Auf einem Amsterdamer Hausboot liegt eine tote Frau. Sie wurde erstochen. Sie hieß Maria, hatte mehr als nur einen Liebhaber und züchtete Hexenkräuter. Maria stammt aus der Karibik, von der Insel Curaçao. Auch wenn 8.000 Kilometer Meer dazwischen liegen, gehört Curaçao seit fast vier Jahrhunderten zu den Niederlanden: zunächst als Kolonie, später als Teil der Niederländischen Antillen und seit 2010 als kleines autonomes Land im auch nicht ganz so großen Königreich der Niederlande. Dort spricht und schreibt man in der Kreol-Sprache Papiamentu, auf Englisch und auf Niederländisch.Curaçao ist der erste Gruppengegner des deutschen Fußballnationalteams bei der WM in Amerika. Es ist das kleinste Land in der Geschichte der WM – und ein tropischer Schauplatz der niederländischen Literatur. Auch Marias Geschichte spielt zur Hälfte auf Curaçao. „Eine Tote gibt Auskunft“ (Rowohlt) heißt das Buch der Krimilegende Janwillem van de Wetering, erschien schon 1975, es ist deutlich in die Jahre gekommen, was man am alltäglichen Gebrauch von N-Wörtern im Text ablesen kann, hat aber dank seines Querflöte spielenden, namenlos bleibenden Ermittlers noch immer eigentümlichen Charme.
Dieser Amsterdamer Kommissar fliegt also nach Übersee, kennt anders als seine Vorfahren, die in aller Welt auf Raubzug gingen, die Welt bislang aber nur aus der Literatur. Weswegen er sich mit der Lyrik des curaçaoischen Dichters Cola Debrot auf seine Reise vorbereitet. Im Anflug auf die Hauptstadt Willemstad sieht der Commissaris dann die Küstenlinie: „Das Meer brach sich an rauen Klippen und warf hohe Gischtwolken rhythmisch über das brüchige Gestein, sonnendurchtränkte, sanftgrüne Vorhänge, durchsichtig und kühl.“Der Energiekonzern Shell hat seine Spuren hinterlassenZwei Megapiers gibt es in der Hauptstadt Willemstad, an denen mehrere Schiffe gleichzeitig festmachen können. Aktuell besuchen jährlich rund 600.000 Kreuzfahrtgäste die Insel, vermeldet die Hafenbehörde, Tendenz steigend, auch wenn Tourismus nicht die einzige Industrie ist, die in Curaçao floriert, weswegen der „Lonely Planet“ in Willemstad auch Fabriken, öde Viertel und Verkehrsstaus aufzählt. Curaçao hat also noch was anderes zu tun, auch wenn die riesige Shell-Raffinerie, die der Insel im 20. Jahrhundert zu wirtschaftlichem Boom (und schwerwiegenden Umweltproblemen) verholfen hat, seit 2019 geschlossen ist und heute nur noch vor sich hinrottet. Die Raffinerie verarbeitete Erdöl aus dem nahegelegenen Venezuela und spielt unglaublicherweise in fast jedem Roman aus Curaçao eine Rolle. Shell hat sich tief in die Literatur der Insel eingeschrieben.Touristen interessiert das weniger. Sie steuern lieber die teils kostenpflichtigen Strände an und trinken Orangenlikör Blue Curaçao. Und sie streifen durchs Zentrum von Willemstad mit seinen kunterbunt gestrichenen Holländerhäusern. Auch Wladimir Kaminer war da, denn er liebt Lagerkoller an Bord und kurze Freigänge unter Palmen.Auch Kaminer fuhr mit dem Kreuzfahrtschiff nach CuraçaoIn seinem Buch „Die Kreuzfahrer“ (Wunderraum, 2018) erzählt er, so arglos wie immer, davon: „Der erste Unterhaltungsoffizier Martin empfahl uns, in der Hauptstadt von Curaçao spazieren zu gehen. Die Inseln auf unserer weiteren Reise würden immer kleiner und unbedeutender, meinte er, ohne historischen Kontext, nur zum Schnorcheln gut, ein Häuflein Sand mit Palmen drauf. Willemstad dagegen sei das letzte Bollwerk der Zivilisation.“Denkmal in Willemstad für den Freiheitskämpfer Tula, der 1795 einen Sklavenaufstand anführte.Picture AllianceTürkis (nicht lebensmittelfarbenblau) ist der Dodge Matador, den die beiden Taxifahrer Roy und Max in Stefan Brijs‘ Roman „Taxi Curaçao“ (btb, erschienen 2016) fahren. Der Niederländer Brijs erzählt darin von Max, der es in den 1970er- Jahren zum Lehrer hätte bringen können, hätte ihm sein Vater Roy nicht alles verbaut. Der Familie fehlt es ständig an Geld – aber Roy kann sich auch einfach nicht vorstellen, dass ein Schwarzer wie sein Sohn mal Lehrer wird. Zu tief sitzt die Erfahrung der Sklaverei, die auf Curaçao im Jahr 1642 begann, als die niederländische Westindien-Kompanie die ersten entführten Westafrikaner auf die Insel brachte. Organisiertes Verbrechen