Der SAC erhöht die Preise für Übernachtungen in seinen Hütten – weil Geld für wichtige Renovationen fehlt, aber auch als Strafe für Gäste, die annullierenNach einem internen Streit einigt sich der Schweizer Alpen-Club auf neue Gebühren für Hüttengäste und eine Finanzlimite für Umbauten. Es geht auch darum, luxuriösen Umbauten den Riegel zu schieben. Nach Jahren des Ausbaus spricht der SAC von einer «neuen Einfachheit».14.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenWie viel Komfort darf sein? Diese Diskussion begleitet den SAC seit seiner Gründung.Alessandro Della Bella / Keystone«Ja hallo, hier ist der Franz», tönt es heiter aus dem Telefon der Vermigelhütte im Urner Unteralptal, 2000 Meter über Meer. Dieses Wochenende startet sie in die Sommersaison. Der Hüttenwart Franz Blum prüft mit einem Elektriker gerade die Stromleitungen und die Brandmelder, am Samstag werden die Zimmer geputzt, am Sonntag die ersten Gäste bewirtet. Trotzdem nimmt sich Franz Zeit für einen Schwatz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach sechzehn Jahren auf der Vermigelhütte kann er viele Geschichten erzählen, wie sie über den Sommer hinweg in Dutzenden Schweizer Medien erscheinen. Zum Beispiel jene, als seine Partnerin wegen Gästen mit Allergien drei Menus kochte und sich die Vegetarier danach beschwerten, dass sie dasselbe serviert bekommen hatten wie die Veganer. Und natürlich ärgert sich Franz manchmal über die neue Unverbindlichkeit der Leute, etwa als an einem Feiertag eine Vierergruppe trotz Reservation nicht auftauchte. «Vier Teller unseres Festtagsmenus Lachs mit Spinat blieben übrig», sagt Franz, «die mussten wir dann halt selbst essen.»Anekdoten wie diese sind in der Schweiz inzwischen so beliebt, dass sie als Serie unter dem Titel «Hüttengeschichten» in der vierzehnten Staffel auf SRF laufen. Sie dienen den Schweizern auch als Selbsterzählung darüber, wie sie gerne wären – bodenständig, unkompliziert – und wie sie geworden sind: unzuverlässig und wählerisch mit diversen Allergien. Darüber kann man als Fernsehnation dann gemeinsam schmunzeln und den Kopf schütteln.Doch für die Hüttenwarte sind das mehr als belustigende Anekdoten, ihre Hütten sind einem Wandel unterworfen, der ihr Geschäftsmodell bedroht. 40 Prozent aller Buchungen in Schweizer SAC-Hütten werden heutzutage annulliert. Das erschwert die Planung der Hüttenwarte und drückt auf die Motivation.Nun reagiert der Schweizer Alpenclub (SAC), indem er die Preise für Gäste erhöht. In Bern hatten sich am Samstag 180 Abgeordnete des Verbands getroffen, um über die Zukunft der Hütten zu entscheiden. Ab nächstem Jahr soll eine Reservationsgebühr von 10 Franken pro Gast und Nacht anfallen. Die Gebühr ist eine Art Depot: Wird die Buchung annulliert, und zwar egal aus welchem Grund, gehen die 10 Franken an die Hütte. «Damit möchten wir die Gäste zu mehr Verbindlichkeit verpflichten», sagt der SAC-Präsident Marco Dirren.Zusätzlich sollen Gäste künftig eine Taxe von 5 Franken pro Buchung bezahlen. Diese kommt direkt dem Hüttenfonds des SAC zugute, aus welchem Renovationen und Umbauten finanziert werden. Auch Bergführer, die bisher gratis logierten, müssen pro Nacht einen Beitrag von 20 Franken an den Fonds bezahlen. Denn obwohl die Hütten so beliebt sind wie nie, droht dem SAC das Geld für ihren Erhalt in ein paar Jahren auszugehen.Das hat mit dem Klimawandel zu tun. Ein Drittel der Hütten ist von auftauendem Permafrost bedroht, vielerorts braucht es Schutzmassnahmen, die ins Geld gehen. Auch Brandschutznormen verteuern die Umbauten, etwa weil breitere Gänge geschaffen werden müssen. Und die Ansprüche der Gäste tragen ihren Teil dazu bei. Viererzimmer statt Massenlager, breitere Betten, Duschen, all das kostet.Die Preiserhöhungen haben im SAC für heftige Diskussionen gesorgt. Die Hütten sind das wichtigste Identitätsmerkmal des Vereins. Doch wie komfortabel sollen sie gebaut sein? Und für wen?Das Ende des miefigen MassenlagersAls der SAC in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann, Hütten zu bauen, dienten diese nur als Nachtlager. Die Alpinisten schliefen auf Stroh, pinkelten draussen und verpflegten sich selbst. Es sei nicht Aufgabe des SAC, «Unterkunftshäuser für Sonntags-Caravanen» zu bauen, hiess