Interview«Soldaten leisten einen viel grösseren Einsatz als Zivis» – «Der Begriff ‹grüne Ferien› kommt nicht von ungefähr»Bei einem Ja zum geänderten Zivildienstgesetz werde es viel mehr Doppeluntaugliche geben, sagt der GLP-Nationalrat Patrick Hässig. Michael Götte von der SVP hält dagegen: «Das Militär ist kein Wunschprogramm.»29.05.2026, 05.31 Uhr11 LeseminutenZwei Fans der Armee: Patrick Hässig (GLP) und Michael Götte (SVP). Nun streiten sie im grossen NZZ-Gespräch über höhere Hürden für den Wechsel in den Zivildienst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Abstimmungskampf um das Zivildienstgesetz regiert der Alarmismus. Geht es nach den Scharfmachern, droht bei einem Ja das sofortige Ende des Zivildienstes – und bei einem Nein der Kollaps der Armee, weil junge Schweizer sich angeblich nur noch für «Schoggi-Jobs» begeistern können. Faktisch geht es um sechs Massnahmen, die hauptsächlich den Wechsel von Armeeangehörigen in den Zivildienst erschweren sollen.Die sechs geplanten MassnahmenUnabhängig von den bereits geleisteten Militärdiensttagen sollen im Zivildienst in jedem Fall mindestens 150 Diensttage erbracht werden.Für Unteroffiziere und Offiziere soll der Umrechnungsfaktor von derzeit 1,1 auf 1,5 erhöht werden.Wer ein begonnenes oder abgeschlossenes Studium der Human-, Zahn- oder Veterinärmedizin hat, soll keine Zivildiensteinsätze mehr in diesen Fachbereichen leisten dürfen.Armeeangehörige ohne verbleibende Diensttage sollen nicht mehr zum Zivildienst zugelassen werden. Heute können sie so der Schiesspflicht entgehen und werden weder für Assistenz- noch für Aktivdienst aufgeboten.Zugelassene sollen künftig jährlich Einsätze leisten müssen.Wer das Gesuch während der Rekrutenschule stellt, muss den sogenannten «langen Einsatz» von 180 Tagen spätestens im darauffolgenden Kalenderjahr abschliessen. Heute beträgt die Frist drei Jahre.Konsequenzen hätten diese natürlich auch – und zwar schwerwiegende, wie der GLP-Nationalrat Patrick Hässig im Streitgespräch mit dem SVP-Nationalrat Michael Götte skizziert. Hässig ist jedoch kein Armeeverächter, er hat selbst Militärdienst geleistet, «und das sehr gerne», in der Militärmusik. Nach dem ersten Wiederholungskurs (WK) als Unteroffizier machte er jedoch Karriere beim Radio und im Fernsehen. Jedes Jahr einen Monat zu fehlen: «Das konnte ich mir dabei nicht leisten.» Er verschob seine WK – immer und immer wieder. Da er seinen Dienst aber habe leisten wollen, ging er mit 30 in den Zivildienst – und fand in der Pflege nicht nur «sinnstiftende Arbeit», sondern sogar seinen späteren Beruf.Heute ist Hässig im Zürcher Triemlispital als Pflegefachmann auf dem Kindernotfall beschäftigt – und sein später Wechsel in den Zivildienst bietet auch Angriffsfläche für die Befürworter des neuen Zivildienstgesetzes. Etwa für den SVP-Nationalrat Michael Götte. Dieser wollte Militär machen, «das gehört sich», und rückte nur ein Wochenende nach seinem Lehrabschluss bereits ein. Für ihn war klar, dass er eine körperlich anspruchsvolle Funktion ausüben will. Ob in der Infanterie oder den Panzertruppen, entschied ein Fünfliber-Wurf, weil sich Götte nicht selbst entscheiden konnte. Schliesslich wurde er Panzergrenadier, machte weiter bis zum Offiziersgrad Oberst und leistet heute noch Dienst in einer Stabsfunktion. Dass Männer, die im Militär waren, danach in den Zivildienst wechseln: für ihn ein Unding.Herr Götte, was stört Sie am militärischen Werdegang von Patrick Hässig?Götte: Das Militär ist kein Wunschprogramm. In der Verfassung steht, dass es für Schweizer verpflichtend ist. Für jene, die einen Gewissenskonflikt haben, wurde der Zivildienst geschaffen. Das finde ich okay – für vielleicht 2500 Menschen. So viele Zivis hatten wir 2009, bevor die Gewissensprüfung abgeschafft wurde. Zivis leisten gute, wertvolle Arbeit, aber es gibt heute einfach zu viele. 