuch, die Welt neu zu erfinden, nicht ohne Amerika, aber über Amerika hinaus. Die USA waren 80 Jahre lang der Kern des internationalen Systems. Sie waren das Aushängeschild des Multilateralismus. Sie verkörperten das Prinzip der Ordnung, während sie in der Trump-Ära für das Chaos stehen, ja, sie sind zu Akteuren des Chaos geworden. Je zahlreicher wir sind, desto leichter könnte es werden, ihr Fehlen auszugleichen. Wir können nicht auf die Amerikaner verzichten, aber wir können nicht mehr auf sie zählen.WELT: Was könnte ein realistisches Ergebnis dieses Gipfels sein?Moïsi: Wichtig ist, dass die Europäer geschlossen auftreten. Trump hat seit 2016 versucht, sie zu spalten. Es gab für ihn die guten Europäer des Typs Giorgia Meloni und die schlechten wie Macron. Mit dieser Strategie ist er gescheitert, weil er zu weit gegangen ist und heute isoliert dasteht. Er ist im eigenen Land zunehmend unbeliebt, und die Europäer sind alle auf Distanz gegangen. Anstatt die Europäer zu spalten, hat er sie vereint. Europa hat dank Trump die Phase der Pubertät hinter sich gelassen und ist erwachsen geworden. Er kann sich dazu beglückwünschen, dass sie mehr für ihre eigene Sicherheit bezahlen, aber der politische Preis dieses Fortschritts für die USA sollte Trump zu denken geben.Lesen Sie auchWELT: Welchen Preis meinen Sie?Moïsi: Aus den USA, dem Inbegriff der Freiheit, ist ein Land geworden, das Intoleranz und Rassismus propagiert. Besonders deutlich wurde das am 6. Juni bei der Feier zum 82. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie, als Trumps Kriegsminister Pete Hegseth nicht den Triumph der Freiheit über den Nationalsozialismus gefeiert hat, wie das Joe Biden am 80. Jahrestag getan hatte, sondern den Landungsstrand zum Ort des Bevölkerungsaustausches erklärt und die Invasion durch Migranten konstatiert hat. Zeitgleich mit seiner Rede kam es in Belfast zu schweren Ausschreitungen gegen Migranten und die Einwanderungspolitik der Regierung (Auslöser war die Veröffentlichung eines Videos eines brutalen Messerangriffs, wegen dessen ein Flüchtling aus dem Sudan wegen versuchten Mordes angeklagt wurde, d. Red.).WELT: Wenn man sich in Europa umschaut, haben wir es in allen großen Ländern mit geschwächten und krisengeschüttelten Staatschefs zu tun. Ist Europa vereint, aber schwach?Moïsi: Es stimmt, dass Friedrich Merz wackelt, auch Keir Starmer. Macron ist halb weg, Meloni ist geschwächt, Pedro Sánchez steht unter Korruptionsverdacht. Aber geopolitisch ist Europa heute vereinter, als es das in der ersten Amtszeit von Trump war. Putin hat die Europäer zu einem geopolitischen Entwicklungsschub gezwungen, in einem Augenblick, als die USA sich selbst schwächten. Im Großen und Ganzen gelingt es den Europäern, in ihrer Schwäche Einheit zu zeigen und den Krisen mit Rationalität zu begegnen.Lesen Sie auchWELT: Macron hat Putin und Trump immer den roten Teppich ausgerollt. Putin war zum Abendessen im Schloss von Versailles, jetzt könnte Trump dort dinieren. Sogar das Datum des G-7-Gipfels wurde verschoben, damit der US-Präsident seinen 80. Geburtstag feiern kann. Was ist die Diplomatie der Schmeichelei angesichts der Unberechenbarkeit Trumps wert?Moïsi: Macron konnte damit nur scheitern. Aber er ist von einer Form des Narzissmus befallen und bildete sich anfangs ein, er könne jeden für sich einnehmen, egal ob Putin oder Trump. Er hielt seine Intelligenz, seine Kultur, sein Einfühlungsvermögen und seine kumpelhafte Art für unwiderstehlich. Aber er hat dazugelernt und ist realistisch. Er weiß, dass man Trump wie ein launisches Kleinkind behandeln muss, ohne Gegenleistung zu erwarten. Man respektiert seinen Geburtstag, vielleicht serviert man ihm einen großen Kuchen in Évian, man hält ihn bei Laune, aber man darf nichts erwarten. Es geht nur darum, Krisen zu vermeiden und ihm keinen Vorwand zu geben, verärgert abzureisen.Dieses Interview ist eine Kooperation der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA).Martina Meister berichtet im Auftrag von WELT seit 2015 als freie Korrespondentin in Paris über die französische Politik.
G-7-Gipfel: „Macron weiß, dass man Trump wie ein launisches Kleinkind behandeln muss“ - WELT
Trump und der Iran-Krieg werden den G-7-Gipfel in Frankreich dominieren. Doch Europa sei keineswegs ein machtloser Akteur, sagt der Außenpolitik-Experte Dominique Moïsi im Interview. Die Verbündeten hätten sich einen Vorteil erarbeitet.













