KommentarDie Bevölkerung stärkt der Armee nur überraschend knapp den RückenDie Schweiz sagt mit 53 Prozent Ja zum erschwerten Wechsel vom Militär- in den Zivildienst. Das Resultat sollte eine Warnung sein für Parlament, Bundesrat – und für die Armee.14.06.2026, 16.37 Uhr3 LeseminutenDie sechs neuen Hürden erschweren insbesondere den späten Wechsel von der Armee in den Zivildienst.Christian Beutler / KeystoneDas Rennen galt als offen, obwohl Parlament und Bundesrat sich klar für die Vorlage ausgesprochen hatten. Am Abstimmungssonntag herrschte dann relativ schnell Klarheit: Die Schweiz nimmt die sechs neuen Hürden für Armeeabgänger überraschend knapp an. Wer künftig vom Militär in den Zivildienst wechselt, muss unter anderem mindestens 150 Tage als Zivi leisten. Mediziner können weiterhin wechseln, müssen den Zivildienst aber fachfremd absolvieren. Und der Einsatz wird zur jährlichen Pflicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Reform soll eine Fluchtbewegung stoppen. Letztes Jahr wählten 7211 Männer den Ersatzdienst – ein Rekord. Was die Armee besonders schmerzt: Vierzig Prozent wechseln erst während der Rekrutenschule, ein Drittel gar nach absolvierter Grundausbildung. In diese ausgebildeten Soldaten hat die Armee bereits viel Zeit investiert – doch sie könnten im Ernstfall nicht mehr aufgeboten werden. Die sechs neuen Hürden erschweren insbesondere diese späten Abgänge – oder sie sollen sie gar verhindern. Ob die Rechnung aufgehen wird, ist allerdings fraglich. Eine Studie von 2024 hat gezeigt: Selbst deutlich höhere Hürden schrecken viele Männer nicht davon ab, den Dienst an der Waffe zu quittieren.Natürlich hatten die Gegner im Vorfeld den Untergang beschworen: Die Hürden seien Schikane, der Zivildienst werde damit massiv geschwächt. Das knappe Resultat zeigt nun, dass der Alarmismus verfing. Es beweist aber auch, wie unentbehrlich die Institution Zivildienst aus Sicht vieler inzwischen ist. Zivis werden gebraucht – in Heimen, Spitälern, bei Bergbauern. Dort erfüllen sie ihren Zweck. Doch wenn Zivis in den PR-Büros von NGO mitarbeiten, hat das mit dem eigentlichen Auftrag nichts mehr zu tun. Selbst das zuständige Bundesamt räumte unlängst ein: Es gebe Handlungsbedarf bezüglich Arbeitsmarktneutralität bei gewissen Zivi-Stellen.Das Abstimmungsresultat ist aber vor allem auch ein Misstrauensvotum gegenüber der Armee. Viele Menschen sorgen sich offenbar weniger um fehlende Soldaten als um zu wenige Zivildienstleistende. Das muss die Armeespitze beunruhigen. Sie hat im Gegensatz zum Zivildienst einen Verfassungsauftrag: Sie muss das Land und seine Bevölkerung verteidigen und die zivilen Behörden bei schwerwiegenden Bedrohungen und Notlagen unterstützen. In einer Zeit, in der die Sicherheitslage erodiert, ist dieser Auftrag wichtiger denn je. Der Bundesrat warnte kürzlich, dass Russland bereits heute einen verdeckten Konflikt gegen den Westen führe. Auch die Schweiz sei verwundbar.Dass der ewige Frieden bald wieder ausgerufen wird, scheint daher unwahrscheinlich. Umso schwerer wiegt die Frage nach der Vorbereitung für den Ernstfall. Das Rezept ist eigentlich simpel: Sicherheit braucht Material – aber vor allem auch Menschen. Das Parlament will deshalb Zivildienst und Zivilschutz zu einer Katastrophenhilfe verschmelzen. Der Plan leuchtet ein. Eine gemeinsame Grundausbildung, etwa in der Sanität, würde die Dienstpflichtigen bestmöglich vorbereiten. Vor allem aber würden die Zivis damit Teil des Schweizer Sicherheitsverbunds. Bisher sind sie dort eine Leerstelle: Im Krisenfall lassen sie sich nur tröpfchenweise aufbieten, nie im Verbund. Dabei sind 60 000 Zivis eine Grösse, die bei einem Unglück den Unterschied machen kann.Die Armee sollte der knappe Sieg alarmieren. Sie muss den Dienst endlich moderner gestalten. Das geht. Schluss mit Leerläufen und den berüchtigten «grünen Ferien». Lieber weniger Diensttage pro Jahr, dafür nützliche. Denn der Abstimmungssonntag war nur das Vorgeplänkel für den eigentlichen Kraftakt: die zusätzlichen Milliarden für die Nachrüstung. Läuft es bei der Finanzierung wie vom Bundesrat vorgeschlagen auf eine höhere Mehrwertsteuer hinaus, entscheidet das Volk an der Urne. Die beste Überzeugungsarbeit dafür leisten dann nicht die Social-Media-Videos auf den Armeekanälen, sondern der Alltag im Dienst. Die Armee kann hier den grössten Beitrag leisten – indem sie ihre eigenen Soldaten vom Sinn des Dienstes überzeugt.Passend zum Artikel