Waren es wirklich die Italiener, die den Autokorso auf deutsche Straßen gebracht haben? Oft wird in der Rückschau vermutet, dass deren Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1982, im Endspiel ausgerechnet gegen Deutschland, im wahrsten Sinne des Wortes die Initialzündung für das KfZ-Vergnügen war, das gehupte Startsignal, um in der Sprache von Autoteilen und Zubehör zu bleiben.Italiener feierten nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft ausgelassen auf deutschen Straßen; eine gewisse Häme gegenüber den deutschen Mitbürgern war dabei natürlich mit im Spiel. Während die Deutschen als liebgewonnene Gewohnheit der siebziger Jahre noch Polonaisen bildeten, kamen die Italiener hupend im Korso um die Ecke gefahren. Erst viele Jahre später wusste sich der Anhang der deutschen Nationalelf einmal zu revanchieren – mit der Bestellung von „Pizza Endstazione“ oder ebenfalls einem Korso, der gerne auch mal am Lieblingsitaliener vorbeiführte.Endstation war für die große Fußball- und Autokorsonation in diesem Jahr zum wiederholten Male bereits vor Anpfiff der Weltmeisterschaft nach dem Scheitern in der Qualifikation, weshalb deutschen Straßen zumindest schon mal eine feierwütige Gruppierung erspart bleibt. Und dennoch wird die Weltmeisterschaft den Gemeinsinn noch zur Genüge herausfordern. Da die Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA ausgetragen wird, fallen durch die Zeitverschiebung zwischen den Kontinenten gut die Hälfte der Spiele in die europäische Nacht.Kroaten, Marokkanern und Türken müssen die Nacht zum Tag machenDie deutsche Nationalmannschaft startet am Sonntag zwar um 19 Uhr gegen Curaçao in das Turnier und wird die weiteren Vorrundenspiele um 22 Uhr bestreiten und somit zu noch recht günstigen Zeiten. Eine Sonderreglung des Bundes, die in Hessen im Namen der Landesregierung passenderweise Heimatminister Ingmar Jung (CDU) ausdrücklich gelobt hat, verschafft Gastronomen Planungssicherheit, dass sie bis Mitternacht ohne eigene Anträge oder zusätzliche Gebühren Fußball auch im Außenbereich zeigen dürfen.Fans der Teams etwa aus Kroatien, Marokko und der Türkei, drei der größten Gruppen mit Migrationshintergrund in Deutschland, bringt das nichts: Sie müssen sich zu ungemütlicheren Zeiten vor den Fernsehapparat setzen, wenn sie die Spiele ihrer Lieblingself live verfolgen wollen. Der Anpfiff für die Spiele der marokkanischen Nationalmannschaft ertönt wie in der Nacht zum Sonntag im Auftaktspiel gegen Brasilien jeweils um Mitternacht. Die Türken beginnen jeweils im Morgengrauen, zunächst am Sonntag um sechs Uhr gegen Australien, es folgen Anstoßzeiten um fünf und vier Uhr. Die Kroaten müssen im Turnierverlauf beispielsweise mit einem Spielbeginn um ein Uhr in der Nacht zurechtkommen.Sollten diese Teams gewinnen, dürfte sich die deutsche Angst vor Autokorsos als berechtigt erweisen. Da können Polizei, Ordnungsämter und Verkehrsbehörden noch so sehr auf die bestehenden Verkehrsregeln verweisen: Das beliebte Ventil für die eigenen Emotionen werden die Fans allein aufgrund der nächtlichen Uhrzeiten nicht gänzlich verschlossen halten.Polizei wird Autokorsos nicht verhindernDer Blick in die Straßenverkehrsordnung mag bei einer schnellen Lektüre Hoffnung wecken auf Sanktionen. Paragraph 30 formuliert schließlich bereits im ersten Satz vermeintlich strikte Grenzen: „Bei der Benutzung von Fahrzeugen sind unnötiger Lärm und vermeidbare Abgasbelästigungen verboten. Unnützes Hin- und Herfahren ist innerhalb geschlossener Ortschaften verboten, wenn andere dadurch belästigt werden.“Die Frankfurter Polizei räumt auf Nachfrage aber ein, dass sie die Lage „situationsbezogen“ bewerten und gegebenenfalls präventiv tätig sein werde, um extreme Ausschweifungen zu verhindern. Ein Unterbinden jeglicher Autokorsos wäre hingegen schlicht unmöglich und realitätsfern, allein in Frankfurt leben nach Angaben der Stadt rund 45.000 Menschen mit türkischen Wurzeln, eine marokkanische oder kroatische Herkunft weisen jeweils mehr als 20.000 Frankfurter auf.Die Weltmeisterschaft fällt dabei in eine Zeit, in der vermehrt über Autokorsos beispielsweise bei großen türkischen Hochzeiten debattiert wird. Immer wieder gibt es Meldungen über Blockaden von Autobahnen, die durch solche Korsos mit vielen Dutzenden von Fahrzeugen verursacht werden. Gelegentlich ist sogar die Verkehrssicherheit massiv gefährdet.Man muss auch gönnen könnenFür die WM ist entsprechend auf ein Mindestmaß an Vernunft zu hoffen. Als Faustregel sollte gelten: Ein bisschen Autokorso verschafft der jeweiligen Community Sichtbarkeit, gibt Anlass, sich für Mitbürger mit Wurzeln in den jeweiligen Ländern mitzufreuen. Gemeinschaft gerade in Städten besteht naturgegeben aus einem Geben und Nehmen. Der Innenstadtbewohner nimmt sich die Infrastruktur von Plätzen über Geschäfte, Nahverkehrsanbindung bis hin zu Schwimmbädern. Dafür tritt er einen Teil seines Ruhebedürfnisses an die Mitmenschen ab, die dieselbe Infrastruktur in einem anderen Rhythmus und auf andere Weise nutzen. Man muss eben auch gönnen können. Übertriebene nächtliche Lärmverursachung bis hin zur Gefährdung der Verkehrssicherheit sollte jedoch unterbunden werden.In der Nacht von Samstag auf Sonntag wird das jene nur wenig trösten, die im Falle eines marokkanischen Siegs gegen Brasilien gegen zwei Uhr von Hupkonzerten der marokkanischen Community aus dem Traum gerissen werden, ehe sie sich morgens um acht Uhr womöglich von siegestrunkenen Türken abermals gestört fühlen. Diese Nacht könnte ein Stresstest für die WM-Begeisterung vieler Deutscher werden. Bei weiteren Spielen dieser Teams, aber auch bei den ebenfalls nächtlich agierenden Kroaten stehen weitere Härteproben bevor.Beruhigend mag da eine Umfrage von Vergleich.org wirken: Demzufolge wollen nur wenige die WM außer Haus verfolgen. Nur sechs Prozent der Befragten planen bislang Public Viewings ein, vier Prozent wollen die Fußballspiele am liebsten in einer Kneipe oder Bar verfolgen. Diese Werte können sich freilich schnell ändern: Vermutlich würden dafür ein torreicher Turnierauftakt des deutschen Teams oder auch der Lieblingsmannschaften der großen Migrantengruppen reichen. Und wenn es für das eigene Team gut läuft, lassen sich die Jubelfeiern der jeweils anderen ganz gewiss auch besser ertragen.