Das Stimmvolk sagt Ja zur Zivildienst-Reform – Künftig werden Zivis mindestens 150 Diensttage leisten müssenDie Initiative «Keine-Zehn-Millionen-Schweiz» habe das Zivildienst-Gesetz über die Ziellinie gerettet, sagt Politologe Lukas Golder.Hannes Boos14.06.2026, 17.23 Uhr4 LeseminutenDer Zivildienst wird bei jungen Männern immer beliebter: Im letzten Jahr wählte eine rekordhohe Anzahl den Ersatzdienst.Christian Beutler / Keystone«Wir haben immer noch eine schüchterne Hoffnung», sagte Magdalena Erni um etwa 12:45 auf SRF. Sie ist Co-Präsident der Jungen Grünen und Gegnerin der Zivildienst-Reform. Zum Zeitpunkt des Interviews sagten ihr die Hochrechnungen zwar bereits eine Niederlage voraus, die Fehlerquote war aber noch hoch. Eine Viertelstunde später war diese Quote auf zwei Prozent gesunken. «Man kann sagen: Das Zivildienstgesetz ist angenommen», fasste der Politologe Lukas Golder den Zwischenstand um 13 Uhr im Fernsehen zusammen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Finger Weg vom Zivildienst» – mit solchen Parolen, wie sie etwa auf selbstgebastelten Plakaten zu sehen waren, mobilisierte das Referendumskomittee gegen die von Bundesrat und Parlament aufgegeleiste Zivildienst-Reform. Das Stimmvolk folgte allerdings den Empfehlungen von Bundesrat und Parlament und hat diesen Sonntag mit einer Mehrheit von voraussichtlich knapp 53 Prozent entschieden: Die Zulassung zum zivilen Ersatzdienst aus Gewissensgründen soll verschärft werden.Besonders deutlich zeigt sich das in der Deutschschweiz. Hier sagte mit Ausnahme von Basel-Stadt jeder Kanton Ja zur Zivildienst-Reform. Auf grössere Sympathien stiess das Referendumskomitee dagegen in der Romandie: In Waadt, Neuenburg, Jura und Genf lehnte das Stimmvolk die Vorlage ab, in den letzteren drei Kantonen gar mit über 55 Prozent.Das Abstimmungsbudget des Referendumskomitees war klein; in den Medien wurde die Vorlage nicht stark diskutiert. «Die Abstimmung zur Zivildienst-Reform stand ganz im Schatten der Keine-10-Millionen-Schweiz-Initiative», sagt Politologe Lukas Golder im Gespräch mit der NZZ.Wer an die Urne ging, tat dies mehrheitlich, um für oder gegen die SVP-Initiative zu stimmen, sagt Golder. Da viele Stimmbürger mit der Zivi-Reform nicht im Detail vertraut waren, sei anzunehmen, dass sie den Parolen von Bundesrat und Parlament folgten - das habe das Zivildienst-Gesetz «über die Ziellinie gerettet». Zudem habe die «geopolitische Unsicherheit» zum Ja beigetragen, sagt Golder. Ein grosser Teil der Bevölkerung sehe eine Stärkung der Armee angesichts der Weltlage als notwendig an.Das Resultat ist laut Golder allerdings nicht als Signal zu deuten, dass die Bevölkerung beim Ersatzdienst weiter abbauen wolle. Der Zivildienst sei weiterhin beliebt, sagt er. «Das Ja fiel auch deswegen eher knapp aus, weil viele Personen befürchteten, dass eine Schwächung des Zivildiensts der Armee keinen Nutzen bringt.»Stimmen aus der PolitikÄhnlich interpretiert dies das Referendumskomitee. So schreibt Priska Seiler-Graf, SP-Nationalrätin und Präsidentin des Zivi-Verbands Civiva, in einer Mitteilung:«Das heutige Resultat ist nicht als Aussprache gegen den Zivildienst zu werten, sondern vielmehr als Ausdruck der Besorgnis der Stimmbevölkerung über die sicherheitspolitische Lage.» Es gelte nun, weitere Angriffe auf den Zivildienst abzuwehren, um die Gewissensfreiheit zu wahren.Auch Magdalena Erni sagt: «Der Zivildienst ist nach wie vor eine von der Schweizer Bevölkerung anerkannte und geschätzte Institution, insbesondere, weil er zur Sicherheit des Landes beiträgt.» Nun sei der Zeitpunkt für eine «aktive pazifistische Politik gekommen», heisst es in der Medienmitteilung der Jungen Grünen. Konkret bedeute das: «Es braucht die Einführung eines zeitgemässen freiwilligen sozialen Dienstes und das Ende der Dienstpflicht.»Ganz anders tönt es von der Seite der Sieger. «Eine Mehrheit des Schweizer Stimmvolkes sagte heute: Der Zivildienst soll eine Ausnahme und keine Alternative zum Militärdienst bleiben», verkündet etwa die FDP. Und die Mitte-Partei schreibt in einer Mitteilung: «Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr.» Die Lage in Europa zeige, wie wichtig eine einsatzfähige Armee gegenwärtig sei – die Zivildienst-Reform leiste dazu einen wichtigen Beitrag.Eine «Salamitaktik»?Der Zivildienst wurde als Ersatzdienst für Männer, die beim Militär einen Gewissenskonflikt haben, ins Leben gerufen. Die Zulassungen vervierfachten sich allerdings, als 2009 die Gewissensprüfung abgeschafft wurde. Seither gilt der sogenannte «Tatbeweis»: Zivis beweisen ihren Gewissenskonflikt, indem sie anderthalb mal mehr Diensttage als Soldaten leisten. Letztes Jahr entschieden sich 7211 Männer für den zivilen Ersatzdienst – so viele wie noch nie. Etwa ein Drittel der Übertritte fand nach der Rekrutenschule statt.Insbesondere gegen diese Übertritte nach der Rekrutenschule wollen Bundesrat und Parlament mit der neuen Reform vorgehen. Künftig sollen Zivis mindestens 150 Diensttage leisten müssen, unabhängig davon wie viele Diensttage sie bereits im Militär absolvierten. Da es der Armee an Ärzten fehlt, sollen zudem Zivildiensteinsätze, die ein Medizinstudium erfordern, verboten werden. Die Massnahmen werden voraussichtlich Mitte 2027 in Kraft gesetzt, verkündete der Bundesrat in der Pressekonferenz nach der Abstimmung.Gegen das Massnahmenpaket von Bundesrat und Parlament hatten die Jungen Grünen mit Unterstützung ihrer Mutterpartei sowie SP und GLP das Referendum eingelegt. Sie sehen die geplanten Verschärfungen bei der Zulassung als Teil einer «Salamitaktik», um den Zivildienst Schritt für Schritt zu schwächen oder sogar abzuschaffen.Dass ihre Befürchtungen nicht gänzlich unberechtigt sind, zeigt sich an verschiedenen Vorlagen in Parlament. So forderten National- und Ständerat im letzten Jahr von der Regierung, dass sie den Zivildienst und den Zivilschutz zu einem «Katastrophendienst» zusammenlegen soll. Zudem verlangten bürgerliche Politiker, dass der Bundesrat die Wiedereinführung der Gewissensprüfung prüfen soll.Passend zum Artikel
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Künftig werden Zivis mindestens 150 Diensttage leisten müssen.
