von internationalem Maßstab. „Ein schwarzer Taxifahrer muss jederzeit aussehen wie ein Butler, nicht wie ein Sklave“ das ist alles, was Roy seinem Sohn als Karrieretipp mitgeben kann.Ein noch längst nicht entwirrter AlbtraumknotenWichtig ist: Ein Butler trägt Schuhe. Da Sklaven keine Schuhe haben durften, spielt Schuhwerk in fast allen Geschichten aus Curaçao eine Rolle und wirkt wie ein noch längst nicht entwirrter Albtraumknoten. Besonders prominent sind Schuhe in Frank Martinus Arions genialem Dominoroman „Doppeltes Spiel“ (Büchergilde Gutenberg, 2022). Zusammen mit Cola Debrot, Boeli van Leeuwen und Tip Marugg (dessen hypnotischer Nachtroman „Auch Vögel sterben im Morgenblau“ vom Twenne-Verlag 1993 auch ins Deutsche übersetzt wurde) gilt Arion als moderner Klassiker der Literatur von Curaçao.In „Doppeltes Spiel“ können die Kinder eines Dominospielers ohne Schuhe nicht zur Schule, ein anderer hängt alte Treter als Schmähung für die Verlierer in den Tamarindenbaum. Es ist Bubu Fiel, der die Partie in seinem Garten ausrichtet. Im Laufe des Romans wird er von seinen drei Dominosportsfreunden in eine heftige Partie verwickelt, ansonsten haut Bubu sein Geld für Frauen und Alkohol auf den Kopf. Auch Bubu fährt Taxi, wartet oft am Flughafen, wo die großen Maschinen aus den Niederlanden eintreffen. Die meisten Touristen kommen von dort, 2025 waren es 257.000 Gäste. Zugleich lebt die Hälfte aller Insulaner in Europa: 158.000 wohnen auf Curaçao, etwa 140.000 in den Niederlanden.Die Spieler von Curaçao trainieren in Boca Raton, Juni 2026APDaher konnte Dick Advocaat, Trainer des deutschen Gruppengegners, seine Mannschaft für die WM auch mühelos in den Niederlanden zusammenstellen. Sein Curaçao-Team besteht aus in Holland ausgebildeten Spielern mit Wurzeln auf der Insel unter dem Winde. Fasziniert verfolgen die niederländischen Medien seither, wie sich das Nationalteam professionalisiert. Das Hin und Her zwischen Curaçao und den Niederlanden währt also seit Jahrhunderten, davon erzählen die täglichen Langstreckenflüge der KLM, davon erzählt auch die Literatur: Seien es die Taxifahrer, die bei Frank Martinus Arion auf die „Holländerflieger“ warten, seien es die karibischen Drogenkuriere, die bei Stefan Brijs in Amsterdam geschnappt werden, oder die jungen Bildungshungrigen, die – wie die 1983 geborene Dichterin Radna Fabias – zum Studieren in die Niederlande gehen.Träumen in der Sprache des ehemaligen Besitzers Dort dokumentiert sie „nachweislich erfolgte bemühungen“ – wie ein Gedicht aus ihrem preisgekrönten Band „Habitus“ (Elif, 2022) heißt: „die kandidatin wurde für geheilt erklärt – das heißt besser wird es wohl nicht mehr – / macht kaum noch sprachfehler / hört sich an wie eine nachrichtensprecherin / kontrolliert, insofern das möglich ist, die eigenen gedanken / kontrolliert, zu einem akzeptablen prozentsatz, die eigenen gefühle“. Und auch: „hat ihre muttersprache vergessen / träumt in der sprache des ehemaligen besitzers / zieht brüder aus liebt schwestern ist / blauen augen gegenüber offen“.Schon wieder dieses Blau. Kees ’t Harts großartiger Roman „Blue Curaçao“ (Klett-Cotta, 1998) führt tief in eine holländische Nacht voller „Curaçao-artiger Fragen, die Leute kurz vorm Einschlafen überfallen“. Zu Besuch bei einer Freundin der Mutter findet der Erzähler ein karibisches Fotoalbum, in dem er auch Kinderfotos von sich entdeckt. Das Album aber ist versehrt: Die Mutter hat viele Fotos zerschnitten und etliche Gesichter ausgekratzt. Warum? Mit Jugendlichen, die ihm eigenartige Hinweise geben, treibt der Junge durch die nächtliche Stadt wie durch sein Unbewusstes. Und erinnert sich.Über Kees ’t Hart sagt man in den Niederlanden, er sei ein Autor mit Fanclub, aber ohne Leser. Zu traumhaft seien seine Bücher. Auch „Blue Curaçao“ ist weniger ein Roman über eine Insel als über ein tropisches Trauma. Ein nachttrunkenes Meisterwerk. Wie toll, dass einige der vielen niederländischsprachigen Bücher von oder über Curaçao auch ins Deutsche übersetzt wurden. Es sind viellagige Bücher. Man kann sein Ohr drauflegen, wie Radna Fabias in einem ihrer Gedichte das Ohr aufs Meer legt. Und dann hört man tief unten, „wie sich der sand bewegt“.














