KommentarDer Zivildienst muss an Reiz verlieren – dafür ist auch die Armee verantwortlich. Sie muss den Jungen mehr Sinnhaftigkeit vermittelnWer heute Militärdienst leistet, ist klar benachteiligt gegenüber Zivildienstleistenden. Die geplanten Änderungen, über die wir am 14. Juni abstimmen, sind deshalb richtig. Doch das Militär muss seine eigenen Hausaufgaben machen.04.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDer zivile Ersatzdienst ist eine Schweizer Errungenschaft, die hart erkämpft wurde. Fast 90 Jahre stritten die Schweizer darüber, was man mit Dienstverweigerern machen sollte, die von Gewissenskonflikten geplagt werden. 1992 sagte das Volk Ja zur Einführung des Zivildienstes für Dienstverweigerer. Damals wurden jährlich rund 1450 Personen zugelassen. Sie mussten vorab vor einer Zulassungskommission rechtfertigen, warum sie den Dienst an der Waffe nicht antreten können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit 2009 ist die Gewissensprüfung Geschichte, und der waffenlose Dienst in der Armee selbst ist längst Alltag. Und daneben boomt der Zivildienst: Noch nie entschieden sich so viele junge Männer dafür. 2025 waren es über 7200. Daran ändert auch der Preis nichts, den sie dafür zahlen: anderthalbmal so viele Diensttage als «Tatbeweis» ihres Gewissenskonfliktes.Die Gründe für den Wechsel fragt der Staat nicht ab. Klar ist: Die Bedingungen im Zivildienst sind schlicht attraktiver als jene in der Kaserne. Die Liste der Privilegien ist lang: Als Zivi wählt man Ort, Aufgabe, Zeitpunkt und Dauer weitgehend selbst. Die meisten haben einen verlässlichen, geordneten Alltag: acht Stunden Dienst, Feierabend, Schlafen im eigenen Bett. Und wer es klug anstellt, verbucht den Einsatz gleich noch als Praktikum für die spätere Karriere.Die Welt feiert den Individualismus, nicht den kollektiven DrillDas macht Zivis nicht zu Drückebergern oder Faulenzern. Ihr Dienst hat meistens handfesten Nutzen: Sie arbeiten im Altersheim, unterstützen Lehrer im Klassenzimmer, füllen Personallücken in Heimen.In der Kaserne ist das Leben ein anderes. Soldaten wählen wenig, manchmal nicht einmal ihre Funktion, schon gar nicht den Ort, den Zeitpunkt oder die Dauer ihres Dienstes. Feierabend haben sie dann, wenn es ihnen gesagt wird. Sie bleiben auf dem Waffenplatz, schlafen im Massenschlag. Die Armee diktiert den Takt: das Essen, den Schlaf, sie bestimmt über die persönliche Zeit.In einer Welt, die den Individualismus feiert, schmeckt dieser kollektive Drill nach vorgestern. Erst recht, wenn eine Alternative bereitsteht: der Zivildienst zu weitaus angenehmeren, moderneren Dienstbedingungen.In Bern hat man das bemerkt. Bundesrat und Parlament wollen gegensteuern und die Schraube anziehen – mit sechs Massnahmen. Geplant sind etwa eine jährliche Einsatzpflicht, mehr Diensttage und Einschränkungen für Mediziner.Die Politik zielt mit ihren Forderungen vor allem auf jene ab, welche die Rekrutenschule schon hinter sich haben und danach wechseln. Es handelt sich dabei um Männer, in die die Armee bereits massiv investiert hat. Und die ihr schmerzlich fehlen. Diese «Spätwechsler» machen heute ein Drittel aller Gesuche aus.Ein Wechsel in den Zivildienst bleibt möglich, ein Klick im Onlineformular genügt weiterhin. Doch Bern fordert nun einen härteren «Tatbeweis» von jenen, die erst spät wechseln – schliesslich hatten sie anfangs kein Problem mit dem Dienst an der Waffe. Gegner nennen das Diskriminierung: Das Gewissen könne sich jederzeit melden. Das stimmt. Doch in der Armee gibt es auch keinen Soldaten, den der Gedanke ans Töten kaltlässt. Die Schweizer sind ein friedfertiges Volk, niemand wünscht sich hier Krieg. Doch so düster das Szenario ist: Im Ernstfall muss jemand das Land verteidigen. Dann steht alles auf dem Spiel: die Sicherheit der Heimat und das eigene Leben.Wer vor dieser Verantwortung, dieser Last nicht in den komfortableren Ersatzdienst flieht, erbringt den maximalen «Tatbeweis», dass er sich bei Gefahr für sein Land und seine Mitmenschen einsetzt.Es ist deshalb nur fair gegenüber jenen, die in der Armee bleiben, wenn der Zivildienst etwas von seinem Reiz verliert.Die Antwort der Armee kann kein Weiter-so seinDas bedeutet nicht, dass die Armee alles richtig macht und sich nicht weiterentwickeln müsste. Wer einrückt, kennt den Frust: zu viele Leerläufe, realitätsferne Übungen. Die Abwanderung von