7200! Davon haben viele mit der Rekrutenschule begonnen. Das ist doch ein Witz. Gesunde, junge Männer wie Patrick Hässig gehören in die Armee. Bis zum Schluss.Hätte Herr Hässig also von Beginn an Zivildienst leisten sollen – damit er nicht zu einem «Spätwechsler» wird, die Sie so stören?Götte: Wenn der geschätzte Patrick Hässig einen Gewissenskonflikt dabei gehabt hätte, dem Verfassungsauftrag nachzukommen: Dann hätte ich Verständnis gehabt.Hässig: Heute leisten aus verschiedenen Gründen ein paar mehr Männer ihren Zivildienst. Aber von einer Explosion, wie du das darstellst, kann keine Rede sein. Jetzt hatten wir mal ein Jahr, in dem 200 mehr in den Zivildienst wechselten. Also bitte . . .Götte: Patrick, 2025 waren es 7211 Zivis, die neu begonnen haben! Insgesamt sprechen wir von derzeit 60 000 Zivildienstleistenden. Das ist eine Explosion. Und du hattest ja auch keine Gewissensbisse.Hässig: Ich würde deine Argumentation verstehen, wenn das Militär einen Unterbestand hätte. Wir haben aber zu viele Soldaten: 140 000 müssten es sein, das hat die Politik so bestimmt. Heute haben wir jedoch 147 000. Mir ist es lieber, wenn junge Männer einen Dienst leisten – egal welchen! – anstatt gar keinen. Und diese Vorlage ist ein Steilpass für massiv mehr «blaue Wege», also Doppeluntaugliche.Götte: Über die Tauglichkeit entscheiden die Armeeärzte. Die Kriterien sind definiert, es gibt nicht einfach eine Wahlfreiheit. Schon gar nicht angesichts der geopolitischen Lage. Wir haben dreissig Jahre hinter uns, in denen wir glaubten, der ewige Frieden sei ausgebrochen. Mit den Kriegen in der Ukraine und in Iran hat sich das Bewusstsein aber verändert. Von Gewissensbissen hört man kaum bei den Jungen. Entweder sie haben Lust auf die Armee – dann gehen sie. Oder es stinkt ihnen – dann machen sie Zivildienst. Dieses «Kä Luscht»-Prinzip halte ich für gefährlich. Und es ist gegen die Verfassung.Hässig: Ich bin überzeugt, dass mein Weg der richtige für das Land und für mich gewesen ist. Leider zeigt das bürgerlich dominierte Parlament Gelüste, die Gewissensprüfung wieder einzuführen. Das wäre eine Katastrophe.Warum?Hässig: Ein Zivildienstleistender leistet 365 Diensttage, ein Armeedienstleistender 245. Die anderthalbfache Länge ist ein ausreichender Tatbeweis. Junge Männer wieder vor ein «Militärtribunal» zu schicken, das möchte ich nicht.Götte: Auf diese Aussage war ich vorbereitet, lieber Patrick: Hier ist das Pflichtenheft des Zivildienstleistenden in meiner Gemeinde. 6 Monate Dienst, 40 Stunden geregelte Arbeitszeit pro Woche, spätestens um 17 Uhr ist fertig, keine Einsätze am Abend und am Wochenende. Ein Rekrut dagegen: Einrücken am Sonntagabend, Montagmorgen 6 Uhr Tagwache . . . Was ich sagen will: Der Soldat leistet auf alle Stunden gerechnet einen viel grösseren Einsatz. Der Zivi in meiner Gemeinde unterstützt Lehrer – das ist sehr wichtig. Aber es ist nicht der Auftrag, den er laut der Verfassung hätte.Hässig: Ich muss mich wiederholen: Wenn es einen Unterbestand in der Armee gäbe, wäre ich sofort bei dir. Aber derzeit leistet dein Zivi eine wertvolle Arbeit dort, wo sie dringlichst gebraucht wird. Eine Win-win-Situation.