Der französische Präsident empfängt die G-7 in Évian zu seinem letzten grossen internationalen Gipfel. Noch einmal will er für seine Vision einer regelbasierten Weltordnung werben. Doch der Krieg mit Iran und Trumps Unberechenbarkeit überschatten die Agenda.15.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer französische Präsident Emmanuel Macron an einer Pressekonferenz mit dem kanadischen Premierminister Mark Carney im Vorfeld des G-7-Gipfels.Emma Da Silva / Pool / EPAMehr als zwanzig Jahre nach dem G-8-Gipfel von Évian kehren die Staats- und Regierungschefs der führenden westlichen Industriestaaten an den Genfersee zurück. Von Montag bis Mittwoch empfängt Emmanuel Macron die G-7 in dem Kurort am französischen Ufer des Lac Léman. Für den französischen Präsidenten ist es der letzte grosse internationale Gipfel seiner Amtszeit und damit eine der letzten Gelegenheiten, jene aussenpolitischen Vorstellungen zu verteidigen, die seine Präsidentschaft seit 2017 geprägt haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Sicherheitsvorkehrungen sind massiv. Rund 16 000 Polizisten, Gendarmen und Soldaten werden auf französischer Seite mobilisiert. Die Schweiz stellt zusätzlich rund 4000 Soldaten bereit. Über Évian entsteht eine Luftsicherheitszone, die von Kampfjets und Helikoptern geschützt wird. Entlang der französisch-schweizerischen Grenze gelten verschärfte Kontrollen. Unvergessen ist in der Region der G-8-Gipfel von 2003 (damals noch mit Russland), als es vor allem in der Schweiz zu schweren Ausschreitungen kam.Eine Lanze für den MultilateralismusDie französische Präsidentschaft will den Gipfel nutzen, um über die globalen Handelsungleichgewichte zu sprechen. Macron warnt seit Monaten vor einer Entwicklung, bei der China dank massiver staatlicher Unterstützung immer grössere Exportüberschüsse erzielt und Europa bei Investitionen und Produktivität hinterherhinkt. Vor Beginn des Gipfels organisierte er deshalb eine Videokonferenz mit den G-7-Ländern, China, dem Internationalen Währungsfonds und mehreren Schwellenländern, um über Wege zu einem ausgewogeneren Wachstum zu beraten; in Évian soll dieser Dialog fortgesetzt werden.Auf der Tagesordnung stehen darüber hinaus die Regulierung künstlicher Intelligenz und der Schutz von Kindern im Internet. Dazu hat Frankreich mehrere führende Vertreter der Technologiebranche eingeladen, unter ihnen Sam Altman, CEO von Open AI, und den französischen Mistral-Gründer Arthur Mensch. Und schliesslich soll in Évian auch noch über die Bekämpfung des internationalen Drogenhandels und anderer grenzüberschreitender krimineller Netzwerke beraten werden.Überschattet werden die Gespräche allerdings vom Krieg zwischen den USA, Israel und Iran. Der amerikanische Präsident Donald Trump sorgte am Wochenende für Aufregung, als er ankündigte, ein Abkommen mit Teheran könne bereits am Sonntag unterzeichnet werden. Dann werde sich auch die Lage in der Strasse von Hormuz entspannen. Vom iranischen Regime wurde dieser Zeitplan allerdings umgehend infrage gestellt. Europäer, Kanadier und Japaner drängen seit Wochen auf eine vollständige Wiederöffnung der Schifffahrtsroute, deren Behinderung die Energiepreise erhöht und die Weltwirtschaft belastet.Lange Zeit war ungewiss, ob Trump überhaupt nach Évian kommen würde. Macron hat während seiner Amtszeit stets versucht, auf einen direkten Draht zum amerikanischen Präsidenten zu setzen. Dass Trump nun anreisen und nach dem G-7-Treffen mit Macron in Versailles gemeinsam den 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit feiern will, wird in Paris als Erfolg gewertet. Schloss Versailles sei eine Hochburg der französisch-amerikanischen Freundschaft, heisst es in einer Erklärung des Élysée-Palasts. Unterzeichnet wurde dort 1783 der Vertrag, der die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten besiegelte.Für Macron ist der Gipfel auch von persönlicher Bedeutung. Kaum ein europäischer Staatschef hat seine Amtszeit so stark über die Aussenpolitik definiert. Seit seiner Sorbonne-Rede von 2017 warb der frühere Investmentbanker für eine stärkere Rolle Europas in einer Welt zunehmender Grossmachtrivalität. Schlagwörter wie «strategische Autonomie» und «europäische Souveränität» wurden zu Leitmotiven. Dahinter steht die Vorstellung eines Kontinents, der sicherheitspolitisch unabhängiger von den USA und selbstbewusster auch gegenüber China auftreten würde. Macron machte nie ein Hehl daraus, dass Frankreich in diesem Prozess die Führungsrolle spielen soll.Gleichzeitig verstand sich der französische Präsident stets als Verteidiger des Multilateralismus. Während Trump internationale Institutionen offen infrage stellte, warb Macron für mehr zwischenstaatliche Zusammenarbeit beim Klimaschutz, bei der Regulierung künstlicher Intelligenz oder beim Welthandel. Die ausdrückliche Einbindung von Schwellenländern gehört zu diesem Ansatz. Deshalb hat Frankreich neben den G-7-Staaten auch Vertreter aus Indien, Brasilien, Kenya und Südkorea an den Genfersee geladen.Macrons Bilanz ist magerGemessen an seinen Ambitionen fällt die Bilanz von Macrons Aussenpolitik allerdings ernüchternd aus. Die strategische Autonomie ist weitgehend ein Projekt auf dem Papier geblieben. Militärisch bleibt Europa auf die Vereinigten Staaten, wirtschaftlich in vielen Bereichen auf China angewiesen.Besonders symbolträchtig ist das Ende des deutsch-französisch-spanischen Kampfjetprojekts FCAS, das vor wenigen Tagen verkündet wurde. Das Vorhaben galt als Aushängeschild einer eigenständigen europäischen Verteidigungsindustrie. Bewusst hatten Macron und die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den Vertrag zu dem Projekt kurz vor Trumps Antrittsbesuch in Paris 2017 unterzeichnet. Dass es am Ende an den divergierenden nationalen Interessen und dem Dauerstreit zwischen den Herstellern Dassault und Airbus scheiterte, dürfte den französischen Präsidenten besonders wurmen.Hinter den Kulissen ist zu hören, dass die Erwartungen an den Gipfel eher gering sind. Eine gemeinsame Abschlusserklärung gilt als unwahrscheinlich. Zu gross sind die Differenzen innerhalb der G-7 im Umgang mit Iran, der Ukraine und dem Welthandel. Realistischer ist, dass es den Staats- und Regierungschefs gelingt, in weniger umstrittenen Bereichen wie der Regulierung künstlicher Intelligenz oder der Bekämpfung globaler Drogennetzwerke gemeinsame Positionen zu formulieren.Wie weit der Gipfel darüber hinausgeht, hängt nicht zuletzt von Donald Trump ab, dessen Auftritte bei internationalen Treffen stets schwer vorhersehbar sind. Macron dürfte schon zufrieden sein, wenn Évian ohne offenen Eklat endet.Passend zum Artikel
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