Über sprachliche Ungleichbehandlungen. Die ZugabeManfred Papst14.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenAus gutem Grund unterscheiden wir die Adjektive «kindlich» und «kindisch». Mit dem einen benennen wir etwas, das typisch für Kinder ist: ihr Aussehen oder ihr Verhalten, ihre Denkweise oder ihre Gefühle. Als «kindisch» bezeichnen wir dagegen ein albernes oder unreifes Benehmen. Auch «herrlich» und «herrisch», «weiblich» und «weibisch» sind zweierlei Dinge. Komisch nur, dass uns diese Differenzierung abhandenkommt, sobald wir das Wort «Mensch» in den Blick nehmen. Menschen können sich nur menschlich (oder unmenschlich) verhalten, nicht aber «menschisch», will sagen auf jene Weise, in der sich alle ihre unerfreulichen Eigenschaften zeigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei den Tieren ist es genau umgekehrt: Sie verhalten sich «tierisch», nicht «tierlich». Das Wort «tierlich» gibt es zwar: In Kreisen, die sich um eine tiergerechte Sprache bemühen, wird es verwendet, und es steht sogar im Duden. Wirklich durchgesetzt hat es sich aber nicht. Im allgemeinen Sprachgebrauch übernimmt weiterhin «tierisch» die verschiedensten Funktionen: Wir können wertneutral von tierischen Zellen sprechen, aber auch diskriminierend von einem tierischen (also ungehobelten, triebhaften) Wesen oder bloss verstärkend von einem tierischen Durst.Schon als Kind irritierte es mich, dass gleiche Handlungen bei Menschen und Tieren unterschiedlich benannt werden: Wir lernten, dass Menschen essen, Tiere aber fressen, egal wie klein und zierlich sie sind und wie geschickt sie sich dabei anstellen. Auch wer kein Katzenfreund ist, muss einräumen: Tischmanieren haben die Viecher! Gleichwohl gestehen wir ihnen keinen Mund zu, sondern bloss ein Maul, allenfalls ein Mäulchen. Wir trinken, während sie saufen (was für ein Witz!), sie sind nicht schwanger, sondern trächtig, sie gebären nicht, sondern werfen, und sie säugen ihre Jungen; das Stillen ist den Menschen vorbehalten.An all das habe ich mich gewöhnt. Dagegen stosse ich mich bis heute daran, dass wir den Tieren das Sterben verweigern. Sie dürfen bloss verenden, und wir bilden uns ein, selbst nach dem Tod noch etwas Besseres zu sein, nämlich eine Leiche statt ein Kadaver. Dabei heisst es schon im Alten Testament (Prediger 3,19): «Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh, / wie dies stirbt, so stirbt er auch; / und haben alle einerlei Odem; / [. . .] Es fährt alles an einen Ort; / es ist alles von Staub gemacht, / und wird wieder zu Staub.»Niemand wisse, sagt der Prediger weiter, ob der Geist des Menschen aufwärts zum Himmel fahre, derjenige der Tiere aber abwärts unter die Erde, und er kommt zu dem lakonischen Schluss, dass dem Menschen nichts anderes übrigbleibe, als fröhlich zu sein in seiner Arbeit.Muss man mehr wissen? Ich meine nicht.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»