«Gesunde, junge Männer wie du gehören in die Armee», sagt Michael Götte (links). Patrick Hässig (rechts) kontert: «Ich würde deine Argumentation verstehen, wenn das Militär einen Unterbestand hätte.»Für Sie, Herr Hässig, ist es also unproblematisch, dass Zivis einen geregelten Acht-Stunden-Job haben?Hässig: Hören Sie doch auf mit diesem Märchen. Es gibt auch im Zivildienst lange Tage. Wenn Sie bei einem Landwirt Ihren Dienst leisten, dann arbeiten Sie definitiv mehr als acht Stunden am Tag, schlafen nicht daheim und trinken am Morgen auch nicht gemütlich Ihren Kaffee mit UHT-Milch, sondern vielleicht frisch ab Ziege oder Kuh.Aber in der Landwirtschaft arbeiten nur 2 Prozent der Zivis . . .Hässig: Die meisten sind im Gesundheits-, Sozial- oder Bildungswesen. Ist das nicht wertvoll? Mich stört es, dass die bürgerliche Mehrheit im Parlament und im Bundesrat jetzt mit sechs Strafmassnahmen junge Männer ins Militär prügeln will. Damit werden sie demotiviert und machen lustlos ihren Dienst. Das stärkt doch unsere Sicherheit nicht. Ausserdem braucht die Armee endlich gescheite Drohnen, Cybersoldaten und Kampfjets. Dort sind wir schwach. Aber ob wir jetzt in der Infanterie 1000 Männer mehr haben, merkt doch niemand. Was wir merkten: Wenn wir 1000 weniger Männer in der Pflege oder den Schulen hätten.Götte: Wo soll ich da anfangen? Alle anderen Länder gehen mit den Armeebeständen rauf. Wir haben bald einen Unterbestand, das können wir uns doch nicht leisten . . .Hässig: Kurzfristig werden wir einen Unterbestand haben, das stimmt. Aber nur kurzfristig. Und sowieso: 25 000 Durchdiener werden heute schon nicht zum Effektivbestand gezählt. Ich sehe das Problem einfach nicht. Wir haben pro Einwohner gerechnet bereits heute die grössere Armee als viele andere europäische Länder.«Der Zivildiensteinsatz war strenger als der Wiederholungskurs im Militär»Was entgegnen Sie auf Patrick Hässigs Befürchtung, dass bei einem Ja viele Soldaten nur demotiviert im Militär Dienst leisten?Götte: Es ist die Aufgabe der Führungskräfte, die Soldaten zu motivieren. Allerdings stört mich diese fordernde Haltung. Die Frage sollte nicht sein: Was bietet mir die Armee? Sondern es sollte sich jeder fragen, was man der Armee anbieten kann. Wo soll das enden? Mit Militärdienst im Home-Office? Es ist doch ganz einfach: Jeder Mann muss seinen Dienst am Land leisten.Hässig: Genau! Einen Dienst. Alle sind gleich wertvoll.Ist die Beliebtheit des Zivildienstes nicht auch die Folge eines unattraktiven Militärdienstes?Götte: Nein. Die Armee bemüht sich seit zwanzig Jahren, attraktiver zu werden. Heute erhält man beispielsweise Punkte, die ans Studium angerechnet werden können. Es gibt eine bessere Vereinbarkeit von Dienst und Studium. Bei mir ist es super aufgegangen mit Weiterbildungen und Auslandsaufenthalten – aber das war eine anstrengende Zeit, klar. Einmal sind meine Kollegen etwa nach Gran Canaria in die Ferien. Das wäre lustig gewesen. Aber ich musste nach der Unteroffiziersschule gleich zurück in den Job.Also sind Zivildienstleistende in Ihren Augen verweichlicht?Götte: Das sage ich nicht. Aber die Frage ist: Was ist uns wie viel wert? Wenn man so schnell wie möglich sein Studium beenden will, dann hat sonst nichts anderes Platz. Patrick Hässig wollte möglichst schnell eine gute Position im Journalismus und dann in die Politik. Deswegen hat er den Dienst jeweils verschoben.Hässig: Aber ich habe jeden Diensttag geleistet – sogar eineinhalbmal so viele. Ich wollte das, und ich habe es durchgezogen. Und ich muss dir also sagen, Michael: Der Zivildiensteinsatz war strenger als der Wiederholungskurs im Militär. Ich kenne auch Armeeangehörige, die sagen: «Jetzt gehe ich drei Wochen in die ‹grünen Ferien›»! Dieser Begriff kommt nicht von ungefähr. Die meisten Abgänge in den Zivildienst erfolgen nach dem