In der südafrikanischen Küstenstadt Durban haben mehrere Tausend Menschen in dieser Woche auf einer freien Fläche Zuflucht gesucht. In der Vergangenheit hätte man vermutet, dass die aus Malawi stammenden Menschen in Südafrika Asyl suchen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Sie wollen zurück in ihr verarmtes Heimatland, um den Angriffen eines fremdenfeindlichen Mobs in Südafrika zu entkommen. Wie auf Fotos zu sehen ist, haben viele nur das Nötigste bei sich.„Die Zahl der Menschen hier steigt und steigt, die Situation ist sehr schlecht“, sagte ein Mitarbeiter des malawischen Konsulats dem Nachrichtenportal News24. Das Konsulat habe die freie Fläche als Zufluchtsort deklariert und versuche nun Busse zu organisieren. Zelte wurden errichtet, und humanitäre Organisationen liefern Essen dorthin. Mehrere Malawier erzählen von Morddrohungen, einige seien mit Knüppeln und roher Gewalt aus ihren Häusern vertrieben worden. In Malawi seien sie sicherer als in Südafrika, lautet der Tenor. Viele geben ihre Jobs und kleinen Unternehmen auf, die sie oft über Jahre hinweg aufgebaut haben.Die Angriffe richten sich vermeintlich gegen irreguläre Einwanderer, doch die Stimmung heizt sich auch gegenüber Menschen aus afrikanischen Staaten auf, die sich legal im Land befinden. Das trifft vor allem Simbabwer, für die vor fast 20 Jahren eine besondere Aufenthaltsgenehmigung geschaffen wurde.Ramaphosa gesteht „Schwächen“ einSchon seit Wochen finden vielerorts Anti-Immigrations-Demonstrationen statt. Anführer dieser Bewegung haben eine Frist bis zum 30. Juni gesetzt. Bis dahin sollen alle irregulären Migranten das Land verlassen haben. Klare Aussagen, was passiert, wenn dies nicht der Fall ist, gibt es bisher nicht. Die Regierungen einiger Herkunftsländer, insbesondere Malawi, Ghana und Nigeria, organisieren Busse oder Flüge, um ihre Staatsbürger in Sicherheit zu bringen. Zugleich erhöhen sie den diplomatischen Druck auf Pretoria.Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa gestand in einer Rede an die Nation Anfang der Woche erstmals in sehr deutlichen Worten „Schwächen“ ein, wie die Regierung bisher mit Migration umgegangen sei, und kündigte konkrete Maßnahmen an. Im vergangenen Jahr hätten die Grenzschutzbehörden bereits 450.000 Personen daran gehindert, illegal einzureisen. Bald soll es unter anderem Spezialgerichte geben, um Menschen ohne Aufenthaltspapiere schneller abschieben zu können. Die Ausgabe neuer Personalausweise für Staatsbürger und Menschen mit Aufenthaltserlaubnis, die nicht leicht gefälscht werden können, werde beschleunigt.Ramaphosa, der einst über Südafrikas demokratische Verfassung verhandelt hatte, sagte zugleich, das Vorgehen gegen irreguläre Migration rechtfertige keine Gewalt. Es gebe keinen Platz für „Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Sexismus, Afrophobie oder irgendwelche anderen Formen von Intoleranz“ in Südafrika. Auch dürften einfache Bürger das Recht nicht in die eigene Hand nehmen und Ausländer zu einer Ausreise zwingen.Die Rede löste auch Kritik aus, die Regierung lasse sich von der radikalen Anti-Immigrations-Bewegung und dem Getöse in den sozialen Medien treiben. Die meisten Probleme im Land seien nicht der irregulären Einwanderung geschuldet, sagte etwa der Migrationsfachmann Loren Landau, Professor an der Johannesburger Wits-Universität. Statt sich auf eine Debatte über dieses Thema einzulassen, sollte die Regierung Reformen angehen, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Einwanderer, die sich meist mit niedrig bezahlten Jobs durch das Leben bringen, zu Sündenböcken zu erklären, helfe nicht.Südafrika leidet seit Jahren unter einer chronisch hohen Arbeitslosigkeit, vor allem junge Menschen in den Armenvierteln sehen keine Perspektiven. Politische Machtkämpfe im Hintergrund dürften die Stimmung noch zusätzlich anheizen. Ende dieses Jahres finden Kommunalwahlen statt.Fremdenfeindlichkeit ist hier kein neues PhänomenUber-Fahrer aus Simbabwe, Gärtner aus Malawi, Motorradkuriere aus der Demokratischen Republik Kongo und Betreiber kleiner Geschäfte aus Somalia sind seit Jahren fester Bestandteil des Alltagslebens. Nach der letzten Volkszählung im Jahr 2022 lebten 2,4 Millionen Ausländer in Südafrika, das sind vier Prozent der Bevölkerung. Viele Südafrikaner sind jedoch überzeugt, dass die tatsächliche Zahl viel höher ist und sich ein großer Teil der Einwanderer ohne gültige Papiere im Land befindet.Fremdenfeindlichkeit gegenüber Menschen aus anderen afrikanischen Staaten ist kein neues Phänomen. Schon vor einigen Jahren trat eine Bewegung namens „Operation Dudula“ in Erscheinung. „Dudula“ heißt aus der Zulu-Sprache übersetzt „gewaltsam vertreiben“. Die Anhänger demonstrierten auf den Straßen und veranstalteten „Razzien“, wobei sie Geschäftsinhaber nötigten, die Aufenthaltspapiere ihrer Mitarbeiter vorzulegen. Vielerorts versperrten sie Ausländern den Zugang zu Schulen und Krankenhäusern. Im November vergangenen Jahres verbot ein Gericht die Aktionen.In diesem Jahr tauchte eine ähnliche Bewegung mit dem Namen „March and March“ auf. Auch ihre Anhänger machen illegale Einwanderer für die vielfältigen Probleme im Land verantwortlich und warnen vor dem Verlust der Souveränität Südafrikas und der „Identität“ der Einwohner. Unterstützung erhält sie von einigen kleineren Parteien, aber auch von der MK-Partei des früheren Präsidenten Jacob Zuma, mit einer starken Wählerbasis in der Provinz Kwa-Zulu-Natal.Durban liegt in dieser Provinz. Beamte des Innenministeriums begannen dort in der vergangenen Woche, die Personalien der Malawier auf dem Platz zu erfassen. Es sei beeindruckend, wie ruhig sich die Menschen in dieser aufreibenden Situation verhielten, sagte ein Beamter. Man arbeite mit der malawischen Botschaft zusammen. Eine Malawierin sagte den lokalen Medien, sie habe alles verloren, weil der Mob ihr Haus angezündet habe. Zwei Wochen lang habe sie sich „im Busch“ versteckt. Ein Mann berichtete von Mafia-Methoden. „Diese Leute leben ganz in unserer Nähe, aber sie fordern Geld, damit sie uns nicht verjagen. Ich gehe lieber zurück nach Hause, bevor ich hier umgebracht werde.“