Im Zolli bekämpfen sich die Gorillas: Was hinter den beiden Todesfällen stecktIm Zoo Basel sind diese Woche zwei Gorillas gestorben. Der Anführer der Primatengruppe hat sie tödlich verletzt. Darunter sein eigenes Jungtier, das erst vier Tage alt war. Wäre das in der Wildnis auch passiert? Der Basler Tierkurator gibt Antworten.16.07.2026, 17.09 Uhr4 LeseminutenDer Silberrücken Yeba ist erst seit einigen Monaten Anführer der Gorillagruppe im Basler Zoo.Zoo BaselDer grosse Gorilla blickt in die Kamera, den Kopf auf den Unterarm gestützt. «Der Zolli nimmt Abschied von einem weiteren Mitglied der Gorillagruppe», heisst es am Mittwoch in einem Instagram-Post des Zoos Basel. Darüber das Foto von Yeba. Der Silberrücken hat zwei seiner Artgenossen getötet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Tierärzteteam des Zolli, wie der Zoo im Volksmund genannt wird, musste schon am Dienstag das elfjährige Männchen Mobali einschläfern. Der Biologe Adrian Baumeyer betreut die Gorillas seit 2012. Im Interview mit der NZZ sagt er, dass Mobali vom 14-jährigen Silberrücken Yeba im Genitalbereich verletzt worden sei. Nach einer Untersuchung durch die Tierärzte war klar, dass sich die Verletzung auch mit einer aufwendigen Operation nicht hätte heilen lassen.Noch am selben Abend starb das vier Tage alte Jungtier des Gorillaweibchens Joas (37). In einer Rangelei zwischen der Mutter und dem Silberrücken hat er das Jungtier mit einem Biss tödlich verletzt. Yeba war der Vater des Gorillababys, es war sein erster Nachwuchs.Wie kam es zu diesen beiden Todesfällen?Gorillagruppen brauchen einen AnführerDie Sozialstruktur von Gorillas ist gut erforscht. Langzeitstudien zeigen, dass sie in komplexen Sozialverbänden leben und über Jahre stabile soziale Beziehungen aufbauen.Biologe Adrian BaumeyerKenneth Nars / CH MediaDer Silberrücken Yeba ist erst im Oktober 2025 zur bestehenden Gorillagruppe im Zolli gestossen. Sie bestand damals aus Mobali und Joas sowie den anderen Weibchen Adira (19), Makala, (11), Qaziba (6).Yeba folgte auf den Silberrücken M’Tongé, der im Juni 2025 aufgrund einer Krankheit eingeschläfert werden musste. Als Silberrücken bezeichnet man ein ausgewachsenes, geschlechtsreifes Gorillamännchen, charakteristisch ist das silbergraue Rückenfell.Die Eingliederung eines neuen Anführers in eine bestehende Gorillagruppe ist ein komplexer Prozess. Studien zeigen, dass der Silberrücken eine zentrale Rolle für den Zusammenhalt der Gruppe spielt. Stirbt er in freier Wildbahn, löst sich die Gruppe häufig innerhalb kurzer Zeit auf.Im Zolli hätten sie das im vergangenen Sommer selbst bemerkt: «Als wir während der vier Monate keinen Silberrücken hatten, kam es unter den Gorillaweibchen zu Rivalitäten. Nach Yebas Ankunft hat sich die Situation wieder entspannt.»Im Zoo Basel unterscheiden sich die sozialen Strukturen der Gorillas nach Angaben von Baumeyer grundsätzlich nicht von jenen in freier Wildbahn. Einen einzigen Unterschied gebe es: In Zoogruppen leben auch kastrierte Männchen. Nach den Erfahrungen anderer europäischer Zoos gilt eine solche Gruppenkonstellation bislang jedoch nicht als konfliktanfällig.Anfangs soll die Zusammenführung mit der bestehenden Gorillagruppe gut gegangen sein, dann sei es zunehmend zu Angriffen auf Mobali gekommen. Dies, obwohl Gorillas eigentlich friedliebende Tiere sind und wenig Stresssituationen ausgesetzt sind.Nach Änderungen in der Gruppenzusammensetzung müsse sich die Rangordnung neu etablieren, erklärt Baumeyer. Dabei könne es durchaus zu Bissverletzungen kommen – auch in freier Wildbahn. In den meisten Fällen seien diese jedoch nicht schwerwiegend.«Was sich mit Mobali ereignet hat, ist ein Ausnahmefall», sagt der Tierkurator.«Tötung des Gorillababys war ein Unfall»Zu den wissenschaftlich beschriebenen Verhaltensweisen von Gorillas zählt auch der Infantizid, das Töten von Jungtieren durch Artgenossen. Solche Fälle sind nicht auf Gorillas beschränkt, sondern kommen auch bei anderen Säugetieren wie Löwen oder Bären vor, die in Haremstrukturen leben.Wenn ein Männchen in der Natur nicht sicher sei, ob es der Vater eines Jungtiers sei, könne es evolutiv vorteilhaft sein, das Jungtier zu töten, sagt Baumeyer. Für den Zoo Basel stand fest, dass Yeba der Vater war, da das andere Männchen kastriert war. «Allenfalls war sich Yeba dessen nicht sicher», sagt er.Laut Baumeyer nahm Yeba das Jungtier der Mutter aus Neugierde weg. Der Silberrücken habe es zunächst vorsichtig untersucht, danach habe er das Jungtier nicht mehr loslassen wollen.Die anwesende Pflegerin habe beobachtet, dass Yeba nach der Rangelei eher verwundert gewesen sei, dass sich das Jungtier nicht mehr an ihm festhielt. Der Zolli geht daher von einem Unfall aus: «Es war kein Aggressionsakt, das stimmt uns in diesem Sinn positiv. Das bedeutet, dass es möglicherweise bald wieder Jungtiere geben könnte», sagt Baumeyer.«Langsam längts!»Gegnerinnen und Gegner der Zoohaltung kritisieren den Fall, ähnlich wie beispielsweise bei den Elefanten im Zoo Zürich. Auf Instagram kommentieren Menschen den Post des Zolli: «Platz auf engstem Raum. Schrecklich, was Tiere erleiden müssen. Gehören in die Freiheit.» / «Die armen Tiere, wer will denn eingesperrt sein? Hört auf mit Artenerhalt.» / «Ihr lueged nid richtig. Langsam längts. I dem Zoo sterbet verdächtig viel Tier.»Doch von anderen Zoos und Expertinnen und Experten aus ganz Europa habe Baumeyer Unterstützung erhalten: «Alle, die mit Gorillas arbeiten, wissen, dass so etwas passieren kann. Man sieht nicht nur die schönen Seiten, sondern auch die negativen.»Der Tierkurator sagt, die Gorillagruppe gehe mit den Todesfällen sehr unaufgeregt um. «Es herrscht sozusagen ‹courant normal›. Wenn man die Tiere heute beobachtet, merkt man nichts, sogar wenn man sie kennt», sagt Baumeyer.Für das Team sei es dagegen sehr schwierig, wenn man Tiere verliere, besonders wenn es zwei am gleichen Tag seien. «Wir sind ein gutes und erfahrenes Team. Wir reden viel miteinander und besprechen, was wir das nächste Mal anders machen könnten», sagt Baumeyer. Nun sei es entscheidend, den Angriff auf Mobali genau zu analysieren – auch, um ähnliche Vorfälle in anderen Zoos möglichst zu verhindern.Passend zum Artikel