ersten oder zweiten WK. Warum ist das so? Nicht, weil alle überbeschäftigt sind. Es gibt solche, die einfach auf einer Blumenwiese auf den nächsten Auftrag warten.Götte: Ja, das gibt es. Aber da sehe ich ganz klar Fehler bei den Kadern, die diese WK planen.Hässig: Ich habe dagegen sechs Monate lang im Zivildienst von Hand Spitalbetten geputzt, die mit Blut und Erbrochenem verschmiert waren. In der Pathologie habe ich Verstorbene für den Sarg bereitgemacht. Die Angehörigen waren dankbar – und ich habe gespürt, dass ich etwas Gutes, etwas Sinnvolles gemacht habe.Götte: Respekt vor dieser Arbeit. Ich hätte das wohl nicht gekonnt. Aber die Armee ist nicht dafür da, den Personalmangel im Pflegewesen zu lösen. Sondern sie muss die Sicherheit des Landes garantieren.Hässig: Einverstanden. Aber wer sabotiert die Umsetzung der Pflegeinitiative? Die SVP. Und das Volk hat mit 75 Prozent Ja zur letzten Reform gesagt, welche die Armee massiv verkleinert hat. Ich war mit Herzblut und Stolz in der Armee dabei. Und morgen würde ich es wieder so machen. Aber das zeigt doch: Armee, Zivildienst oder Zivilschutz – diese drei Wege sind sinnvoll. Das haben verschiedene Krisen gezeigt, die wir sehr gut gemeistert haben: die Corona-Pandemie oder der Bergsturz von Blatten. Wir sollten dieses Erfolgsrezept nicht schwächen.Götte: Es geht bei diesen Massnahmen um Soldaten, die für mehrere zehntausend Franken Steuergeld ausgebildet wurden. Die beispielsweise die Lastwagenprüfung auf Kosten der Armee gemacht haben und danach einfach den leichteren Weg wählen. Sie wechseln in den Zivildienst, weil dieser besser zum Studien- oder Reiseplan passt. Das kann es doch nicht sein. Deswegen braucht es diese Minikorrekturen, um den Trend zu stoppen.Hässig: Es gibt diverse Ausbildungen in der Armee, die man im Zivilleben nirgendwo brauchen kann, zum Beispiel, wenn man Panzerfahrer ist. Aber im Zivildienst lernt man viele nützliche Dinge. Ich habe sogar meine jetzige Berufung als Pflegefachmann entdeckt.Götte: Ich habe diverse Führungsausbildungen genossen in der Armee, die auch einen Gegenwert im Zivilleben haben.Hässig: Die meisten Unteroffiziere und Offiziere leisten ihren Dienst ja auch bis am Schluss. Jedes Jahr starten ungefähr 21 000 neue Rekruten die Grundausbildung. Lediglich rund 3 200 wechselten 2025 während oder nach der Rekrutenschule. Was soll daran so schlimm sein?Die Diskussion scheint festgefahren. Braucht es nicht einmal neue Lösungen?Hässig: Ich bin nicht sicher, ob die jährliche WK-Pflicht wirklich das Richtige ist. Weil egal, was ein junger Mann in dieser Zeit startet, es kommt zu diesem Unterbruch. Ich bin gerne in die Militärmusik gegangen, aber das war eine zu grosse Bürde für mich – und ich glaube, so geht es vielen. Und jetzt will man auch im Zivildienst eine jährliche Dienstpflicht einführen. Das ist ein riesiger Fehler.Ist der Zivildienst heute nicht einfach zu bequem? Man muss nicht im Zwanziger-Schlag schlafen, sondern kann als Zivi bei Max Havelaar arbeiten und gemütlich Fairtrade-Kaffee trinken.Hässig: Diese «linken» NGO-Jobs werden jetzt immer genannt – aber das ist doch erwiesenermassen nur ein kleiner Teil! Und solche Einsatzmöglichkeiten finde auch ich schlecht, glauben Sie mir. Ich möchte mich eigentlich nicht auf diese Gegeneinander-ausspielen-Diskussion einlassen – aber muss es jetzt doch einmal machen: Sind denn diese Büroordonnanzen, Diensthundeführer oder Train-Soldaten, die Materialtransporte mit Pferden machen, okay? Braucht es das noch 2026? Da habe ich meine Fragezeichen.Götte: Das ist eine Scheindiskussion. Mich stört grundsätzlich, dass man heute