es 1880 in einem Bericht des SAC.Zu finden ist das Zitat in einem Essay des Autors und Alpinisten Marco Volken. Er hat mehrere Hüttenführer geschrieben und sagt, bei der Frage, wie viel Komfort eine Hütte bieten solle, gehe es immer auch darum, wer dort willkommen sei. «Die Gründer des SAC stammten aus dem Bürgertum, sie waren Professoren, Ärzte, Lehrer, die darauf pochten, unter sich zu bleiben», sagt Volken. Die ersten Biwaks und Hütten des SAC seien wie «Baumhütten für erwachsene Männer» gewesen: Orte ohne soziale Kontrolle.Doch der Ansturm auf die Hütten wurde immer grösser. Stetig gewann der SAC an Mitgliedern, Hütte um Hütte wurde gebaut, bis es Ende der 1970er Jahre die bisher höchste Zahl von 153 SAC-Hütten gab. Doch die Diskussionen über ihren Ausbaustandard gingen weiter.Ein Symbol dafür ist laut Volken die Cabane du Vélan. Sie liegt im Wallis auf 2600 Metern über Meer und sieht aus wie der Bug eines Schiffs: silberner Stahl, gerundete Seiten, eine spitze Front, ein Flachdach. 1993 gebaut, war sie ein futuristischer Fremdkörper mitten im Berg, ein Bruch mit dem heimeligen Stil der schuhschachtelförmigen Steinbauten. «Die Cabane du Vélan war für viele im SAC ein Affront», sagt Volken.Die Cabane du Vélan löste im SAC eine Diskussion darüber aus, wie modern eine SAC-Hütte sein soll.Savioz Frabrizzi ArchitectesDem modernen, jüngeren Publikum hingegen vermittelte die Cabane das Bild, dass es in den Bergen mehr erwarten kann als ein miefiges Massenlager. So wurden die SAC-Hütten zum Ziel von Wanderern, die nicht wegen der Gipfel, sondern wegen der Sicht aus den neuen Glasfronten der Gaststube kamen.Neue EinfachheitDoch die Zeit solcher Würfe scheint angesichts der angespannten finanziellen Lage vorbei zu sein, wie ein Architekturmagazin kürzlich feststellte. Unter dem Titel «Neue Einfachheit» stimmte sich der SAC vergangenes Jahr an einer Tagung schon einmal auf die neue Ausgangslage ein: Wieder simpler bauen und nicht jeden Komfort erfüllen, so lautet die neue Devise.Entsprechend haben die Abgeordneten am Samstag auch entschieden, die Ausschüttungen aus dem Hüttenfonds zu begrenzen. Die lokalen SAC-Sektionen, denen die Hütten gehören, erhielten bis anhin bis zu 40 Prozent der Kosten für eine Renovierung aus dem Fonds, bei Neubauten waren es 37 Prozent. Neu darf der Anteil aus dem Fonds nur noch 30 Prozent betragen, den Rest müssen die Sektionen durch Spenden und Mitgliederbeiträge aufbringen.«Die neue Regelung soll auch disziplinierend wirken, um sparsamer zu bauen», sagt Marco Dirren. Er ist zuversichtlich, dass die Massnahmen ausreichen, um den Fonds zu stabilisieren und die Zukunft der Hütten zu sichern.Die neuen Regeln hatten im Vorfeld für heftige Spannungen im Verband gesorgt. Ein erster Vorschlag des Zentralverbands mit noch höheren Preissteigerungen für die Gäste löste einen Aufruhr aus und führte dazu, dass sich eine Gruppe von Sektionen selbst an die Arbeit machte und die nun beschlossenen Massnahmen ausarbeitete. Ob die Rechnung aufgeht, will der Verband nun alle paar Jahre überprüfen.Zumindest für kleinere Sektionen dürfte es anspruchsvoll werden, unter den neuen Bedingungen genügend Geld für Umbauten zusammenzutragen. Und es könnte sein, dass sich der Verband bald noch unangenehmeren Fragen stellen muss. Nämlich jener, ob es überhaupt noch Sinn ergibt, jede Hütte zu erhalten.Die Mutthornhütte im Berner Oberland etwa musste rückgebaut werden, weil sie aufgrund des auftauenden Permafrosts ins Rutschen kam. Für vier Millionen Franken wurde sie nun an einem Standort in der Nähe neu gebaut, auch mit Geldern aus dem Hüttenfonds.Gemäss einer internen Präsentation will der Verband bis 2029 eine «Beurteilungsgrundlage» erarbeiten, «ob und welche Hüttenstandorte in Zukunft aufrechterhalten werden sollen». Spätestens dann dürfte es im SAC wieder emotional werden.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
SAC erhöht Hüttengebühren: Wegen des Klimawandels und zu vieler Annullierungen
Nach einem internen Streit einigt sich der Schweizer Alpen-Club auf neue Gebühren für Hüttengäste und eine Finanzlimite für Umbauten. Es geht auch darum, luxuriösen Umbauten den Riegel zu schieben. Nach Jahren des Ausbaus spricht der SAC von einer «neuen Einfachheit».








