Acht tote Elefanten: Das klingt verdächtigUngewöhnlich viele Elefanten sind seit 2020 im Zürcher Zoo gestorben, darunter auch neugeborene Kälber. Geht es Elefanten im Zoo gut genug, um sich fortpflanzen zu können?13.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Elefantenbulle Zali wurde 2023 geboren und entwickelte sich gut. Doch 2025 hatte er einen Unfall und brach sich das Bein. An den Komplikationen starb er schliesslich. Michael Buholzer / KeystoneDie Geburt verläuft komplikationslos, die Elefantenmutter kümmert sich fürsorglich, und trotzdem stimmt etwas nicht: Am vergangenen Montag ist im Zoo Zürich ein Elefantenbulle geboren worden. Aber er ist einfach nicht aufgestanden. Die Tierärzte kümmerten sich und versuchten, ihn aufzurichten. Eine Nacht lang hegte ihn seine Mutter Indi, bis sie irgendwann aufzugeben schien. Der kleine Bulle blieb liegen, die Beine wie Gummi. Die Tierärzte des Zürcher Zoos schläferten ihn am Folgetag schliesslich ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Es ist unmöglich, so ein Elefantenkalb aufzupäppeln, wenn es nicht laufen kann», sagt Maya Kummrow. Sie ist Oberärztin am universitären Tierspital der Vetsuisse-Fakultät Zürich und Co-Leiterin der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere. Sie war bei der Geburt und der Einschläferung dabei. Ein Elefantenkalb wiege 100 Kilogramm. Es müsse laufen. «Wenn solch ein Tier liegen bleibt, bekommt es Druckstellen und Schmerzen. Das konnten und wollten wir dem Tier nicht zumuten. Auch wenn es sehr traurig war, ein neugeborenes Tier einschläfern zu müssen.»Das tote Kalb werde nun untersucht. «Wir wollen gerne wissen, warum er seine Beine nicht belasten konnte. Wenn es an etwas lag, was wir ändern können, werden wir das nach Möglichkeit tun», sagt der Zoodirektor Severin Dressen.Es wäre schön gewesen, jetzt wieder einmal einen Zuchterfolg vermelden zu können, fügt er hinzu. «Natürlich sind wir sehr frustriert darüber, dass wir jetzt diese lange Reihe von Todesfällen bei den Asiatischen Elefanten hatten.» Acht junge Tiere starben seit 2020.Es gibt kein MusterTatsächlich wirkt die Häufung der Todesfälle erstaunlich – vielleicht auch verdächtig – und heizt eine alte Debatte wieder an: Kann man sozial so komplexe Tiere wie Elefanten im Zoo überhaupt gut züchten? Ist der mangelnde Fortpflanzungserfolg auf schlechte Haltungsbedingungen zurückzuführen?Seit 2020 sind acht teilweise noch junge Elefanten im Zürcher Zoo verstorben. Zwei davon wurden tödlich von anderen Tieren verletzt. Ein Elefant starb durch eine bis heute unklare Gruppendynamik. Ein zweites Kalb starb, nachdem die Herde immer intensiver versucht hatte, das Kalb zum Aufstehen zu animieren. Ein für Elefanten normales Verhalten. Wie sich später herausstellte, wäre das Kalb nicht langfristig lebensfähig gewesen. Drei starben 2022 innerhalb von zwei Monaten an einer Herpesvireninfektion.2023 gebar die Elefantenkuh Farha einen Bullen, der nicht lebensfähig war. Später stellte sich heraus, dass sein Zwerchfell fehlte und auch andere Organe nicht korrekt ausgebildet waren. Ein weiterer Sohn Farhas starb 2025 im Alter von einigen Monaten aufgrund von Komplikationen nach einem Unfall. Und nun wieder ein totes Kalb von einer anderen Mutter, das seine Beine nicht belasten konnte.