ausgebildeten Rekruten ist auch die Quittung für ein System, das sich an starre Raster klammert. Kaum jemand versteht, warum Soldaten immer gleichzeitig einrücken müssen und ein Teil der Zeit dann doch nur betätigungslos herumsitzt. Oder warum alle wochenlang von morgens um sieben bis abends um zehn «auf Platz» bereit sein müssen. Die Armee muss sich bewegen. Sie muss den Dienst so organisieren, dass junge Menschen ihn als effizient und sinnvoll anerkennen – und nicht als vergeudete Lebenszeit.Helfen würde natürlich vor allem auch eine modernere Ausrüstung. Oder die simple, eigentlich als selbstverständlich zu erwartende Tatsache: dass überhaupt genügend Material vorhanden ist. Im Ernstfall könnte die Armee heute gerade einmal ein Drittel ihrer Soldaten ausrüsten. Wer das hört, ist nicht wahnsinnig motiviert, diesen Dienst zu leisten, insbesondere nicht mit Blick auf einen möglichen Ernstfall. Für diesen Umstand kann die Truppe nichts, das ist ein politischer Entscheid. Doch das zweite Problem liegt tiefer: Es sind Strukturen, die endlich modernisiert werden müssen.Die Armee versucht es schon. Seit Jahren reformiert sie sich im Kleinen. Es werden Armeeausbildungen an zivile Studiengänge angerechnet, der Zeitpunkt des Dienstantritts ist flexibler wählbar, Kommandanten verordnen eine wertschätzende Kultur in ihrer Truppe. Doch das greift zu wenig, wie eine Studie von 2024 zeigt. Befragt wurden Soldaten und Zivis: Nur gerade 15 Prozent halten die Armee für effizient oder modern. Kaum einer glaubt, dass die Zeit in der Kaserne auch im zivilen Berufsleben irgendetwas nützt. Zudem reibt sich die Hälfte der Soldaten am Führungsstil, an den hierarchischen Strukturen.Dafür wissen fast alle Befragten, warum der Zivildienst so toll ist: Er wird als sinnvoller Beitrag an die Gesellschaft gesehen – mit dem Luxus, dass man am Abend nach Hause kann. Diese Gründe wiegen so schwer, dass viele selbst eine dreimal so lange Dienstzeit in Kauf nehmen würden.Die Antwort auf diese harten Befunde kann kein Weiter-so sein. Die Armee muss in der Gegenwart ankommen, selbst wenn das nicht allen an der Spitze gefällt. Die Steuerzahler finanzieren eine Milizarmee aus Bürgern, und wenn sich die Gesellschaft wandelt, muss die Armee mitgehen. Sonst hält die Abwanderung in den Zivildienst an – mit oder ohne neue Massnahmen.Es ist ohnehin fraglich, ob die geplanten höheren Hürden viele Soldaten wirklich vom Wechsel abschrecken würden. Der Bundesrat rechnet zwar mit gut 40 Prozent weniger Gesuchen, räumt in der Botschaft aber gleich selbst ein, dass die Prognose unsicher sei. Die Armee kommt nicht darum herum, ihren Soldaten noch deutlicher zu erklären, warum sie überhaupt einrücken. Sie muss Sinn stiften statt Frust.Es braucht neue DienstmodelleOhnehin taugen die gegenwärtigen Dienstmodelle kaum mehr für die Zukunft. Der Zivilschutz hat schon heute zu wenig Leute, die Armee fürchtet sich vor einem Unterbestand, sollten noch mehr Männer in den Zivildienst wechseln. Das Parlament plant deshalb auf lange Sicht die Zusammenlegung von Zivilschutz und Zivildienst. Der Bundesrat bremst aus Furcht vor den Kosten. Doch Krisen scheren sich nicht um Budgets. Ob Pandemie, Blackout oder Flüchtlingswelle: Die grossen Risiken für das Land verlangen nach einer nationalen Antwort. Es führt kein Weg daran vorbei, junge Menschen in ein Notfallsystem einzubinden und sie regelmässig zu schulen, etwa mit Sanitätskursen.Deshalb ist die geplante Fusion von Zivildienst und Zivilschutz ein durchaus gangbarer Weg für die Zukunft. Doch das neue System funktioniert nur, wenn am Ende für alle ähnliche Bedingungen gelten. Sonst gibt es weiterhin einen Run auf das komfortabelste Modell. Die Änderung des Zivildienstgesetzes ist ein Schritt in diese Richtung.Als das Parlament 1991 über den Zivildienst debattierte, war die Einführung unbestritten. Eines aber war der Mehrheit wichtig: bloss keine freie Wahl zwischen Armee und Zivildienst. Die Armee hat schliesslich einen existenziellen staatlichen Auftrag im Gegensatz zum Zivildienst. Sie sollte deswegen die primäre Pflicht bleiben.Heute gibt es diese Wahlfreiheit aber. Die Vorlage vom 14. Juni bringt nun moderate Massnahmen, um die Attraktivität des Zivildienstes etwas zu mildern. Sie erfinden das Rad nicht neu, aber damit kommt die Schweiz der Wehrgerechtigkeit ein Stück näher als der Status quo.Passend zum Artikel