faktisch auswählen kann. Darüber müssen wir doch sprechen.Hässig: Du konntest auch wählen, ob Panzer- oder Infanteriegrenadier.Es kam sogar zum Münzwurf.Hässig: Das zeigt doch, dass die Armee zu viele Leute hat!Michael Götte stört sich am «Kä Luscht»-Prinzip der jungen Männer, Hässig warnt vor einem Negativstrudel zurück in die Vergangenheit.Götte: Nein! Ich will diesbezüglich zurück ins Jahr 2009: 2 500 Zivis pro Jahr. Mit Gewissensprüfung. Mit diesen sechs Massnahmen setzen wir ein Zeichen, dass es so nicht weitergeht. Alle drei Varianten bleiben ja bestehen. Aber du willst einfach, dass die Vorzüge des Zivildiensts bleiben.Hässig: Wieso Vorzüge? Was ist denn bitte so schön an einem eineinhalbmal so langen Dienst? Und mit den angedachten Massnahmen muss man noch mehr leisten, wenn man beispielsweise nach dem zweiten WK wechselt. Dann wird man abgestraft mit zusätzlich mindestens 150 Diensttagen.Götte: Der Zivildienst ist ein Ersatzdienst und dafür muss man mehr tun. Diese Massnahmen führen zu keiner massiven Verschlechterung.Hässig: Michael! Die Armee hat heute einen Überbestand. Die Panikmache ist lächerlich.Götte: Panikmache ist das, was ihr erzählt. Das gesellschaftliche Mindset geht sogar in die Richtung, dass nicht einmal mehr jeder Mann versteht, dass der Armeedienst jener Dienst ist, zu dem er verpflichtet ist.«In der Verfassung steht nicht: Es gibt ein Ersatzprogramm zum Armeedienst.»Hässig: Der Stellenwert der Armee ist gerade heute hoch wegen der unsicheren Lage. Es gibt viele junge Männer, die gerne Dienst leisten – und das ist doch toll!Götte: Aber in den Zivildienst sollen nur jene, die einen Gewissenskonflikt haben.Hässig: Dir geht es einfach ums Prinzip?Götte: Es geht ums Prinzip . . .Hässig: Das stört mich eben.Götte: Aber dann musst du die Verfassung ändern, wenn du das nicht gut findest. In der Verfassung steht nicht: Es gibt ein Ersatzprogramm zum Armeedienst.Hässig: Die Verfassung sieht auch eine Rechtsgleichheit vor oder dass man niemanden diskriminieren darf. Jetzt wird aber eine Massnahme vorgeschlagen, die ganz klar Mediziner diskriminiert. Das verstösst gegen die Verfassung – und auch gegen die Uno-Menschenrechtskonvention.Götte: Das haben wir in der Kommission natürlich lange diskutiert. Es gibt verschiedene Meinungen von Verfassungsrechtlern dazu. Aber schliesslich haben sich der Bundesrat und die Mehrheit des Parlaments für diese Massnahme ausgesprochen.Hässig: Das ist ein politischer und kein rechtlicher Entscheid.Götte: Wir sind hier, um Politik zu machen.Hässig: Wenn wir diese Vorlage annehmen, wird es nicht mehr Soldaten geben, sondern insgesamt einfach weniger Engagement für unser Land. Die Massnahmen sind Teil einer Salamitaktik. Was kommt als Nächstes? Die Gewissensprüfung kommt zurück. Am Schluss wird der Zivildienst ganz abgeschafft. Bei einem Ja zur jetzigen Reform sind es bereits 40 Prozent weniger Zivis pro Jahr. Eine Katastrophe. Wofür? Dass zwei, drei Männer mehr – und unmotiviert! – in die Rekrutenschule gehen?Was droht, wenn das Volk Nein sagt zu den Massnahmen, Herr Götte?Götte: Es wird wieder verschiedene Diskussionen geben über andere Wege, unter anderem, ob die Gewissensprüfung wieder eingeführt werden soll.Herr Hässig, was droht bei einem Ja?Hässig: Es kann ein gefährlicher Negativstrudel entstehen mit dem Credo: zurück zu den neunziger Jahren. Das will ich nicht. Die Zeiten haben sich geändert.Götte: Wir gehen nicht in die neunziger Jahre zurück, sondern lediglich in das Jahr 2009, als die Gewissensprüfung abgeschafft wurde.Hässig: Eben, zurück in die Vergangenheit. Das will ich nicht.Passend zum Artikel