«Das Problem ist, dass wir keine Gemeinsamkeiten der Todesfälle erkennen, es gibt kein Muster», sagt die Tierärztin Kummrow. Die Tiere waren unterschiedlich alt und starben an unterschiedlichen Ursachen.Anders als das öffentliche Bild manchmal erscheint, gilt die Elefantenhaltung unter Fachleuten wie Biologen als nicht mehr sehr schwierig oder gar fragwürdig. Noch vor vierzig Jahren lebten Zooelefanten im Durchschnitt weniger lang als wilde, heute ist es umgekehrt, zeigen Studien. Wissenschaftlich geführte Zoos haben die Elefantenhaltung stark verändert und modernen Erkenntnissen angepasst.Der neugeborene Elefantenbulle konnte nicht aufstehen.Zoo ZürichKälber werden geboren, sie überleben nur nichtDas mussten sie auch: Elefanten leben in einer speziellen Sozialstruktur, in einer Art Matriarchat. Miteinander verwandte Elefanten wie Oma, Mutter, Tochter und Cousine pflegen lebenslange, enge Bindungen. Eine Leitkuh führt. Die Bullen wiederum leben als Einzelgänger oder in lockeren Junggesellengruppen. «Früher hat man in Zoos einfach irgendwelche Elefantenkühe zusammengewürfelt und gedacht, so entstehe eine Herde. Das hat aber nicht funktioniert», sagt Kummrow.Heute wüssten die Zoos es besser. Im Zoo Zürich leben je zwei getrennte Gruppen von Elefantenkühen, einmal Mutter und Tochter und einmal zwei Schwestern. Ein Bulle erhält Zugang zu beiden Gruppen. «Für Elefanten zählt die Qualität der Beziehungen, nicht die Anzahl», sagt Kummrow. Doch warum gelingt dann die Zucht im Zoo Zürich nicht?«Aber die Zucht gelingt ja, die Tiere werden ganz normal trächtig und gebären. Sie werden nur nicht gross», sagt Imke Wiemann. Die Zoo- und Wildtierveterinärin ist Fortpflanzungsexpertin für Elefanten. Sie ist Mitarbeiterin des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) und arbeitet als Tierärztin für den Zoo Münster. Krankheiten und Unfälle passierten im Zoo ebenso wie in der Natur.Das EEP koordiniert und plant europaweit die Zucht von Elefanten und anderen Zootieren, um sicherzustellen, dass ein stabiler Bestand erhalten bleibt. Die Tiere sollen als Reserve dienen: Wenn die Art in der Wildnis so sehr in Bedrängnis gerät, dass sie auszusterben droht, sollen die Zootiere langfristig dazu beitragen, dass Tiere wieder in der Natur angesiedelt werden können.Elefantenbestand ist gesünder als manche Haustierart«Die Zucht von Asiatischen Elefanten gelingt gerade sogar so gut, dass es fast zu viele werden. Sie können älter als fünfzig Jahre werden, wir haben aber nicht unbegrenzt Platz. Deshalb hat das EEP einige Tiere nicht mehr zur Zucht zugelassen. Auch die Fortpflanzungsrate in Zürich ist gut», sagt Wiemann.Eine Möglichkeit, warum Zucht nicht gelingen kann, wäre zum Beispiel eine geringe genetische Diversität. Sind Tiere zu eng miteinander verwandt, können gesundheitliche Nachteile und Behinderungen bei ihren Nachkommen die Folge sein. Doch nur der gerade gestorbene Bulle und der Bulle ohne Zwerchfell könnten möglicherweise ein genetisches Problem gehabt haben. Das ist jedoch nicht sehr wahrscheinlich: In Europa gehören immerhin 300 Asiatische Elefanten zum Zuchtprogramm. Die Zoos tauschen sie immer wieder untereinander aus.«Die genetische Vielfalt bei den Asiatischen Elefanten ist besser als bei vielen Haustieren und manch anderen Zootierarten», sagt Wiemann. Zum Beispiel sei der Bestand der Breitmaulnashörner in Südafrika aus weniger als 100 Tieren wieder auf einen gesunden Bestand von 15 000 Tieren angewachsen.Dennoch sieht Wiemann Herausforderungen bei der Zucht und der Haltung von Elefanten: Ein spezielles Herpesvirus (EEHV) befällt die Tiere immer wieder und tötet sie manchmal innerhalb weniger Stunden. Drei der Zürcher Todesfälle gehen auf das Konto des Virus. «Doch das betrifft Wildelefanten genauso und ist kein spezielles Zooproblem.»Die Todesfälle sind laut Wiemann nicht auf schlechte Bedingungen zurückzuführen: «Die Haltungsbedingungen für Elefanten in Zürich als schlecht zu bezeichnen, wäre lächerlich. Welches andere Tier in menschlicher Obhut hat eine solch aufwendige und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Versorgung und Unterbringung?»Passend zum Artikel